Megacities: Deutsche Forscher entwerfen die Stadt der Zukunft

Megacities: Deutsche Forscher entwerfen die Stadt der Zukunft

In den 100 größten Städten der Welt entstehen zwei Drittel der klimaschädlichen Treibhausgase. Deutsche Forscher wollen die Megacities lebenswert machen.

Nachhaltig, lebenswert und zukunftsfähig soll die Stadt der Zukunft sein. In der deutschlandweit größten und einmaligen Initiative »Morgenstadt« forschen 12 Fraunhofer-Institute, um diese Vision in die Tat umzusetzen. Das ist auch dringend nötig, denn derzeit verursachen die größten 100 Städte der Welt beinahe zwei Drittel aller Treibhausgas-Emissionen. WiWo Green gibt regelmäßig Einblicke in die wichtigsten Forschungsergebnisse.

Seit der letzten Klimakonferenz in Doha ist klar: Eine politische Lösung des Problems einer zunehmenden Erderwärmung ist vorerst nicht in Sicht. Hoffnung gibt es dennoch. Denn zunehmend übernehmen Städte eine Vorreiterrolle beim Klima- und Umweltschutz. Das macht auch Sinn, denn schließlich entstehen hier nicht nur Wohlstand und gute Ideen, sondern auch der größte Teil der weltweiten Emissionen von Treibhausgasen. Stadtbewohner und in urbanen Zentren angesiedelte Unternehmen konsumieren zwischen 60 und 80% der globalen Energieproduktion und sind für bis zu 80% des globalen CO2 Ausstoßes verantwortlich.

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In Zukunft wird das Problem zunehmen: Städte werden bis 2030 weltweit beinahe das Dreifache der heutigen Fläche einnehmen. Bis 2025 wird sich der Gebäudebestand in den Städten außerdem fast verdoppeln.

Das klingt vielleicht ersteinmal negativ. Aber man darf nicht vergessen: Städte sind außerdem Orte der Wertschöpfung. Zwischen 2010 und 2025 wird das BIP der wirtschaftlich stärksten 600 Städte um mehr als 30 Billionen US-Dollar ansteigen und somit 65% des globalen Wachstums ausmachen.

Die Stadt als Katalysator für Klimaschutz

Städte sind die Kraftzentren unserer modernen Welt - wo könnte Klimaschutz also besser betrieben werden als in Städten? Allerdings ist es nirgendwo so schwierig. Denn es geht nicht nur um Strategien von Stadtverwaltungen. Vielmehr muss das komplexe Zusammenspiel von Technologien, menschlichem Verhalten, Wirtschaft und Politik auf intelligente Art auf Nachhaltigkeitskurs gebracht werden. Und das möglichst rasch, denn die Zeit drängt.

Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren Zahlen dafür geliefert, welch große Bedeutung Städte beim Thema Klimawandel haben. Und sie haben Möglichkeiten aufgezeigt, wie diesen der Übergang zu mehr Nachhaltigkeit gelingen kann. Jede Studie hat dabei unterschiedliche Schwerpunkte:

1. Politik orientierte Ansätze fokussieren auf die Regulierung und Steuerung nachhaltiger urbaner Entwicklung. Zum Beispiel der UN HABITAT Report “State of the World’s Cities 2010/2011”, der “Liveable Cities Report” eines Zusammenschlusses lokaler Regierungen und der Cities Alliance, oder der “ECO² Cities Report” der Weltbank.

2. Smart-City orientierte Ansätze diskutieren Lösungen, die auf intelligenten Kommunikationstechnologien basieren, als größten Hebel für eine »low-carbon«-Zukunft. Hier sind die Smart Cities Initiative zu nennen, die Connected Cities Essays, oder die Open Cities Initiative der British Council.

3. Klimaschutz orientierte Ansätze stellen die Bekämpfung des Klimawandels und Anpassungsmaßnahmen von Städten in den Mittelpunkt. Wegweisende Untersuchungen zu diesem Thema sind der Report der C40 Initiative “Climate Action in Megacities”, der Weltbank Report “Cities and climate change” oder die Juli Ausgabe der Zeitschrift „Informationen zur Raumentwicklung”: “Die CO2-freie Stadt - Wunsch und Wirklichkeit“.

All diese Untersuchungen und Studien liefern eine Vielzahl an Ansätzen, um eine Transformation zu nachhaltigeren Städten zu ermöglichen. Aber welcher ist für welche Stadt der richtige? Woher weiß ich als Stadtverwaltung, welche Richtung ich für mein Klimaschutzkonzept einschlagen soll? Woher weiß ich als Industrieunternehmen, auf welche Technologien ich setzen soll, und auf welche Anreizsysteme und Regulierungen ich mich verlassen kann?

Ein Aspekt wird bei der Analyse aktueller Ansätze für nachhaltige Städte offenbar: technologische Fragen werden meist als lineare, passive Mechanismen im Kampf gegen den Klimawandel gesehen. Mehr Windräder ist gleich mehr grüner Strom. Eine Millionen Elektrofahrzeuge ist gleich der erste Schritt zur nachhaltigen urbanen Mobilität. So gut wie keiner der aktuellen Ansätze analysiert das wechselseitige Verhältnis zwischen sozialen, technologischen und finanziellen Systemen. Lösungen werden oft auf einer Meta-Ebene diskutiert. Aber die Wenigsten trauen sich, in die komplexen Details sozio-technischer Systeminnovationen einzutauchen.

Megainitiative für Megacities

Möchte man zum Beispiel das Verkehrsproblem von Singapur lösen, muss man zunächst verstehen, wie der Zusammenhang zwischen sozialem Status und dem künstlich verknappten Gut »Automobil« zu deuten ist, und dann Lösungen entwickeln, die diese sozio-psychologische Komponente mit berücksichtigen. Tut man dies nicht, werden scheinbar eindeutige Lösungen zu Bumerangs: Autos werden im Sinne der Nachhaltigkeit künstlich verteuert - und hierdurch erst zum erstrebenswerten Gut Nr. 1.

So bleiben viele Städte hinter ihren Möglichkeiten zurück und viele Fragen unbeantwortet: Welche Anreize müssen gesetzt werden, um Elektrofahrzeuge wirklich attraktiv für den Stadtverkehr zu machen? Und sind Elektrofahrzeuge überhaupt der nachhaltigste Ansatz? Welche Rolle spielt hierbei der Benzinpreis? Und was bedeutet das für die nationale Gesetzgebung? Wie hängen eigentlich Kommunikationstechnologie, Mobilität und Energie in einer Stadt zusammen? Und welche Auswirkungen hat das für die Gebäude, die ich morgen bauen muss?

Um diese Fragen zu beantworten hat die Fraunhofer-Gesellschaft hat mit der »Morgenstadt Initiative« eines der ambitioniertesten und wohl komplexesten Stadtforschungsprojekte initiiert, das es in Deutschland je gegeben hat: 12 Fraunhofer-Institute mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Ausrichtungen haben sich zusammengeschlossen, um konkrete Beiträge für das Erreichen der Vision nachhaltiger und lebenswerter Städte in Deutschland zu erarbeiten.

Dabei analysieren sie die Wechselwirkungen von Technologien, Prozessen, Akteuren, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen in den für eine Stadt entscheidenden Bereichen Energie, Mobilität, Produktion & Logistik, Bauen, Kommunikationstechnologie, Sicherheit, Wasserinfrastrukturen und Verwaltung. Gemeinsam verfolgen sie das Ziel, tragfähige Konzepte und Lösungen zu analysieren und zu entwickeln, mit denen Städte in Zukunft Klimaziele umsetzen und Lebensqualität steigern können.

Mit dem Innovationsnetzwerk »Morgenstadt: City Insights« hat die Fraunhofer-Gesellschaft zudem Anwendungspartner aus Stadtverwaltungen, Stadtwerken und aus der Industrie in einem Netzwerk organisiert und in den Prozess des nachhaltigen Stadtumbaus mit eingebunden.

In einer ersten Forschungsphase analysiert dieses Netzwerk derzeit herausragende Beispiele für nachhaltige urbane Lösungen auf ihre Tragfähigkeit und Potenziale. Anhand der sechs inspirierenden Stadtbeispiele Singapur, Berlin, Kopenhagen, New York, Tokyo und Freiburg erproben die Fraunhofer-Forscher einen neuen und multidisziplinären Ansatz der Stadtforschung und seine Anwendung. Am Ende dieser Phase steht die Beschreibung der wichtigsten Maßnahmen, die unsere Städte tatsächlich CO2-effizient, emissionsarm, umweltfreundlich und lebenswert lassen werden.

Zwischenergebnisse veröffentlichen die Wissenschaftler auch auf dem Morgenstadt-Blog. Zudem wollen die Forscher in einer Umfrage herausfinden, was für die Innovationsstandorte der Zukunft entscheidend ist.

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