Nahrungsmittelskandale: Die Branche duckt sich weg

Nahrungsmittelskandale: Die Branche duckt sich weg

Pferdefleisch, falsche Bioeier - die von den Skandalen ausgelöste Ernährungsdebatte produziert einseitig "elitäres Geschwätz", findet unser Kolumnist.

Der Autor dieser Kolumne arbeitet als Pressesprecher bei einem großen deutschen Unternehmen. Für WiWo-Green kommentiert er anonym Entwicklungen im Bereich der Kommunikation von Unternehmensethik und Nachhaltigkeit.

Verfolgen Sie noch die Berichterstattung über Lebensmittel? Fällt Ihnen dabei nicht etwas auf? Nein, ich meine nicht das übliche Industriemobbing, hierzulande gerne als Qualitätsjournalismus tituliert. Jüngster Beitrag dazu übrigens kürzlich in der Süddeutschen Zeitung: „Das Cola-Komplott“. Der Autor Moritz Koch (Promikoch? Ernährungsberater? Bio-Selbstversucher?) hat herausgefunden, dass Cola in Jumboflaschen das Körpervolumen von amerikanischen Unterschichtlern erhöht und die das auch noch prima finden!

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Was Ihnen hätte auffallen können: Eine Stimme fehlt regelmäßig in dieser so sehr deutschen Ernährungsdebatte: die der Ernährungsindustrie.

Der Nährstand, er schlägt sich gerne seitwärts in die Büsche, wenn auf dem Communication Highway mal wieder schweres Geschütz entgegenkommt. Es ist ja nicht so, als ob man unterbesetzt wäre. Bund der Lebensmittelkunde, Fleischverband, Milchindustrieverband, …., zwar gibt es Verbände und Industriebetriebe in großer Zahl, doch wird es ernst, ziehen sie den Kopf ein.

Foodwatch schimpft die viertgrößte Industrie Deutschlands "Lügner und Betrüger" - übrigens auf ard.de, einem von unser allen Abgaben finanziertem Portal. Das geht alles unwidersprochen durch, kein Streiter, die sich derlei Invektiven verbietet. Einzig der Bund für Lebensmittelkunde und Lebensmittelrecht wies nach einer Spiegel Attacke darauf hin, man stelle sich aber doch der Verantwortung. Da werden die Herren Auflagensammler in der Hamburger HafenCity aber laut gelacht haben.

Bei Kritik wird die Vogel-Strauß-Taktik gewähltDabei hatte die Lebensmittelindustrie doch vor kurzem eine richtig gute Idee: Sieben Trägerverbände von Handel bis Agrarindustrie gründeten vor mehr als zwei Jahren den Verein „Die Lebensmittelwirtschaft“. Das Ziel: Man wolle die Leistungen der Branche sichtbar machen, öffentlich Stellung beziehen und thematische Impulse setzen. Es galt, dem Campaining von Thilo Bode und Co. etwas Gleichwertiges entgegen zu setzen. Das ist einmalig in der deutschen Industrielandschaft und in seiner Konzeption durchaus modellhaft.

Wurde damit doch eindeutig demonstriert, dass das hergebrachte Modell der Lobbying- und Serviceverbände längst um eine neue Aufgabe ergänzt werden muss: die des öffentlichen Kommunikators.

Seitdem ist es aber still geworden um die Campagneros. Das Gründungsteam um Nestlé-Chef Gerd Berssenbrügge tat sich zuerst schwer mit sich selbst, dann mit der Satzung und schließlich mit der Personalfindung. Stephan Becker-Sonnenschein, endlich zum Verbandsgeschäftsführer ernannt, gilt zwar als erfahrener Kommunikator, ist aber leider kein Mann der Öffentlichkeit. Er tendiert mehr zum Lobbying.

Deshalb hat die Plattform – außer einem recht mauen Internetauftritt – noch nicht viel zustande gebracht. Die letzte Pressemitteilung stammt vom Januar, im Februar findet sich ein dpa-Statement und im Stile eines Politikerbesuches der Hinweis, Becker-Sonnenschein habe die Ausstellung der Tiertransporter besucht. Dazu gibt er Interviews – vorzugsweise in der Lebensmittelzeitung und im PR-Magazin.

Gutes Campaining sieht anders aus.

Wo bleibt der klare Auftritt bei den Talkrunden der ARD? Wo bleibt der Online-Dialog mit den Verbrauchern? Wo bleibt der Tag der offenen Tür in allen Betrieben? Wo bleibt die klare Ansage an ARD und Co., dass sich ein – auch mit Industrie- und Handelsgebühren – finanzierter Sender unverändert journalistischen Standards unterwerfen muss und nicht blauäugig und rückhaltlos in den Dienst einer Bio- und NGO-Lobby stellen darf?

Agrarromantik hilft uns nicht weiterDie Lebensmittelindustrie muss sich endlich erklären. Sie muss klar machen, dass Agrarromantik zwar Sehnsucht beflügelt, aber nicht sättigt. Dass die qualitative, hochwertige und gesundheitlich sichere Versorgung von 80 Millionen Menschen keine Angelegenheit von Promiköchen à la Sarah Wiener oder Nebenerwerbslandwirten vom Schlage eines Dieter Moor ist. Dass Rind, Schwein und Huhn immer noch Nutz- und keine Kuscheltiere sind und historisch niemals etwas anderes waren. Dass der Verbraucher kein unterbelichtetes Wesen ist, das unter Gewaltandrohung zum Verzehr von Cola und Hamburger getrieben wird, sondern auch heute schon die Wahl hat, wenn er es nur will. Dass früher nicht alles besser war und die Lebenserwartung um die Hälfte niedriger. Dass Preisbildung keine Sache „der Industrie“ ist, sondern in einem komplizierten Spiel von Handel und Herstellern erfolgt. Dass „der Deutsche“ kaum mehr Geld für Nahrung ausgeben wird, solange man es ihm anderweitig – Stichwörter sind z.B. Energiekosten, Transportkosten, Medienkosten, Gesundheitsversorgung, Steuerbelastungen – aus der Tasche zieht.

Dass diese ganze Ernährungsdebatte nichts anderes ist, als arrogantes elitäres Geschwätz.

Erschwingliche und vielfältige Nahrung für alle ist ein historisch hart erkämpftes Privileg. Wir dürfen uns nicht von gutverdienenden Redakteuren wieder in den Feudalismus zurückschreiben lassen in dem Fleisch und Fisch Fürsten und Klerus vorbehalten waren. Der „Hartz-Vier-Deutsche“ sitzt in dieser schönen neuen Welt von Spiegel, Süddeutscher Zeitung und Foodwatch nämlich bald wieder vor Graupensuppe. Nur diese, immerhin biologisch und ohne Genmaterial produziert, kann er sich dann noch leisten.

Ob die Vertreter der Industrie es sagen werden? Ob sie sich trauen? Wohl kaum. Unverändert heißt der Säulenheilige der Nahrungsmittelbetriebe Sankt Florian. Solange andere Branchen gemobbt werden, bleibt meine immerhin verschont. Wenn alle kein Fleisch mehr essen, bekommt der Umsatz meines Stangenspargel vielleicht Auftrieb. Und der Verbraucher wird weiter einkaufen – eigentlich gibt es ja kein Problem.

Aber das Unbehagen des Verbrauchers wird steigen. Kommt dann die Food-Revolution, von der Bode und Friends so gerne träumen? Nein. Aber die Konsumlaune geht nach unten und mit ihr die Investitionsbereitschaft in den landwirtschaftlichen Betrieben und der Ernährungsindustrie. Anzeichen dafür gibt es bereits.

Das kann keiner wollen.

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