Weniger Essen im Müll: Foodsharing gewinnt renommierten Umweltpreis

Weniger Essen im Müll: Foodsharing gewinnt renommierten Umweltpreis

von Benjamin Reuter

Auf Foodsharing.de können Menschen Lebensmittel teilen – dafür gibt es jetzt den renommierten GreenTec Award.

WiWo Green ist in diesem Jahr Medienpartner der GreenTec Awards, Europas größtem Preis für grüne Technologien, Initiativen und Unternehmen. Mit Foodsharing steht nun in der Kategogie Kommunikation auch der erste Gewinner der Awards 2013 fest. Was das Team von Foodsharing antreibt und wie die Idee funktioniert, lesen Sie hier:

Raphael Fellmer ist ein eher ungewöhnlicher Kunde in den Filialen der Supermarktkette Bio Company im Berliner Stadtteil Zehlendorf. Er nimmt gerne das mit, was andere Kunden nicht wollen. Auch wenn mal ein Apfel Druckstellen hat oder das Mindesthaltbarkeitsdatum eines Joghurts schon naht, interessiert ihn das nicht.

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Ganz im Gegenteil, auf genau die Lebensmittel, die andere Kunden nicht wollen, hat er es abgesehen. Und: Er bezahlt für seine „Einkäufe“ keinen Cent.

Fellmer, immer mit einem großen Lächeln im Gesicht und Vater einer Tochter, lebt in Berlin seit drei Jahren ohne Geld und ernährt sich von Lebensmitteln, die eigentlich auf dem Müll landen würden. Aber nicht nur er profitiert davon.

„Bio Company spart durch das Verschenken sogar noch Geld“, sagt Fellmer. Denn für die Filialen entfällt rund die Hälfte des Bio- und Verpackungsmülls – und das spart die Entsorgungskosten für den Abfall.

30.000 Tonnen Essen landen im Müll - pro TagDass Fellmer nun Biolebensmittel umsonst bekommt, hat auch mit seinem eigenen Engagement zu tun. Denn er arbeitet ehrenamtlich für Foodsharing, eine Initiative, die mit der Lebensmittelverschwendung in Haushalten, in Supermärkten und auf Bauernhöfen Schluss machen will (wir bei WiWo Green haben im Dezember darüber berichtet).

Fellmer war maßgeblich an den Gesprächen mit der Geschäftsführung der Supermarktkette beteiligt, die dazu führten, dass Bio Company jetzt auch Lebensmittel verschenkt, statt sie wegzuwerfen. Und das nicht nur in den Berliner Filialen, sondern auch in Potsdam und Hamburg.

Neben Fellmer engagiert sich in ganz Deutschland ein Team von 14 ehrenamtlichen Mitarbeitern um den Gründer und Filmregisseur Valentin Thurn bei Foodsharing. Der Verein hat aber nicht nur Supermärkte als Essenvernichter im Blick, sondern auch die Haushalte. Deshalb startete das Team im Dezember 2012 eine Internetplattform, um auch Privatpersonen das Teilen von Lebensmitteln zu ermöglichen. Mittlerweile hat sie knapp 24.000 Nutzer.

Dieser Erfolg in sehr kurzer Zeit war es auch, der die Jury der GreenTec Awards überzeugt hat, Foodsharing mit dem Preis in der Kategorie Kommunikation auszuzeichnen. "Foodsharing hat ohne viel Geld eine sehr erfolgreiche Kommunikationsstrategie entwickelt", sagt Ronald Focken, Geschäftsführer der Werbeagentur Serviceplan und Vorsitzender der Kategorie Kommunikation der Greentec Awards. Sein Urteil: Das Team werbe über Facebook und andere soziale Medien für ihre Idee und nutze damit perfekt die Chancen und Möglichkeiten des Internets, um ein enorm wichtiges Projekt umzusetzen.

Vorbild ShareconomyUnd tatsächlich: Gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vorzugehen, ist eine gewaltige Aufgabe. Täglich landen allein in Deutschland rund 30.000 Tonnen Lebensmittel auf dem Müll, wie eine Studie der Universität Stuttgart zeigte.

Das sind aber nur die Mengen, die Haushalte, Großküchen und Industrie entsorgen. Wie viel die Supermärkte in Deutschland wegschmeißen, weiß niemand mit Sicherheit zu sagen.

Experten gehen aber davon aus, dass in Industrieländern bis zur Hälfte aller produzierten Lebensmittel nie auf den Tellern der Verbraucher landen.

Die Idee zur Gründung von Foodsharing kam Thurn und seinem Team beim Dreh seines Films über Lebensmittelverschwendung „Taste the Waste“. Das Vorbild für die Internetplattform, die in der Folge entstand, waren "Tausch- und Leihbörsen im Internet für Autos, Klamotten oder Wohnzimmersofas“, sagt der Regisseur.

Über Crowdfunding finanzierte das Team Programmierer für die Internetseite. Auf Foodsharing.de können Menschen, bei denen Essen übrig geblieben ist, seitdem „Essenkörbe“ einstellen. Wer Interesse an den Lebensmitteln hat, tritt mit der Anbieterin oder dem Anbieter in Kontakt und holt sich die Lebensmittel kostenlos ab.

Da das vielen aber zu aufwendig ist, gibt es in ganz Deutschland mittlerweile auch sogenannte „Fairteiler“: Das sind zentrale Orte, wo jeder Lebensmittel abgeben und abholen kann. In Köln, Hürth, München, Mainz und Wien ist das jetzt schon möglich. In den nächsten Monaten sollen weitere hinzukommen.

Weitere Supermärkte machen mitAllerdings gab es bei einem solchen zentralen Verteiler in Berlin schon Ärger mit der Lebensmittelüberwachung. Der Grund: Die Herkunft der Nahrungsmittel lasse sich nicht eindeutig zurückverfolgen. Falls die Behörden auch in anderen Bundesländern dem Verschenken von Essen einen Riegel vorschieben, wollen die Foodsharing-Macher Notfalls mit einer Petition im Bundestag eine Gesetzesänderung bewirken.

Aber nicht nur immer mehr Privatpersonen geben ihre überflüssigen Lebensmittel weiter, bevor sie im Müll landen. Auch weitere Supermärkte folgen dem Trend.

Neben Bio Company verschenken mittlerweile auch fünf Filialen von Alnatura ihre Lebensmittel an Foodsharing-Teilnehmer, statt sie in den Abfall zu befördern.

Und auch die herkömmlichen deutschen Einzelhändler zeigten inzwischen Interesse an der Anti-Müll-Kampagne, sagt Fellmer. Warum? „Es ist gut für ihr Image.“ Denn die Kunden könnten sich dann aktiv für Supermärkte entscheiden, die Essen nicht mehr in die Tonne werfen. Das könne ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz sein.

Bei ihren Kooperationen mit den Supermärkten achten die Foodsharing-Macher darauf, nicht anderen Hilfsprojekten wie den Tafeln Konkurrenz zu machen. Bei Alnatura in Berlin wird nur das abgeholt, was die etablierte Armenspeisung nicht nimmt.

Demnächst soll Foodsharing auch in Spanien, Frankreich und Großbritannien starten. Dann ist das Team seinem Ziel schon wieder ein Stück näher gekommen: Nämlich, dass die Lebensmittelverschwendung im großen Stil bald ein Ende hat.

Den zweiten Gewinner der GreenTec Awards präsentieren wir bei WiWo Green am Anfang der kommenden Woche. Alle weiteren Preise werden Ende August verliehen.

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