Zukunft der Arbeit: Weniger Schuften! Mehr Freizeit!

Zukunft der Arbeit: Weniger Schuften! Mehr Freizeit!

von Martin Roos

Wachsen oder nicht wachsen, das ist die Frage für die Wirtschaft. Der Autor Reiner Klingholz gibt eine überzeugende Antwort.

Wachsen oder nicht wachsen, das ist hier die Frage: Einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge ist die Mehrheit der Deutschen davon überzeugt, dass Wachstum für die Lebensqualität einer Gesellschaft „hohe Wichtigkeit“ hat. Gleichzeitig glaubt auch eine Mehrheit, dass mit einem höheren Wirtschaftswachstum die eigene Lebensqualität nicht steigt. Wie auch immer man sich aus diesem Dilemma befreien möchte – für Reiner Klingholz steht fest: Wir sind zu „Sklaven des Wachstums“ geworden.

In seinem neuen Buch „Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung“ beschreibt der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, wie wir uns aus dieser Falle befreien können. Er zeigt klug und unverhohlen, warum Wachstum die Welt regiert, warum die Umweltbewegung die Umwelt nicht rettet und warum sich die Entwicklung der armen Länder derzeit nur über noch mehr Umweltschäden erkaufen lässt.

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“Es gibt zurzeit noch fünf Milliarden Menschen, die erst in den Genuss einer ausreichenden Versorgung mit Gütern kommen wollen“, schreibt Klingholz – und das wird ohne mehr Rohstoffverbrauch und Umweltbelastung nicht gehen.

Dass die Bevölkerung nicht ewig wächst, ist für den Forscher dabei sicher. Er skizziert, welche Vorteile unser Planet im Jahr 2300 besitzt, in der die Weltbevölkerung die Vier-Milliarden-Grenze unterschritten und sich das Wirtschaftswachstum automatisch abgeschwächt hat.

Ein Paradies auf Erden wird das sicherlich nicht sein. Aber zumindest eine durchaus lebenswerte Welt, die allerdings schon heute dringend unsere Mitgestaltung braucht. Denn so, wie wir heute leben und konsumieren, „werden wir gegen die Wand fahren“, schreibt Reiner Klingholz: „Wir haben nur eine Zukunft, wenn wir das Schrumpfen lieben lernen.“ Die nächsten 200 bis 300 Jahre werden nicht ohne massive Krisen ablaufen, prognostiziert der Autor: „Wie krisenhaft sie tatsächlich werden, hängt allein von uns ab.“

Mehr Suffizienz, mehr SelbstbegrenzungAuch wenn sich für viele Kritiker hinter grünen Technologien oft nur verteuerte Technik unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit verbirgt, führt für Klingholz an ihnen kein Weg vorbei. Effiziente und grüne Technologie ist für den Autor auch für eine Welt ohne Wachstum, die möglichst wenig sozialen und ökologischen Schaden verursacht, unabdingbar.

Zudem fordert er mehr Suffizienz – damit meint er nicht Konsumverzicht oder gar Askese, sondern mehr Selbstbegrenzung, die für manchen durchaus erquickend sein kann – zum Beispiel „weniger Arbeiten und mehr Freizeit genießen, Rügen statt Malediven, Grünkohl aus der Heimat statt Shrimps aus Vietnam“.

Das Problem: Mit dem Vorschlag der Suffizienz lässt sich die der Gesellschaft „immanente Gier nach mehr“ nicht stoppen. Das weiß auch Klingholz. Auch wird es nicht gelingen, allein durch den Einsatz effizienter Technologie Wachstum und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln.

Klingholz‘ Lösung: eine Mischform aus beiden – aus Suffizienz und Effizienz. Und wenn wir die Chance hätten, in 300 Jahren auf unsere heutige Zeit blicken zu können, meint der Autor, würden wir sehen, dass diese Mischform schon in Anfängen vorhanden ist und wir uns ohnehin bereits im Postwachstum befinden. Ansätze einer Wirtschaft des Teilens (Wohnungen oder Autos zum Beispiel), der Freizeit als hohes Gut bei der jungen Generation Y und ein Trend zum Selbermachen (DIY) sind tatsächlich schon erkennbar.

Der Autor hat zweifellos ein sehr kluges Buch verfasst, das ein Muss für jeden ist, der frei von jeder Ideologie wissen will, warum

1.     die Entkopplung von Wachstum und Rohstoffverbrauch nicht funktioniert,

2.     welche realistische Chance die Menschen haben, auch in 300 Jahre noch in einer lebenswerten Welt zu wohnen, und

3.     was wir heute dafür sinnvollerweise machen können.

***

Über den Buchautor: Reiner Klingholz, 61, ist seit 2009 Vorstand des „Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung“. Der studierte Chemiker und Molekularbiologe ist Autor mehrerer Bücher, darunter „Wir Klimamacher“ (über die Ursachen und Folgen des globalen Treibhauseffektes) und „Wahnsinn Wachstum“ (über die weltweiten demografischen Veränderungen).

In der Reihe Buchkritk sind bei WiWo Green bisher besprochen worden:

Hybris. Die überforderte Gesellschaft von Meinhard Miegel

Machtwirtschaft – nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient von Gerhard Schick

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