Mobilität: Warum Radfahren auch im Winter Trend ist

Mobilität: Warum Radfahren auch im Winter Trend ist

Das Fahrrad erobert die Städte zurück und liegt auch im Winter im Trend. Dank Wetter-Apps, Spikes und Ampeln, die bei Regen schneller umschalten.

Von Jutta Deffner. Die Raum- und Umweltplanerin leitet den Forschungsschwerpunkt Mobilität und Urbane Räume am Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt.

Radfahren macht glücklich. Jetzt auch im Winter. Das ist keine Behauptung, sondern eine Beobachtung. Dass Radfahren glücklich macht, weiß etwa  Christian Ude , auch wenn der Münchener Oberbürgermeister weder als Graswurzelaktivist noch als Verkehrsingenieur auf die Sache blickt.

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Radfahren im Winter, da denken die meisten doch eher an Erfrierungen und Stürze, an rote Nasen, zugefrorene Schlösser und - vor allem - an Nässe, Kälte, Dunkelheit. Nicht gerade die optimalen Voraussetzungen für einen neuen Trend. Blickt sich die interessierte Beobachterin derzeit in mittel- und nordeuropäischen Städten um, ist aber genau das zu sehen: Radelkolonnen an Ampeln und bei Schneefall und überfüllte Fahrradständer auch in den Wintermonaten.

Woher kommt die neue Lust am Radeln, gerade wenn es draußen unwirtlich wird? Das Fahrrad erobert die Städte zurück und ist kein jahreszeitliches Phänomen mehr. Angesichts auto-überfüllter Straßen und durch Schnee und Eis verspätungsgeplagter Öffentlicher Verkehrsmittel ist das Rad für Viele der Garant dafür, dass man vorankommt und meist viel pünktlicher ist.

Nebeneffekt: gleich noch ein paar Erledigungen auf dem Heimweg gemacht, den inneren Schweinehund ausgetrickst, das tägliche Frischluft und Beweg-Dich Pensum absolviert und dann auch noch die anerkennende Zuwendung bekommen: Du, mit dem Rad, heute? – Ja klar, war schön! Auch wenn, zugegeben, das Schönste, die gerade wieder warm gewordenen Ohren sind. Dennoch: Dass regelmäßige Radler gesünder als Zweiradmuffel sind, dazu gibt es inzwischen mehr als einen Beleg.

Die Fahrradkultur in Städten steht noch am AnfangRadeln zu allen Jahreszeiten, das ist sicher auch ein Erfolg der aufgeklärten Stadt- und Verkehrsplanung der letzten Jahre. Die Potenziale des Radverkehrs für eine nachhaltigere Mobilitätskultur sind noch lange nicht ausgeschöpft. Aber vielleicht ist es auch eine Erfolgsgeschichte der vielen kleinen, neuen Erfindungen zum Beispiel im Outdoor- Bereich. Sie machen das Radfahren nicht nur erträglich, sondern geradezu angesagt.

Es gibt tolle LED-Lampentechnik, mit der man sieht und gesehen wird. Der Nabendynamo gehört zur Grundausstattung, sodass sich die Frage nach entweder Vorankommen oder Licht nicht mehr stellt. Der Schlüssel meines Schlosses hat eine LED, damit ich es im Dunkeln bequem aufschließen kann. Handschuhe haben eine ‚Nose-Wipe‘-Funktion. Dank Wetter-Apps und Wetterberichts-Anzeigetafeln, z.B. in Dänemark, können sich die Radler schon darauf einstellen, welche Garderobe am nächsten Morgen angesagt sein wird.

Nicht zu kurz kommt da der Fahrradchic. Man kann also durchaus auch mit Helm und Fahrradmontur stylish daherkommen und muss nicht wie ein Straßenarbeiter mit Leuchtweste aussehen. Dazu gibt es lustige Helm- oder Sattel-Überzieher und warme Decken und sonstiges Zubehör, damit auch im Winter die Kids im Anhänger oder auf dem Transportrad-Bänkchen nicht frieren müssen.

Vor ein paar Jahren verbrachte ich einen Winter in Oslo. Da fuhren so viele Fahrrad, dass sogar ich als eingefleischte Radlerin mich wunderte. Überall Schnee und Eis, es machte mir selbst das Gehen beschwerlich. Die Kollegen klärten mich auf: Pik-Dek heißt das auf Norwegisch. Fahrradreifen mit Spikes oder Schneeprofil gibt es mittlerweile auch im gut sortierten Fahrradgeschäft hierzulande.

Sicher Radeln mit SpikesUnd dieses Jahr nun startet mein Selbstversuch: nach drei Jahren konnte ich endlich einen Satz  mit den Metallnoppen ergattern. In den Jahren davor waren sie entweder schon ausverkauft oder noch nicht lieferbar. Knappheit ist heute schon ein eher seltenes Phänomen. Beim Einkauf gab ich übrigens gleich noch ein Interview: Eine Journalistin schrieb übers Winteradeln und suchte dazu Leute, die Winterreifen fürs Rad kaufen wollten. Aber es gibt ja noch viel mehr: Fahrradampeln, die bei Regen schneller grün werden, machen in den Niederlanden Laune, und in Schweden werden die Radler an manchen Tagen mit einem warmen Frühstück belohnt.

Schließlich: wer schneller fährt ist schneller da – die stille Revolution der Pedelecs erleichtert auch das Winterradeln.

Neben aller Technik und schönem Schnickschnack sind es aber mal wieder die Organisation und das Verständnis, was Radler wirklich brauchen, um sicher im Winter voranzukommen. Da machen es uns die Nachbarn mal wieder tüchtig vor, wie das geht: In Holland und in Dänemark ist es fast überall selbstverständlich, dass die Hauptfahrradrouten bei Schnee als erstes geräumt werden, mancherorts sogar vor den Hauptautostraßen Ja, es gibt auch schon Städte in Deutschland, aber es könnten doch ruhig ein paar mehr sein …

Für genussvolles Fahrrad fahren in der kalten Jahreszeit gilt oft schlichtweg der Erkenntnis, dass das Wetter besser ist als sein Ruf. Es geht den vielen Allwetter-Pedalrittern da draußen ja gar nicht um die mit ein wenig Neid durchmischte Anerkennung. Es geht viel mehr darum, die liebgewonnene Routine aus den Sommermonaten einfach ohne viel Nachdenken weiterzuführen. Wenn ich heute nicht das Rad nehme, dann dauert ja alles länger, oje! Ganz zu schweigen von dem Glücksgefühl, als Erste durch den Neuschnee zu fahren.

Ich wünsche allen eingefleischten und frischen Vierjahreszeitenradlern ein sicheres, glückliches Radljahr!

 

 

 

 

 

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