Nachhaltigkeit messen: So funktionieren die Ratings

Nachhaltigkeit messen: So funktionieren die Ratings

Teil 2 unserer Serie über Nachhaltigkeitsratings: Welche Quellen werden genutzt und warum müssen Unternehmen Daten offenlegen?

Ein Gastbeitrag von Rolf Häßler von den Münchener Nachhaltigkeits-Analysten Oekom Research.

Teil 1 der Artikelserie zu den Zielen und Inhalten von Nachhaltigkeitsratings befasste sich mit der Frage, welche Kriterien Nachhaltigkeits-Ratingagenturen wie oekom research zur Messung und Bewertung der Nachhaltigkeitsleistungen von Unternehmen nutzen. Woher aber bekommen die Analysten die Informationen, um die im Falle von oekom research rund 100 Einzelkriterien zu bewerten und auch die Dinge zu erfassen, über die die Unternehmen selbst nicht gern sprechen, beispielsweise Kinderarbeit in der Zulieferkette?

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Nachhaltigkeitsratings basieren grundsätzlich auf zwei Säulen: Zum einen werden Informationen genutzt, die von den Unternehmen selbst zur Verfügung gestellt werden. Von besonderer Bedeutung sind hier die Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte, die von immer mehr Unternehmen veröffentlicht werden. Nach Schätzungen der Informationsplattform Corporateregister.com publizieren aktuell mehr als 2.500 Unternehmen in Europa einen solchen Bericht.

Dies ist, verglichen mit der Situation vor einigen Jahren, eine beeindruckende Zahl, gemessen an der Gesamtzahl von rund 42.000 Großunternehmen in der EU aber noch überschaubar. Den steigenden Trend in der Berichterstattung über soziale Themen und zu guter Unternehmensführung (ESG-Themen) dokumentiert auch KPMG in einer Studie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Danach ist der Anteil der 250 weltweit größten Unternehmen, die öffentlich über ihr Nachhaltigkeitsmanagement berichten, von 35 Prozent im Jahr 1999 auf 95 Prozent in 2011 gestiegen.

Warum Unternehmen Daten offen legenNicht immer ist diese Berichterstattung freiwillig, zahlreiche Länder, unter anderem Dänemark, Frankreich und Schweden, haben entsprechende Berichtspflichten eingeführt. Deutsche Unternehmen sind seit dem Geschäftsjahr 2005 verpflichtet, Informationen zu Umwelt- und Arbeitnehmerbelangen zu veröffentlichen. Mit dieser Änderung der Paragraphen 289 und 315 des Handelsgesetzbuches (HGB) müssen große Kapitalgesellschaften so genannte nicht-finanzielle Leistungsindikatoren in ihre Lageberichterstattung einbeziehen, sofern diese für den Unternehmenserfolg relevant sind. Schon der Bezug zum Unternehmenserfolg zeigt, dass der häufig gebrauchte Terminus „nicht-finanziell“ eigentlich falsch ist. Daher sollte man besser von „unmittelbar bzw. mittelbar finanziell relevant“ sprechen.

Die EU-Kommission denkt derzeit darüber nach, eine solche Verpflichtung für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern einzuführen. Auch die Qualität der Berichte hat sich in den vergangenen Jahren verbessert, hier hat sich vor allem die Global Reporting Initiative (GRI) mit ihren Richtlinien für die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten verdient gemacht.

Ein aktueller Trend in der Nachhaltigkeitsberichterstattung geht in Richtung einer „integrierten Berichterstattung“, in der die konventionellen Finanzdaten und die nachhaltigkeitsbezogenen Kennzahlen zusammengeführt werden. 37 der 100 größten börsennotierten deutschen Unternehmen planen in den kommenden drei bis fünf Jahren die Einführung eines solchen integrierten Berichts.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von akzente und HGB Hamburger Geschäftsberichte. Der größte Vorteil der integrierten Berichterstattung wird von den Umfrageteilnehmern darin gesehen, dass sie die systematische Verankerung von Nachhaltigkeitsthemen in der Unternehmensstrategie erleichtert. Positiv wird auch die Möglichkeit bewertet, den Unternehmenserfolg aus mehr Kriterien abzuleiten als nur aus Finanzkennzahlen.

Ein konstruktiver Dialog ist unverzichtbarNeben den häufig durch Informationen auf den Websites ergänzten Berichten stellen die Unternehmen auch interne Dokumente wie Umwelt-, Antikorruptions- oder Antidiskriminierungsleitlinien zur Verfügung, die in die Ratings einfließen. Insgesamt gilt: Je intensiver die Beteiligung der Unternehmen am Ratingsprozess ist, desto besser ist die Qualität der Ratings.

Der konstruktiv-kritische Dialog mit den Unternehmen ist daher ein wesentliches Qualitätsmerkmal von umfassenden Nachhaltigkeitsratings. Da in der Regel nicht die Unternehmen, sondern die Investoren Auftraggeber der Ratings sind – dies unterscheidet Nachhaltigkeitsratings fundamental von konventionellen Finanzratings a la S&P, Moody`s und Fitch – besteht trotz des engen Austausches nicht die Gefahr einer unzulässigen Beeinflussung der Ratingergebnisse durch die Unternehmen.

Die zweite Säule bilden externe Informationsquellen, z. B. Analysen und Studien von Gewerkschaften, Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen. Diese Informationen dienen zum einen dem Plausibilitätscheck der von den Unternehmen zur Verfügung gestellten Daten. Zum anderen ergänzen sie die Datenlage in Bereichen, über die die Unternehmen selbst selten informieren, etwa über Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte.

Auch diese unabhängigen Quellen müssen strengen Qualitätsanforderungen genügen, etwa im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Quellen oder die Dokumentation von Vorwürfen gegen Unternehmen.

Alle über unternehmenseigene und unternehmensunabhängige Quellen recherchierten Daten und Fakten werden bei der Erstellung der Ratings berücksichtigt. Die umfangreichen Ratingberichte stellt oekom research den bewerteten Unternehmen kostenlos zur Verfügung. Diese können damit umfassend nachvollziehen, warum sie wie bewertet wurden. Gleichzeitig bilden die Berichte eine zentrale Grundlage für Investitionsentscheidungen der nachhaltigen Investoren. Wie diese mit den Ratings konkret arbeiten, wird Gegenstand des dritten Teils der Artikelreihe werden.

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