Nachhaltige Fonds: Welcher Anbieter zu Ihnen passt

Nachhaltige Fonds: Welcher Anbieter zu Ihnen passt

Das Feld nachhaltiger Geldanlagen wird immer unübersichtlicher. Wir haben für jeden Anlegertyp passende Fonds ausgewählt.

Auf den ersten Blick wirkt Ingo Scheulen nicht wie ein Finanzberater. Schulterlange Haare, Dreitagebart, lockerer Kleidungsstil - das erinnert eher ans Lehrerzimmer als an die Finanzwelt, in der Manschettenknöpfe und Einstecktücher noch immer zu den beliebtesten Accessoires zählen. Doch Scheulen unterscheidet sich nicht nur äußerlich von anderen Kollegen: Der gebürtige Niedersachse mit Wohnort in Bad Salzuflen hat sich auf nachhaltige Geldanlagen spezialisiert.

Er wählt Investmentfonds aus, die für ethisch motivierte Anleger geeignet sind. Das ist eine zunehmend schwierige Aufgabe: Laut einer aktuellen Erhebung des Sustainable Business Institute (SBI) in Oestrich-Winkel bei Wiesbaden gibt es im deutschsprachigen Raum mittlerweile 380 Fonds mit einem Gesamtvolumen von 34 Milliarden Euro, die ökologische und soziale Kriterien berücksichtigen. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 waren es lediglich 112 Fonds mit 5,7 Milliarden Euro.

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"Das Wachstum dieses Segments hält an", erklärt SBI-Präsident Paschen von Flotow. Doch nicht alles, was grün und moralisch daherkommt, ist tatsächlich für nachhaltige Anleger geeignet: "Zahlreiche Fonds arbeiten mit äußerst laxen Auswahlkriterien", kritisiert Scheulen, der auch Vorsitzender des Beraternetzwerks Ökofinanz 21 ist. Aus seiner Sicht verdienen lediglich 60 bis 70 Fonds das Etikett "nachhaltig".

Tatsächlich sorgt die Branche immer wieder für Negativschlagzeilen - zum Beispiel im April, als eine von der Grünen-Bundestagsfraktion in Auftrag gegebene Studie zeigte, dass einige nachhaltige Fonds in erheblichem Umfang in Unternehmen aus der Rüstungs- und Atomindustrie investieren. Eine böse Überraschung für Anleger, die sich Investitionen nach strengen ökologischen und sozialen Kriterien erhofft hatten.

Neuerdings können Investoren jedoch leichter erkennen, was mit ihrem Geld passiert. Im vergangenen Juni hat das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), ein Zusammenschluss von Banken, Fondsanbietern und Finanzvertrieben, auf seiner Homepage die "FNG-Matrix" freigeschaltet. Dort sind nachhaltige Fonds und die entscheidenden Kriterien aufgelistet, nach denen sie Aktien und Anleihen auswählen.

Die Pistole im nachhaltigen FondsDas sei ein "entscheidender Schritt hin zu mehr Transparenz und Verständlichkeit von nachhaltigen Finanzprodukten", sagt FNG-Vorstand Volker Weber.

Das Problem: Angesichts der Vielzahl von Kriterien ist die Datenbank, in der bislang rund 50 nachhaltige Fonds vertreten sind, äußerst umfangreich. Wer sie im DIN-A4-Format ausdruckt, erhält nicht weniger als 25 Seiten, die er dann nebeneinander legen muss.

Für alle, die diese Mühe scheuen, hat WirtschaftsWoche Green Economy die Datenbank analysiert und nachhaltige Fonds für mehrere Anlegertypen herausgefiltert - etwa für Naturliebhaber, Pazifisten und Tierfreunde.

Sämtliche Fonds arbeiten zwar mit zahlreichen verschiedenen Kriterien, sind aber eben nur in bestimmten Bereichen besonders streng - und setzen damit völlig unterschiedliche Schwerpunkte. Anleger, die ethisch investieren möchten, müssen sich deshalb zunächst selbst fragen, wie sie zu bestimmten Fragen stehen: Welcher Anlegertypus bin ich? In welchem Bereich lege ich besonders Wert auf Nachhaltigkeit?

Erst dann können sie einen Fonds aussuchen, der ihren Wertvorstellungen entspricht - und zudem natürlich angemessene Renditen erwirtschaftet. "Angesichts des großen Angebots ist inzwischen für jeden Anlegertyp etwas dabei", meint von Flotow.

Dennoch bleibt ein Dilemma, wie das Beispiel Klimaschutz zeigt: Viele nachhaltige Fonds investieren auch in Ölproduzenten und Autohersteller. Das Ganze nennt sich "Best in Class"-Strategie: Wir investieren auch in Ökosünder, lautet die Botschaft, suchen dort aber die Einäugigen unter den Blinden. Also zum Beispiel jene Autobauer, deren Modelle am wenigsten Kohlendioxid in die Luft blasen. Oder Ölproduzenten, die alles tun, um Umweltschäden zu verhindern.

Flammendes InfernoEin vertretbarer Ansatz. "Solange unsere Gesellschaft nicht auf Öl oder Autos verzichten kann, macht es für viele Anleger Sinn, in die nachhaltigsten Öl- oder Automobilkonzerne zu investieren", sagt von Flotow. Allerdings bestehe natürlich die Gefahr, dass Fondsmanager danebengreifen. "Viele Fonds haben in den vergangenen Jahren BP-Aktien gekauft und mussten mit der Katastrophe im Golf von Mexiko erkennen, dass der Konzern es doch nicht so genau nahm mit der Verhinderung von Umweltschäden."

Wenn Anleger solche bösen Überraschungen ausschließen wollen, oder Auto- und Ölfirmen prinzipiell nicht für ethische Investments halten, müssen sie gezielt nach nachhaltigen Fonds suchen, die diese Branchen ausschließen.

Auch beim Thema Kernkraft ist zunächst eine Glaubensentscheidung zu treffen. Gehöre ich zu denen, die Atomenergie wegen des Unfallrisikos und des Müllproblems ablehnen - oder glaube ich weiterhin an die Technologie, die ja immerhin klimafreundlich ist?

Wenn ja, kommen auch nachhaltige Fonds infrage, die trotz Fukushima weiter in die Atombranche investieren - also in Unternehmen, die Kraftwerke bauen, betreiben oder mit Uran beliefern. Oder das Beispiel Rüstung: Einige Unternehmen sind zwar keine Waffenhersteller, gehören aber trotzdem zum erweiterten Kreis der Rüstungsindustrie. Laut FNG-Matrix lassen einige nachhaltige Fonds in solchen Fällen Gnade walten und akzeptieren einen Umsatzanteil von bis zu zehn Prozent mit Rüstungsgütern.

Beim Autohersteller Toyota etwa, dessen Aktie wegen umweltfreundlicher Modelle in einigen nachhaltigen Fonds vertreten ist. "Toyota stellt aber auch Militärtransporter her", sagt Finanzberater Scheulen. Das ist zwar nicht verwerflich - dürfte friedensbewegten nachhaltigen Anlegern aber übel aufstoßen.

Auch erzkatholische Investoren müssen genau prüfen, wo sie ihr Geld anlegen. Was ist beispielsweise mit Kondomherstellern? Der in Kooperation mit der kirchlichen Pax-Bank aufgelegte Fonds "Liga Pax Cattolico" der genossenschaft-lichen Fondsgesellschaft Union Investment hat vor zwei Jahren den US-Konsumgüterkonzern Reckitt Benckiser aus dem Portfolio geworfen, nachdem dieser den Kondomhersteller SSL ("Durex") gekauft hatte. Drin bleiben durfte dagegen der britische Supermarkt-Gigant Tesco, obwohl in dessen Filialen Kondome verkauft werden. Die Begründung des Fondsmanagements: Der Umsatz mit Kondomen sei im Vergleich zum Gesamtgeschäft minimal.

Die Liste von Zweifelsfällen und schwierigen moralischen Abwägungen ließe sich weiter fortsetzen. Eines sollten ethisch motivierte Anleger aber wissen: Absolute Prinzipientreue ist fast unmöglich.

Und Fonds, die gleich in mehreren Bereichen strenge Kriterien anlegen, bergen höhere Risiken. Denn je kleiner der Pool von Unternehmen ist, in die sie investieren können, desto höher ist die Gefahr, dass einzelne Wertpapiere im Portfolio des Anlegers zu stark gewichtet sind und sich sogenannte Klumpenrisiken bilden.

Das haben Fonds, die in das Segment "Erneuerbare Energien" investieren, dramatisch gezeigt: Wegen des hohen Anteils deutscher Solarwerte erwischte sie der Einbruch dieser Papiere mit voller Wucht. "Viele Fonds haben in den vergangenen Jahren hohe Verluste mit Aktien aus der Solarbranche erlitten", sagt Scheulen. Selbst Papiere von einstigen Branchenstars wie Solarworld oder Conergy sind massiv abgestürzt, weil ihnen die Konkurrenz aus China schwer zu schaffen macht.

Nachhaltige Fonds breit streuenAus diesem Desaster sollten Anleger lernen, rät Scheulen. Er empfiehlt daher breit aufgestellte Nachhaltigkeitsfonds, die in verschiedenen Branchen und Ländern investieren. "Da es immer mehr Unternehmen mit nachhaltiger Geschäftspolitik gibt, ist es für Manager solcher Fonds inzwischen kein Problem mehr, das Risiko vernünftig zu streuen", sagt er. In der Tabelle sind fast ausschließlich Fonds mit breiter Streuung vertreten, lediglich der - in den letzten Jahren äußerst erfolgreiche - "SAM Sustainable Water Fund" hat einen klaren Branchenfokus.

Wenn es nach den Grünen geht, sind Transparenz-Initiativen wie die FNG-Datenbank nur ein erster Schritt. "Wir brauchen einen gesetzlichen Mindeststandard für nachhaltige Fonds", fordert Margarete Bause, Fraktionschefin im bayrischen Landtag und eine der profiliertesten Umweltpolitikerinnen der Partei. Mehr Transparenz sei zwar erfreulich, "aber manche Anleger sind damit überfordert, Datenbanken oder Fondsprospekte zu studieren". Da das Interesse an ethischen Investments deutlich wachse, sagt Bause, seien Vorgaben des Gesetzgebers unerlässlich. "Wir diskutieren das Thema deshalb derzeit intensiv und wollen bald konkrete Vorschläge präsentieren."

Bause sieht in dem Mindeststandard das entscheidende Element, um Vertrauen in nachhaltige Investitionen zu stärken. "Dadurch fördern wir gleichzeitig langfristige Engagements von Anlegern", sagt die Grünen-Politikerin. Die Initiative sei somit auch ein wichtiger Faktor im Kampf gegen die Spekulation.

Auch Scheulen wünscht sich klare gesetzliche Vorschriften, um dem "Greenwashing" von Finanzprodukten Einhalt zu gebieten. "Vertreter von der Finanzbranche, Verbraucherschützer und Politiker sollten sich an einen Tisch setzen, um Mindeststandards zu definieren", erklärt er.

Außer den Grünen hat sich bislang aber noch keine Partei oder Lobbyorganisation klar zu gesetzlichen Mindestkriterien bekannt. Die Debatte hat aber auch gerade erst begonnen.

Eine Vorlage für solche Kriterien würde die FNG-Matrix liefern. Tatsächlich kann man dort gut erkennen, welche Kriterien im Branchendurchschnitt gelten. So tolerieren die meisten nachhaltigen Fonds einen Umsatzanteil von fünf Prozent mit fragwürdigen Produkten wie Rüstungsgütern. Eine Blaupause für einen künftigen Mindeststandard?

Zu mehr Transparenz zwingenSBI-Chef von Flotow warnt vor überzogenen Erwartungen an den Staat. "Es bringt doch nichts, per Gesetz Mindeststandards zu definieren, deren Einhaltung der Staat nicht überprüfen kann", sagt er. Tatsächlich tauchen schnell schwierige Abgrenzungsfragen auf. Ein Beispiel dafür ist die Rüstung: Um wirklich effektiv zu kontrollieren, ob ein Unternehmen Umsatzgrenzen einhält, müsste der Staat zunächst klar definieren, was zu "Rüstungsgütern" zählt und was nicht.

Viel wichtiger wäre aus der Sicht von Flotows, die Fonds und auch die Unternehmen zu mehr Transparenz zu zwingen. Das sieht die EU ähnlich: Anfang Juli hat die Europäische Kommission in Brüssel einen Gesetzesvorschlag präsentiert, der eine Berichtspflicht über ökologische und soziale Aspekte vorsieht. Anbieter nachhaltiger Fonds - aber auch alle anderen Anbieter von Investmentprodukten - müssten dann detailliert Rechenschaft ablegen, inwieweit sie "nicht-finanzielle Kriterien" berücksichtigen.

Für Anleger dürfte es damit künftig noch mehr Informationen als bisher geben. Doch unverändert gilt: Sie müssen wissen, wo sie suchen sollen - und was sie überhaupt wollen.

Wind oder Atome, Waffen oder Kondome - die Moral entscheidet.

 

Autor: Daniel Schönwitz für die WirtschaftsWoche

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