Pferdefleisch: Mehr Bio hilft nicht gegen Skandale

Pferdefleisch: Mehr Bio hilft nicht gegen Skandale

Das Unbehagen an unserem industrialisierten Ernährungssystem lässt sich kaum noch steigern. Aber gibt es Alternativen dazu? Von Eike Wenzel

Von Eike Wenzel. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Er gründete und leitet das Institut für Trend- und Zukunftsforschung und ist Chefredakteur des Zukunftsletters. Zusammen mit Börsenguru Dirk Müller gibt er den Börsenbrief Cashkurs Trends heraus. Dies ist der erste Teil seiner Kolumne darüber, wie nicht der Biotrend, sondern eine neue Food-Bewegung unsere Ernährungsgewohnheiten verändert.

Wir kennen die Bilder und Politikerstatements zur Genüge. Polizeiwagen vor schmucklosen Werkstoren. Bilder aus anonymen Laboren, in denen vermummte Forscher Reagenzgläser schütteln. Allmählich sickert durch, wie Fleisch-Gangster quer durch Europa ihr Unwesen getrieben haben. 144 Tonnen falsch deklarierte Lasagne sollen in Deutschland unterwegs sein.

Anzeige

Laut Foodwatch haben Landwirtschaftsministerium sowie Industrie und Handel bereits im Januar davon gewusst. Die Verbraucherministerin setzt sich jetzt für eine europaweite Herkunftskennzeichnung auch für verarbeitete Fleischprodukte ein, nachdem sie das noch vor Wochen für Alarmismus gehalten hätte. Unser Ernährungssystem stößt immer mehr Menschen ab. Wie sieht der Gegenentwurf zur transnationalen Food-Wirtschaft des Jahres 2013 aus? Haben mehr Bio und konsumbewusste LOHAS eine Zukunft?

LOHAS: Erlösungsphantasien im BiosupermarktEs ist längst ein Allgemeinplatz, dass Ökokonsum der Wohlstands- und Wohlfühlkonsum unserer Zeit ist. Doch hat er auch Wirtschaft und Gesellschaft verändert? Lebensstile sind – wie fast alles in modernen Zeiten – prekär und paradox. Die so genannten LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) haben in den vergangenen rund zehn Jahren die Hoffnung genährt, mit dem „richtigen“ Konsum, der Wahl des „richtigen“ als des ökologischen-biodynamischen Supermarktes die Welt verändern zu können. Mit einer solchen Form des moralischen Hedonismus, das verkündeten unzählige Artikel zu den neuen Ökos, lassen sich drängende Probleme wie Umweltzerstörung und Klimawandel genussbasiert lösen.

Der Biotrend war spätestens zur Mitte der 2000er-Jahre gesetzt und die Märkte reagierten. Grüner Wirtschaften versprach gesamtgesellschaftliches Wachstum. Biokonsum machte sich auf den Weg in die gesellschaftliche Mitte. Gleichzeitig – wir leben in modernen Zeiten – begannen jedoch die BP, EWE, Eon, Krombacher mit teils erschreckend unbeholfenen Aktionen, sich einen grünen Heiligenschein zu geben.

Die Benutzung von Umwelttoilettenpapier wurde von Chemiekonzernen als ökologische Wende gefeiert. Mineralölkonzerne setzten Solaranlagen auf ein paar Tankstellen und erklärten sich zur Speerspitze der grünen Business-Revolution. Seitdem wissen wir, dass Nachhaltigkeit eine epochale Floskel ist und die Management-Disziplin Corporate Social Responsibility zum Aufhübschen der Geschäftsberichte da ist.

Der Bio-Hoax: Öko-Bashing als LobbyarbeitKann es sein, dass die selbst ernannte Konsumavantgarde, die Scheinheiligen aus der Bio-Bourgeoisie, einem riesigen Schwindel aufgesessen sind? Das Marktgesetz der Entlarvung schien auch bei den Ökos zu greifen. Ätsch, Bio ist gar nicht gesünder als normale Lebensmittel: Im September 2012 veröffentlichten Forscher der hoch angesehenen Stanford-Universität Ergebnisse einer Studie, der zufolge Bioprodukte nicht signifikant gesünder seien als Nahrungsmittel aus herkömmlicher Produktion.

Kurze Zeit später entpuppte sich das ach so politisch unkorrekte Ergebnis jedoch als lupenreiner wissenschaftlicher Hoax - ein Schwindel, dessen Motive dann auch schnell an die Oberfläche kamen. Die Hoaxerei brachte in Stanfords Studienteam Hintermänner zum Vorschein, die eng mit der Tabakindustrie und dem Landwirtschaftsgiganten Cargill verbandelt waren. In der sehr phantasiegeleiteten Forschergruppe wurden Daten gewälzt und geknetet, die anderen Forschern schon längere Zeit vorlagen und zu gänzlich anderen Ergebnissen geführt hatten. Trotzdem machte der Bio-Hoax hierzulande seine Runde.

Meinungsführer wie „Spiegel-Online“ und „Süddeutsche Zeitung“ sprangen sofort auf den politisch unkorrekten Zeitgeistzug auf. Dabei war der Meldung aus Stanford ihre linkische Argumentationshaltung leicht abzulesen. Denn was heißt schon gesund bzw. gesünder? Wir alle wissen, dass es nicht DIE Gesundheit gibt, Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit, sich ansonsten aber nur schwer beziffern lässt.

Die Frage, die sich angesichts des Pferdefleischskandals stellt: Ist der Biotrend, sind die Ökos nur ein Wohlstands-Accessoire westlicher Überflussgesellschaften oder können sie wirklich unsere Wertschöpfung verändern? Die romantische Illusion, durch den strategischen Besuch eines Biosupermarktes am Prenzlauer Berg oder in den Öko-Szenevierteln Heidelbergs, Tübingens, Freiburgs die Welt verändern zu können, war das Ergebnis des medialen Agendasettings.

Es gibt ein globales Food-MovementAber durch Biokonsum im Handumdrehen die Welt verändern zu können, ist ein Irrglaube. Dass immer noch manche Bio-Evangelisten, beflügelt vom neoökologischen Zeitgeist, durchs Land ziehen und die Befreiung durch cleveren Ökokonsum verkündeten, kann nicht dem Mentalitätswandel vieler Menschen angelastet werden. Und diesen Mentalitäts- und Lebensstilwandel gibt es tatsächlich. Eine Alternative zur industrialisierten Nahrungsmittelproduktion zu entwickeln, trifft seit den 2000er Jahren die Sehnsucht vieler Konsumenten.

Die meisten der kritischen Konsumenten und Genuss-Aktivisten verbinden mit Bio tatsächlich etwas sehr Konkreteres: weniger pestizidbelastete Produkte, humanere Produktionsbedingungen und eine höhere Produktqualität. Den hoaxenden Stanford-Forschern ging es um etwas ganz anderes: den Status-Quo der Nahrungsmittelindustrie zu wahren. Das Misstrauen gegenüber der industrialisierten Lebensmittelindustrie und –landwirtschaft war noch nie größer.

Laut einer Fresenius-Studie glauben gerade einmal noch neun Prozent der Konsumenten den Angaben der Hersteller. Und aus einer Untersuchung der Brandmeyer Markenberatung, lange vor dem Pferdefleischskandal, geht hervor, dass knapp zwei Drittel der deutschen Verbraucher den Angaben der Hersteller kein Vertrauen mehr schenken.

Der Biokonsum hat unsere Welt (und die Nahrungsmittelindustrie) nicht verändert. Genauso wenig wie Facebook die Revolution in Nordafrika ausgelöst hat. Beides, die Biokonsumrevolution wie der Slacktivism (gesellschaftliche Umstürze durch einen Klick bei Facebook) sind Ergebnisse von medialer Hysterie.

Trotzdem wird der (grüne) Konsument in den nächsten Jahren an Einfluss deutlich gewinnen. Die Welt und das globale Ernährungssystem werden wir nicht durch enthemmte Impulskäufe von Rapunzel, Bioland oder Alnatura verändern. Aber eine andere Bewegung könnte es. Was wir hierzulande in unserer Beschränktheit nur als LOHAS-Mode und Lifestyle-Ökos wahrgenommen haben, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem weltweiten Food-Movement ausgeweitet.

Graswurzeln statt BiothekeEs gibt eine dezentrale Bewegung der Food-Aktivisten, die in den späten 1990er Jahren aus den klassischen LOHAS-Beweggründen heraus entstanden ist: sie wollen regionaler Konsumieren, mit weniger Pestiziden, es sind Jamie-Oliver-Fans, sie kommen aus der Biolandwirtschaft, es sind Vegetarier, sie definieren sich über Foodwatch, Slowfood etc.

Diese Bewegung ist kein „ATTAC für Gourmets“, sie tritt als asymmetrische und weltweite Bürgerinitiative in Erscheinung, ohne klar erkennbares Zentrum, ohne Hierarchien oder charismatische Führer. Und dieses Food-Movement wird in den kommenden zehn Jahren vor allem in der westlichen Welt die Lebensmittelindustrie mit unangenehmen Fragen löchern.

Ob leicht reaktionäre Langsamesser aus dem Schwabenländle, die für die Wiedergeburt des fränkisch-hohenlohischen Fleckviehs brennen, oder die vegane WG aus der Kreativen Klasse in Brooklyn – alle wollen raus aus der Vorhölle der transnationalen Schlachthaus-Ökonomie. Noch einmal: Nicht der politisch korrekte Bioeinkauf verändert den Konsum - es sind die dezentralisierten Genuss-Guerillas, deren Einfluss sich in den kommenden Jahren deutlich bemerkbar machen wird.

Der Zeitgeist tickt grün und isst gerne biologisch, er ist umweltbesorgt, aber genussorientiert und verzichtsresistent. Und er beginnt durch den zunehmenden Einfluss der NGOs und mithilfe der digitalen Medien immer mächtiger zu werden. Als Michel Obama vor einiger Zeit ihre totschicken schwarzen Gummistiefelchen anzog und begann, vor dem Weißen Haus Gemüse anzupflanzen, war das ein PR-trächtiges Signal des Food-Movements.

Aber uns allen dämmert, dass ein Hamburger, rechnet man die Umwelt- und Gesundheitskosten für ihn hinzu, nicht drei lumpige Dollar, sondern 30 Dollar kosten müsste, wie es US-Business-Guru Umair Haque ausgerechnet hat. Die Management-Gurus stützen den Wertewandel und US-Food-Guru Michael Pollan hat der Bewegung in einem Artikel im „New York Review of Books“ ein Denkmal gesetzt.

Lesen Sie in der kommenden Woche, wie die neue Food-Bewegung die Nahrungsmittelindustrie verändern wird.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%