Weniger Essen im Müll: Rewe und Edeka verkaufen krummes Gemüse

Weniger Essen im Müll: Rewe und Edeka verkaufen krummes Gemüse

von Thiemo Bräutigam

Sinnbild der EU-Bürokratie: Die Gurkenverordnung. Rewe und Edeka geben jetzt auch Ausreißern eine Chance.

Der deutsche Konsument ist brutal. Was nicht makellos aussieht, kauft er nicht: Äpfel müssen strahlen, Gurken saftig grün sein, Salate rund wie ein Fußball sein. So stellen sich zumindest deutsche Einzelhändler ihre Kunden vor - und sortieren genießbare Ware mit optischen Macken aus, bevor sie im Regal liegen bleibt.

Lebensmittel im Wert von 25 Milliarden Euro landen in Deutschland jedes Jahr im Müll, im Schnitt sind es 80 Kilo pro Person. Und zwölf Millionen Tonnen Nahrung werden auf dem Weg zwischen Acker, Bauer und Teller verschwendet. Bereits auf dem Feld bleibt liegen, was es vermeidlich nicht ins Supermarkt-Regal schafft.

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Dieser Wegwerfkultur wollen sich die Einzelhändler Rewe in Österreich und einige Edeka-Filialen in Deutschland nun entgegenstellen. Hinter den unschönen Lebensmitteln vermuten die Unternehmen einen unerschlossenen Markt, mit dem sich kräftig Geld verdienen lässt.

Rewe hat dafür die Eigenmarke "Wunderlinge" kreiert. Karotten mit zwei Beinen, Kartoffeln mit Augen oder in Herzform und fleckige Äpfel werden künftig unter diesem Label verkauft. In deutschen Edeka-Filialen läuft unter dem Motto „Keiner ist perfekt“ eine ähnliche Kampagne als vierwöchige Testphase. Beide Händler versprechen, dass die seltsamen Formen, Farben und Flecken keinen geschmacklichen oder gesundheitlichen Unterschied machen.

Die vergleichsweise niedrigen Preise sollen Kunden dazu anspornen, zu krummen Gurken und fleckigen Äpfeln zu greifen. "Diese Form der Preisflexibilität muss Teil der Lösung im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung sein," sagt auch Anke Klitzing, Sprecherin von Slow Food Deutschland. "Nicht jeder kann sich gute, frische Lebensmittel leisten. Preisnachlässe vor Ablauf der Haltbarkeit und für Obst und Gemüse, das möglicherweise nicht so aussieht wie wir das erwarten, sind richtig," so Klitzing.

Auf die inneren Werte kommt es an

Geht es nach Rewe, profitieren von der Aktion auch Erzeuger. "Wir beziehen die Wunderlinge von Erzeugern mit bestehenden Verträgen. Sie bekommen für diese Produkte zwar weniger Geld, als für die normierten, jedoch mehr als sie beispielsweise für den Verkauf als Tierfutter oder für die Biogasproduktion bekommen würden", sagt eine Rewe-Sprecherin gegenüber Wiwo Green.

Doch profitieren Bauern tatsächlich von der neuen Marke - und wie nachhaltig ist das Konzept wirklich? Wir beantworten die wichtigsten Frage.

1. Was passiert tatsächlich am Anfang der Wertschöpfungskette?

Kartoffeln und Salate, die nicht der Norm entsprechen, werden untergepflügt, schreibt Rewe International in der Pressemitteilung. Das stimmt auch, aber sie dienen damit auch als natürlicher Dünger. "Es ist keine Lebensmittelverschwendung, wenn ein Teil der Pflanzen im Boden bleibt und als Nährstoff für die nächste Generation dient," sagt Michael Lohse, Pressesprecher des Deutschen Bauernverbandes. "Zwischenfrüchte wie Raps werden zwischen Ernte und Aussaat sogar ganz bewusst gepflanzt und untergepflügt, um dem Boden die nötigen Nährstoffe zu liefern."

2. Ist der Aufwand für die Bauern tatsächlich geringer und der Absatz höher?

Die maschinelle Vorsortierung geschieht ohnehin. Die Menge der Ausschussware ist gering. Was übrig bleibt, verkaufen die Bauern als Tierfutter oder für Biogasanlagen, wird aber auch zur Saftherstellung oder für die Verwertung als Konserven verwendet.  "Das regeln die meisten Landwirte schon untereinander," bestätigt Lohse vom Bauernverband. Natürlich sorgt der direkte Verbrauch durch den Konsumenten für eine bessere Energiebilanz, als der Umweg über Tierfutter oder Biogasanlage.

Besser als künstliches Kraftfutter und nur für die Verbrennung angelegte Maiskulturen ist diese Zweitverwertung aber allemal. Laut Ines Schurin, Sprecherin von Rewe International, kommt ohnehin nur ein kleiner Teil der produzierten Ware in Frage. Von 130 Millionen Kilo geernteten Äpfeln in Österreich entsprechen lediglich drei Prozent den Kriterien eines Wunderling. Bei Kartoffeln sind es rund fünf und bei Karotten immerhin rund zehn Prozent der Erntemenge.

3. Landet jetzt weniger Essen im Müll?

Ein flächendeckendes Angebot der günstigeren Produkte könnte das Einkaufsverhalten der Konsumenten tatsächlich ändern. Aber damit würden wir nicht gleichzeitig weniger essen beziehungsweise wegwerfen. Bei Waren wie Obst und Gemüse ist das Aussehen für den Kunden eine der stärksten Informationsquellen; das Auge isst bekanntlich mit.

Ohne Verbraucher ist ein Ende der Verschwendung jedenfalls nicht zu machen - sie werfen etwa die Hälfte der unnötigen Abfälle weg. Gut möglich, dass die neuen Marken das ändern.

 

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