Wildtierhaltung: Der Affe in meinem Wohnzimmer

Wildtierhaltung: Der Affe in meinem Wohnzimmer

von Malte Laub

Zunehmend wohnen exotische Nager und sogar Raubtiere bei Privatleuten. Ist diese Tierhaltung Quälerei oder Artenschutz? Darüber wird heftig gestritten.

Quizfrage: Welches Tier darf man in Deutschland halten? A) Gepard, B) Katze, C) Stinktier, D) Präriehund. Und? Haben Sie auf B) getippt? Stimmt auch. Allerdings sind auch die anderen Antworten  korrekt – je nach Bundesland und unter Berücksichtigung der einen oder anderen Vorschrift dürfen Sie jedes der genannten Tiere bei sich zu Hause wohnen lassen.

Bis vor einem knappen Jahr hätte Adeline Fischer dieses Quiz auch nur teilweise richtig beantwortet. „Ich habe oft gedacht, dass das doch alles nicht wahr sein kann“, sagt die Wildtierbiologin und erinnert sich an den vergangenen Herbst. Damals fing sie an, für die Münchner Tierschutzorganisation Pro Wildlife zu erheben, wie viele und welche exotischen Säugetiere in Deutschland privat gehandelt werden.

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Entsprechendes Datenmaterial hat sie nun mit der Studie „Endstation Wohnzimmer“ erstmals vorgelegt. Für die Erhebung hat sie die Angebots-Inserate analysiert, die auf den Online-Tierbörsen exotic-animal.de und terraristik.com zwischen 2010 und 2014 eingestellt wurden.

Streitpunkt: Welche Tiere kann man halten?Mehr als 10.000 exotische Säuger wurden demnach in dem Zeitraum in Deutschland feilgeboten, aufgeteilt auf 291 unterschiedliche Arten. Hauptsächlich handelte es sich um nicht-domestizierte Nagetiere (117 Arten/mehr als 3400 Tiere), aber auch Raubtiere (73/2800) und Affen (54/2400) leben der Erhebung zufolge zu großen Zahlen bei Privatleuten. Den Gesamtwert der gehandelten Tiere berechnete Fischer mit acht Millionen Euro.

Wohlgemerkt: Auch wenn es schwer vorstellbar klingt, dass diese Tiere in deutschen Wohnzimmern und Gärten leben – sie tun das nicht illegal. Einige Tiere müssen je nach Bundesland gemeldet werden und für manche müssen die Halter Auflagen wie beispielsweise eine gewisse Käfiggröße erfüllen, viele Exoten dürfen aber auch ohne Auflagen gehalten werden.

Fischer ist mit dieser Art der Regulierung nicht einverstanden. „Aus Tierschutzsicht ist das überhaupt nicht ausreichend“, sagt sie und nennt als Beispiel den unter Wildtierhaltern beliebten Weißbauchigel aus Afrika. Er habe neben einem bestimmten Futterbedarf einen enorm hohen Bewegungsdrang, sei nachtaktiv und entwickele in Gefangenschaft Krankheiten. Zudem sei er auch für seine Halter gefährlich, da er Krankheiten wie Tollwut übertragen können. „Es ist einfach nicht möglich, diese Tiere in einer Wohnung oder im Garten artgerecht zu halten“, sagt Fischer.

Lorenz Haut sieht das anders. „Grundsätzlich kann man jedes Tier privat halten, sofern man Voraussetzungen wie tierschutzgerechte Haltungseinrichtungen erfüllt und über Sachkunde verfügt“, sagt der Geschäftsführer des Bundesverbands für fachgerechten Natur-, Tier-, und Artenschutz (BNA), in dem sich Halter und Züchter aus ganz Deutschland organisieren. Gerade die von Fischer genannten Weißbauchigel zu beherbergen, stuft er als vollkommen unbedenklich ein: „Sie gehören zu den am leichtesten zu haltenden Tieren überhaupt“, sagt Haut.

Schwelende DebatteDiese Uneinigkeit ist Zeichen einer Debatte, die derzeit – weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit – in Deutschland schwelt. Für Tierschützer, Halter und Züchter ist sie allerdings hoch relevant. Es geht darum, die Wildtierhaltung gesetzlich neu zu regeln, auch der Umgang mit so genannten Gefahrtieren soll in manchen Bundesländern reformiert werden.

Die angestrebte Reform der Wildtierhaltung steht im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung. Dort heißt es auf Seite 119:„Wir verbessern den Wildtierschutz und gehen gegen Wilderei sowie den illegalen Wildtierhandel und deren Produkte vor; Handel mit und private Haltung von exotischen und Wildtieren wird bundeseinheitlich geregelt. Importe von Wildfängen in die EU sollen grundsätzlich verboten und gewerbliche Tierbörsen für exotische Tiere untersagt werden.“Und daran scheiden sich die Geister.

In einer Stellungnahme auf seiner Website schrieb der BNA, dieser Passus sei schmerzlich für die Wildtierhalter, es werde viel Aufklärungsarbeit auf den Verband zukommen und man werde sich weiter für die Haltung und Zucht von wildlebenden Tierarten in menschlicher Obhut einsetzen. Pro Wildlife hingegen begrüßt das Vorhaben als überfällig.

Die Uneinigkeit überrascht nicht, beide Organisationen kennen einander, sie kämpfen schon seit Jahren auf gegenüberliegenden Seiten für ihre jeweilige Vorstellung von Tier- und Artenschutz – und sprechen dem jeweils anderen die Kompetenz ab.

Der Igel in der ZigarrenschachtelAllerdings stimmen Fischer und Haut darin überein, dass die aktuelle gesetzliche Situation untragbar sei. Haut hält bestehende Meldepflichten und Kennzeichnungsverordnungen für ineffizient und kostspielig, Fischer gehen die bestehenden Regelungen nicht weit genug – viel zu viel sei erlaubt und viele Verbote würden nicht nachdrücklich durchgesetzt.

So berichtet sie von ihren Recherchen auf Wildtierbörsen. Dort sei sie Zeugin geworden, wie Weißbauchigel in Zigarrenschachteln verkauft wurden – mit der Auskunft der Verkäufer, die Tiere könne man problemlos sechs Stunden darin transportieren. Auch die ebenfalls im Trend liegenden Kurzkopfgleitbeutler, auch unter dem Namen Sugar Glider bekannte kleine, baumbewohnende Beutelsäuger, wechselten für Preise um 300 Euro die Besitzer – in Tupperdosen. Keine Spur von Kontrolleuren des Veterinäramts.

Auch hier kommt noch einmal Zustimmung von ungewohnter Seite. „Wenn ich manche Tierbörsen sehe, stehen mir die Nackenhaare hoch“, sagt der BNA-Geschäftsführer. Ein Grund, den Handel mit manchen Tieren rundheraus zu verbieten, sei das aber nicht.

Känguru an der LeineFrank Izaber organisiert Tierbörsen. Vor Jahren die Exotic Animal, mittlerweile nur noch die Terraristika in Hamm, auf der hauptsächlich Terrarientiere gehandelt werden – ein paar Farbratten und Weißbauchigel könnten allerdings auch dabei sein, sagt er. „Aber nichts richtig exotisches.“

Bei der Exotic Animal, die er vor über zehn Jahren eingestellt hat, war das noch anders. Dort wurden auch Kleinsäuger gehandelt – und größere Kaliber. „Mir ist meine eigene Börse irgendwann suspekt geworden, als eine Frau mit Känguru an der Leine über den Parkplatz ging“, sagt Izaber. Da habe er beschlossen, die Börse aufzugeben.

Ein Überbleibsel allerdings existiert noch heute: Die Website exotic-animal.de, die Fischer für ihren Report untersucht hat und auf der auch immer noch Tiere angeboten werden. Ein Känguru findet sich aktuell zwar nicht in den Inseraten, dafür aber eins, in dem unter anderem ein Löwenbaby angeboten wird – „andere Raubkatzen auf Anfrage“. Zusatz: „Keine Spinner !!! Werden nur abgeben mit Nachweis von Genehmigung,Gehege,...usw !!!“[sic!]  Es gibt allerdings auch weniger vorsichtig formulierte Anzeigen. So wird Ende Juli ohne weiteren Kommentar ein Bengaltiger inseriert.

Izaber sagt, er habe mittlerweile ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Online-Börse. „Die Angebote sind in erster Linie Betrug, das sind oft Anzeigen aus Kamerun. Die Tiere gibt es auf dem Markt gar nicht“, sagt er. Betrüger würden so versuchen, Geld zu erschwindeln. „Ich habe die Seite nur noch nicht abgeschaltet, weil mich die Behörden gebeten haben, sie online zu lassen, damit sie Kontrolle ausüben können“, sagt Izaber. Welche Behörden genau, sagt er nicht.

Börsen nur schwer zu kontrollierenHaut hält solche Börsen für das Hauptproblem. „Im Internet kann man alles erwerben, ohne dass man irgendwas nachweisen muss“, sagt der BNA-Geschäftsführer. Ohnehin sei die mangelnde Sachkunde einzelner Halter der Knackpunkt der Diskussion. Zwar verfügten private Züchter und Halter über enormes Fachwissen, Ausnahmen bestätigten allerdings die Regel – und die müsse man angehen.

Fischer teilt diese Aussage nicht, für sie ist die Verteilung genau umgekehrt: Auf eine breite Masse von Dilettanten kämen wenige Profis. „Die Tiere sind häufig verhaltensgestört, allerdings erkennen das ihre Besitzer meist gar nicht“, sagt Fischer. Den Haltern unterstellt sie dabei keine bösen Absichten. „Viele Exoten, wie beispielsweise Chinchillas, zählen in den Köpfen vieler Menschen gar nicht mehr zu den Wildtieren“, sagt die Biologin. Gleichzeitig sei ein Haustier, das nicht in die Kategorie Hund, Katze, Maus falle, ein Prestigeobjekt.

Trend zum Privat-PrimatUnd die Beliebtheit nehme zu, Fischer sieht einen klaren Trend zum Privat-Primat. „In den USA und Teilen Asiens und des Nahen Ostens ist es gang und gäbe, ein Wildtier privat zu halten“, sagt sie. Das Hobby schwappe seit einiger Zeit auch nach Europa, Fernsehsendung wie die Vox-Serie „Wildes Wohnzimmer“ täten ein Übriges. Auch die zunehmende Verbreitung von Reptilien und Amphibien in deutschen Haushalten habe den Weg für die säugenden Exoten in die Wohnungen und Gärten von Max Mustermann und Otto Normalverbraucher bereitet.

Für Fischer ist klar, dass dieser Entwicklung Einhalt geboten werden muss. Ein erster Schritt wäre, die im Koalitionsvertrag verankerte deutschlandweite Regelung umzusetzen, schlägt sie vor. Das würde auch dafür sorgen, dass weiteres Zahlenmaterial über das wilde Leben in deutschen Haushalten zu Tage käme. „Wir standen am Anfang unserer Recherche vor dem Nichts“, sagt Fischer mit Blick auf die aktuell dünne Datenlage.

In einem zweiten Schritt fordert die Biologin eine so genannte Positivliste nach belgisch-niederländischem Vorbild, in die Tier- und Artenschutzkriterien sowie Faktoren wie die Gefährlichkeit der Exoten einfließen. In den beiden Nachbarländern wird in solchen Registern geführt, welche Tiere als grundsätzlich privat haltbar gelten. In Belgien stehen 42 Arten auf dieser Liste, in den Niederlanden sind es mehr als 70. Dort ist das Register auch aufgeteilt in eine grüne Liste, auf der bedenkenlos haltbare Tiere geführt werden, und in eine gelbe, auf der Tiere zu finden sind, für die Halter Nachweise und Vorwissen mitbringen müssen. Tiere, die nicht auf den Listen stehen, sind tabu.

Die SPD hat erst kürzlich ein Positionspapier herausgebracht, in dem sie die Listen als Beispiel anführt, den Handel an die Leine zu nehmen, Unterstützung bekommt sie von den Grünen. CDU und FDP sind dagegen.

Positivlisten vs. SachkundenachweiseAuch für den BNA und Izaber sind Positivlisten der falsche Weg. Die Züchter und Halter wollen sich ihr Hobby nicht verbieten lassen und fürchten, kriminalisiert zu werden. „So würden ganz normale Leute in die Illegalität getrieben“, sagt Izaber, denn die Leute die Tiere halten wollen, würden es dennoch tun. „Es geht doch niemand mehr mit einem Tier, das nicht auf der Liste steht, zum Tierarzt. Oder informiert die Polizei, wenn es ausbüxt“, sagt Izaber. So verschlimmere man die Situation der Wildtiere und gefährde unter Umständen die Bevölkerung.

Stattdessen fordert er wie auch der BNA Sachkundenachweise und Meldepflichten – immer ausgehend von der Position, dass grundsätzlich jedes Tier haltbar sei. „Sonst dürfte man doch auch keinen Goldhamster halten“, sagt Izaber. Geht es nach ihm, müssen in Zukunft alle Tierhalter nachweisen, dass sie Ahnung von der Materie haben – also auch Hundehalter oder Familien, die für ihre Kinder zwei Meerschweinchen gekauft haben.

Auch die Landestierärztekammer Baden-Württemberg favorisiert Schulungen und Sachkundenachweise der Tierhalter statt der Verbote.

Fischer hält diese Vorschläge allerdings für unrealistisch. Es sei schwer vorstellbar, alle Tierhalter zu schulen, der Aufwand sei zu groß. Außerdem stelle sich die Frage, wie die Schulungen aussehen sollten. Rein theoretischen Unterricht hält sie für nicht ausreichend und praktische Übungen von Laien an Tieren für unverantwortlich. Für eine Positivliste hingegen könne man sich in den Nachbarländern Tipps holen.

Eine Lösung der Diskussion ist nicht in Sicht. Nur Frank Izaber sagt, er habe eine Entscheidung getroffen: Er habe keine Lust mehr, seine Online-Börse aufrechtzuerhalten. „Ich schalte das jetzt irgendwann ab und dann ist Ruhe.“

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