Öko-Aussteiger: Warum sie die Welt nicht retten werden

Öko-Aussteiger: Warum sie die Welt nicht retten werden

Die Radical Homemakers propagieren Konsumabkehr und lehnen ökologischem Wandel durch Technik ab. Zum Vorbild taugen sie nicht, schreibt Eike Wenzel.

Von Eike Wenzel. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Er gründete und leitet das Institut für Trend- und Zukunftsforschung und ist Chefredakteur des Zukunftsletters. Zusammen mit Börsenguru Dirk Müller gibt er den Börsenbrief Cashkurs Trends heraus. In dieser Kolumne beschreibt er einen neuen Öko-Trend aus den USA, der auch in Deutschland Vertreter hat.

Sie wollen das Rad ganz zurückdrehen. Sie wollen zurück, ganz zurück, vor den Beginn der industriellen Revolution. Sie sind fest davon überzeugt, dass die industrielle Arbeitsteilung und damit auch die Aufteilung der Geschlechterrollen in männlichen „Breadwinner“ und sorgende Hausfrau (mit Tendenz zu Migräne) schon der erste Schritt ins Verderben war.

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Denn dort hat sich ein Industriemodell geformt, das die arbeitenden Männer von der Familie entfremdete, Fabrikarbeit zur ungezügelten Ausbeutung von Ressourcen machte, Umwelt zerstörte und uns als modernen Sklaven von Energie und Rohstoffen konditionierte. Ich rede von dem Weltbild der Radical Homemakers, einem auf den ersten Blick bizarren Lebensstil, der in den USA immer mehr Anhänger findet.

Radical Homemakers kommen einem bei flüchtiger Betrachtung vor wie Ökofundis oder Abkömmlinge einer christlichen Sekte – sie sind aber in keiner Weise mit ideologischen Scheuklappen ausgestattet. Die Radical Homemakers versuchen sich in Selbstversorgung, betreiben Landwirtschaft, Home Schooling, sind aber keine militanten Kapitalismuskritiker.

Sie schreiben für die New York Times, werden von den LOHAS in Berkely bejubelt, publizieren Manifeste – sind aber keine Aussteiger, die sich trotzig-aggressiv in ihrer Subkultur verkriechen. Shannon Hayes, die Protagonistin der Radical Homemaker-Bewegung, hat in ihrem gleichnamigen Buch ein Hühnerstall-Manifest veröffentlicht („Changing the world from your backyard“).

Rettet uns nur eine radikale Technologieabkehr?Sie werden es nicht glauben. Aber Radical Homemakers sind keine Eiferer und Neinsager. Doch geht das wirklich, die Welt vom Bauernhof aus - mit Blick auf Schweinestall und Misthaufen - zu verändern?

Die Radical Homemakers sind gewissermaßen die lebenden Gegenentwürfe zum Reboundeffekt. Mit Rebound-Effekt ist der Sachverhalt gemeint, dass die moderne Entwicklung von regenerativen Energien selbst negativ auf die Nachhaltigkeitsbilanz wirkt, bevor eine neue Ökotechnologie überhaupt an den Start gegangen ist. Die Radical Homemakers leben eine radikale Lösung unseres Ökoproblems vor. Sie berücksichtigen dabei aber ebenfalls bestimmte Nebeneffekte nicht.

Ist es nicht völlig selbstbezogen, das eigene Seelenheil (und die heutzutage dazugehörige blütenreine CO2-Bilanz) anzustreben und darüber hinaus jedoch die Welt in einem tropischen Treibhaus langsam verbrennen zu lassen? Wir brauchen keine ökologische Lösung für uns eigenes Seelenheil, sondern für den ganzen Planeten. Fest steht, dass wir über „Hühnerstall-Manifeste“, wie die Radical Homemakers sie verfasst haben, unsere Zukunft nicht in den Griff bekommen.

Energiewandel braucht globale Konzepte, Vernetzung, einen technologischen Aufbruch und idealerweise eine neue Ära der grünen Industrialisierung. Aber wie soll diese grüne Industrialisierung vonstatten gehen? Aus der Greenwashing-Debatte der vergangenen Jahre haben wir desillusioniert mitgenommen, dass es äußerst schwierig ist, wirklich signifikante Fortschritte bei CO2-Emissionen und umweltfreundlicher Produktion zu erzielen.

Der entscheidende Webfehler in der Postwachstums-ÖkonomieUnd jetzt drängeln sich auch noch Untersuchungen in den Vordergrund, die behaupten, es gäbe bei fast allen Ansätzen grünmoderner Industrialisierung einen Rebound-Effekt. So ist ja längst bekannt, dass in Hybridfahrzeugen bis zu zwölf Kilogramm an Seltenen Erden verbaut werden. Die Herstellung von Photovoltaikanlagen ist nach wie vor nicht ohne die Nutzung von fossiler Energie vorstellbar. Bei der Verarbeitung des Siliziums werden Temperaturen zwischen 1.200 und 1.400 Grad Celsius erforderlich, was mit regenerativen Energien auf absehbare Zeit schlechterdings nicht möglich ist.

Ein deutscher Ökonom, der uns diese Zahlen entgegenschleudert, ist Nico Paech. Er verkörpert sozusagen der konzeptionelle Überbau der Radical Homemakers. Paech ist ein scharfsinniger Denker und er provoziert, ohne mit vorschnellen Lösungen zu prahlen. Seine Ansätze kreisen um Begriffe wie „produktionslose Bedürfnisbefriedigung“: Teile Dinge, die du unbedingt brauchst, aber kaufe sie nicht. Oder: „Rückkehr zur Seßhaftigkeit“. 60 Prozent der Umweltschäden, die durch Schweizer Bürger entstehen, verursachen die Eidgenossen beim Urlaub im Ausland, zitiert Paech eine Studie von 2011.

Paech misstraut dem Aufbruch in eine Ökoindustriemoderne zutiefst, weil die dadurch entstehende Nachfrage nach (vermeintlich) klimaneutraler Spitzentechnologie immer neue Ressourcenausbeutung bedeutet, immer größere Logistikanforderungen stellt und uns aus dem Ökodilemma nicht herausführt.

Frisst die Technik den Ökofortschritt auf?Paech ist nicht der einzige, der so denkt. Tilman Santarius von der Heinrich-Böll-Stiftung schätzt, dass die Rebound-Effekte mindestens die Hälfte der Effizienzgewinne durch erneuerbare Spitzentechnologie wieder aufsaugt (hier seine Rechnung als PDF)

Nach Santarius kommen wir aus dem Teufelskreis nicht heraus, wenn wir durch pseudoökologische Hightech immer weiteres Wachstum forcieren, noch mehr Ressourcen verschwenden und die ablasswilligen Konsumenten in der Illusion wiegen, durch „guten“ Konsum etwas zu verändern.

Auch eine Studie der Europäischen Kommission aus dem vergangenen Jahr kommt zu dem Ergebnis, dass wir „zwei Schritte vor und einen zurück“ machen. Derweil erklimmt die Nachhaltigkeitsrhetorik immer neue Höhen der ziselierten Formulierungskunst: "Niemand soll immer mehr haben wollen müssen" (Uta von Winterfeld zum Recht auf Suffizienz). Klimaskeptiker, Erdöhl-Lobby-Patrioten, gewendete Altökos, werteverwirrte Ex-Spontis und christliche Fundamentalisten reiben sich die Hände: „Sag ichs doch, der Klimawandel fällt aus, die Energiewende taugt auch nichts. Und den Rest können wir sowieso nicht beeinflussen.“

Aber das ist schlicht falsch!

Denn alle direkten oder indirekten Aufforderungen zu Suffizienz und Verzicht mogeln sich an der Frage vorbei, ob die Postwachstumsszenarien auf absehbare Zeit ökonomisch tatsächlich umsetzbar sind. Brauchen wir entfesseltes Wachstum und risiko-affine Unternehmer für mehr Produktivität oder können wir Wachstum so vorausschauend steuern, dass wir „Wachstums-Wofür“, also ökologisches, sinnvolles und zielführendes Wachstum schaffen?

Ich meine das nicht als rhetorische Frage. Wir müssen uns in der Tat fragen, können wir Wachstum so souverän steuern, dass wir damit nicht wieder in die nächsten Bubbles und Überkapazitäten hineinrennen?

Wie das gehen kann, werde ich in der nächsten Woche in meiner Kolumne erklären.

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