Wilderei: Diese Idee soll Nashörner vor dem Aussterben retten

Wilderei: Diese Idee soll Nashörner vor dem Aussterben retten

von Birk Grüling

Die Nashornjagd hat einen blutigen Rekord erreicht. Könnte eine Legalisierung des Hornhandels den Trend umkehren?

2014 war kein gutes Jahr für Nashörner. Allein in Südafrika wurden über 1100 Tiere brutal von Wilderern getötet. Ein neuer Negativrekord. Zehn Jahre vorher, 2004, waren es gerade einmal zehn Nashörner. Auch Kenia und Namibia melden erneut einen deutlichen Anstieg der Tötungen – wenn auch in kaum vergleichbaren Dimensionen. In Südafrika leben über 80 Prozent der weltweiten Population. Hier wird der Kampf um das Überleben der Dickhäuter entschieden.

Die Bekämpfung der Hornjagd und des Handels mit Horn, denn darauf haben es die Wilderer abgesehen, bleibt eine schwierige Aufgabe, auch wenn die Regierung in Pretoria stellenweise sogar das Militär im Kampf gegen Wilderer einsetzt und Tiere in Geheimaktionen umsiedelt, so dass die Wilderer sie nicht mehr finden. Aber selbst mit dieser Unterstützung sind viele Nationalparkverwaltungen im Angesicht des Schlachtens ratlos. Die Schutzgebiete sind immens groß und eine dauerhafte Überwachung der Tiere aus der Luft schlichtweg zu teuer. Viele Ranger sind außerdem unterbezahlt und schlecht ausgerüstet.

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Sämtliche Versuche, den illegalen Handel durch bilaterale Abkommen einzudämmen, waren bisher kaum erfolgreich.

Nun gibt es aber eine neue Idee, um die Nashörner besser zu schützen: Regierungsvertreter und Nationalparkbetreiber diskutieren darüber, ob man den Handel mit den bisher illegalen Hornprodukten nicht legalisieren sollte. Es ist eine ganz ähnliche Diskussion, wie sie derzeit in Hinblick auf Drogen stattfindet – auch hier hat die Illegalisierung wenig gegen das organisierte Verbrechen geholfen.

Um den Hintergrund zu verstehen, muss man sich mit dem Handel von Horn beschäftigen:

Aberglaube kostet den Tieren das LebenDen Tierschützern und Rangern gegenüber stehen gutorganisierte und bis an die Zähne bewaffnete Wilderer-Banden. Im Schutze der Dunkelheit schlagen sie blitzschnell zu, schneiden den Dickhäutern bei lebendigem Leib ihre Hörner ab und verschwinden wieder. Übrig bleiben nur qualvoll verendete Tiere. Wenn die Ranger und Soldaten auftauchen, ist der Spuk meist schon vorbei. Ein Aufeinandertreffen mit den Wilderern wäre lebensgefährlich. Vor dem Schusswaffengebrauch schrecken die gefährlichen Kriminellen nicht zurück.

Der Grund für die illegale Jagd: Die Schwarzmarktpreise für Horn sind in den letzten Jahren explodiert. Nach Angaben des WWF werden für 100 Gramm Horn bis zu 2.000 Euro gezahlt. Solche Preise werden sonst nur mit Drogen oder Gold erzielt. Der illegale Tierhandel ist längst nach Drogen-, Waffen- und Menschenhandel das viertgrößte illegale Geschäft der Welt. Den Umsatz schätzen Experten auf 15 bis 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Inzwischen "lohnt" sich sogar die Jagd auf Jungtiere und Nashörner, deren Horn zum Schutz gekürzt wurde. Selbst aus Sammlungen wie dem Irischen Nationalmuseum stahlen Unbekannte schon wertvolle, gehörnte Exponate. Die Naturkundemuseen in Stuttgart und Karlsruhe entfernten gerade die Originalhörner aus ihren Ausstellungsräumen. Auch Zoos sorgen sich zunehmend um ihre Tiere.

Hauptabnehmer für die illegale Ware ist der asiatische Markt. Hier gilt Pulver aus Rhinohorn als Mittel gegen Krebs oder fehlende Potenz. Statt dem Horn könnten die Konsumenten aber auch ihre eigenen Fußnägel essen. Beides besteht aus Keratin. Trotz aller Aufklärungsarbeit von Tierschutzorganisationen und Regierungsstellen ist die Nachfrage gerade in der aufstrebenden Mittelschicht in China und Vietnam ungebrochen. Könnte also die Legalisierung des Hornhandels helfen?

Legalisierung - eine Idee mit vielen FragezeichenAuf den ersten Blick erscheint die Argumentation logisch. Durch die Legalisierung würden die Anreize für die Wilderer geringer, weil legale Produkte die Nachfrage decken würden. Außerdem könnte man die Einnahmen aus dem Hornverkauf in Naturschutzprojekte und die Ausstattung der Nationalparks investieren.

Befürworter haben vor allem zwei Quellen für legales Horn ausgemacht: In südafrikanischen Archiven schlummern etwa 18 Tonnen beschlagnahmtes Horn, Marktwert rund 100 Millionen Euro. Zweitens könnte Horn "geerntet" werden. Dabei werden die Nashörner vorübergehend betäubt und der obere, nicht durchblutete Teil des Horns entfernt. Alle drei Jahre wäre eine solche „Ernte“ möglich. Gesundheitliche Folgen für die Dickhäuter gibt es wohl nicht. Schon heute beschneiden einige Nationalparks ihre Tiere zum Schutz vor Wilderern.

Die Schwächen dieses Vorhabens offenbaren sich aber im Detail.

Die erste, große Hürde ist die Bürokratie. Für die Legalisierung bedarf es der Zustimmung der Organisation CITES - „Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen“. Seit fast 30 Jahren ist der Handel mit Nashorn nämlich verboten. Einen entsprechenden Änderungsantrag könnte Südafrika erst 2016 stellen und bräuchte dafür noch eine Zweidrittelmehrheit der Mitgliedsländer. Die wäre nur möglich, wenn das afrikanische Land glaubhaft machen kann, dass die Legalisierung wirklich die Situation verbessert.

Die Arbeit von Jahrzehnten wird zerstörtGenau daran gibt es aber Zweifel. Allein die Nachfrage an Horn übersteigt die Möglichkeiten einer legalen Horn-Produktion um das Tausendfache, meinen Kritiker. Das illegale Töten der Tiere würde so weiter lukrativ genug bleiben. Tierschützer warnen außerdem vor der hohen Korruption in Afrika und Asien, die solche Schritte deutlich erschwert. Außerdem könnte der Legalisierungsprozess zu lange für eine Rettung der Art dauern. Schon heute werden mehr Tiere getötet als geboren.

Viele Tierschützer fordern stattdessen wirksamere Kontrollen und Überwachung der Tiere und der Nationalparkgrenzen. Dazu wären vor allem mehr Personal, bessere technische Ausrüstung und strengere Gesetze nötig - nicht nur in Afrika, sondern auch in den Abnehmerländern in Asien.

Besonders bitter: Südafrika und seine Nashörner galten Jahrzehnte lang als Paradebeispiel für erfolgreichen Tierschutz. Ende des 19. Jahrhunderts standen die Breitmaulnashörner bereits vor dem Aussterben. Es gab kaum mehr als 50 Tiere. Erst durch umfangreiche Schutzprogramme erholte sich die Population wieder. Eine Arbeit, die man heute 100 Jahre später, wieder leichtfertig zerstören könnte.

Aber die Zeit für einen besseren Schutz drängt: Mit dem Nördlichen Breitmaulnashorn droht die erste Unterart nun endgültig auszusterben. Mit dem Nashornbullen Suni starb 2014 in Kenia das wahrscheinlich weltweit vorletzte fortpflanzungsfähige Männchen dieser Nashorn-Unterart. Damit gibt es nur noch sechs Nördliche Breitmaulnashörner.

Welche Folgen ein gänzliches Verschwinden der großen Dickhäuter für das Ökosystem der afrikanischen Savanne hätte, ist schwer abzuschätzen. Nashörner verhindern beispielsweise die Verbuschung der Landschaft und halten damit die bestehende Artengemeinschaft intakt.

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