Wissen für alle: Wie digitales Lernen die Bildung globalisiert

Wissen für alle: Wie digitales Lernen die Bildung globalisiert

von Thiemo Bräutigam

Infokioske, Billiglaptops, Internet-Unis: Harvard ist durch digitales Lernen überall. Initiativen weltweit bringen es in Favelas und deutsche Vorstädte.

Die Stadt Pune im Westen Indiens rühmt sich in Anspielung auf die britische Eliteuniversität, das Oxford des Ostens zu sein. 3,1 Millionen Einwohner zählt die Stadt, an der Hochschule sind eine halbe Million Studenten eingeschrieben. Viele werden einmal zur Führungsschicht des Landes gehören, gebildet und gut bezahlt.

Doch im Schatten der Universitätsgebäude zeigt sich das andere Gesicht Indiens: Nur wenige Hundert Meter von der Eliteschmiede entfernt leben in armseligen Behausungen mindestens 750.000 Slumbewohner. Die meisten sind Analphabeten und haben keine Berufsausbildung.

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Sie fristen ihr Dasein als Tagelöhner. Und anders als die Studenten, denen über ihre Computer und das Internet der Zugang zum Wissen dieser Welt offensteht, können sie oft nicht einmal die einfachsten, manchmal lebenswichtigen Dinge in Erfahrung bringen, etwa über Krankheiten.

Die kalifornische Hilfsorganisation Open Mind will diesen Zustand beenden: Überall in den Armenvierteln stellen ihre Initiatoren einfach zu bedienende Gegensprechanlagen auf. Wer wissen will, zu welcher Erkrankung seine Symptome passen oder wie er mit dem Bus zur neuen Arbeitsstelle kommt, drückt einen grünen Knopf und befragt einen Mitarbeiter der Organisation.

Der recherchiert im Internet und gibt Auskunft. Per rotem Knopf beendet der Anrufer das Gespräch. Für die Slumbewohner öffnet diese Technik ein Tor zu wichtigen Informationen. Sie sind vom Fortschritt nicht länger ausgeschlossen.

Digitales Lernen gegen Armut und HungerEntwicklungsexperten halten Initiativen wie diese in Pune für den entscheidenden Ansatz im Kampf gegen Not und Elend. Der Zugang zu Bildung und Wissen, betonen die Fachleute der UNESCO, sei der Schlüssel zur Bekämpfung von Ungleichheit, Armut und Hunger. Wie viel noch zu tun ist, dokumentieren die UN: Ihr zufolge können 774 Millionen Menschen weltweit weder lesen noch schreiben.

Einer, der sich mit dieser Misere nicht abfinden will, ist Nicholas Negroponte, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er gab nicht Ruhe, bis es ihm mit dem taiwanischen Computerhersteller Quanta Computer gelungen war, einen Laptop zu bauen, der umgerechnet weniger als 100 Euro kostet.

Schon mehr als 2,5 Millionen Schüler in Schwellen- und Entwicklungsländern hat Negropontes Aktion One Laptop per Child mit dem XO-Mobilcomputer ausgestattet - von Afghanistan über Haiti bis Uruguay.

Wo kein Stromnetz existiert, lassen sich die Geräte auch per Handkurbel, Solarzellen oder Autobatterien mit Elektrizität versorgen. Über einen integrierten Router und zwei ausklappbare Antennen können die Kinder die Laptops vernetzen und so gemeinsam lernen.

Skype-Vorlesungen im RegenwaldMit der Videotelefon-Software Skype wird gleich die ganze Welt zu einem Klassenraum. Forscher, die im Amazonas-Regenwald nach unbekannten Arten suchen, berichten Biologie-Schülern live über ihre Arbeit. Literaten halten weltweite Lesungen. Chronisch kranke Kinder können von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen.

Auch die Universitäten entwickeln sich zu globalen Lehranstalten. Per Massive Open Online Courses (MOOCs) erreichen Professoren Hunderttausende Zuhörer gleichzeitig, an jedem Ort der Welt mit Internet-Anschluss.

Das reißt gesellschaftliche Barrieren ein: Auch Studenten, die sich ein teures Studium an den Eliteunis in Stanford, Harvard oder am MIT nie leisten könnten, haben über Plattformen wie Coursera und Udacity jetzt zum Teil kostenlosen Zugang zu Spitzenforschung und -lehre. Es ist der Start zu einer nie da gewesenen Demokratisierung der Bildung.

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Lesen sie über Ostern bei WiWo Green, wie das Internet dabei hilft, die großen Probleme der Menschheit zu lösen. Im ersten Teil ging es um den Verkehr der Zukunft, im zweiten um Ernährung. Die Texte stammen aus der Magazin-Ausgabe von WiWo Green. Die aktuelle Ausgabe können Sie hier bestellen.

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