Plastikmüll: Eine Hundehalterin wird zur kreativen Umweltaktivistin

Plastikmüll: Eine Hundehalterin wird zur kreativen Umweltaktivistin

von Jonas Gerding

Heather Itzla kämpft gegen die Verschmutzung der Meere. Sie sammelt Plastikmüll, arrangiert und fotografiert ihn.

Es braucht einen recht ausgefallenen Geschmack, um Müll nicht als hässlich wahrzunehmen. Je länger er schon auf Asphalt, Wiesen und Stränden achtlos zurückgelassen wurde, desto mehr Schmutz sammelt sich auf verwaschenen Flaschenetiketten, vergilbten Plastiktüten und zerfleddertem Einwegbesteck.

Auch wenn Heather Itzla es selbst nicht so bezeichnen möchte, so könnte man es doch Kunst nennen, was ihr gelingt: Sie schafft aus genau diesen Resten ästhetische Werke. Akribisch sortiert die US-Amerikanerin Plastikabfälle, die sie auf ihren täglichen einstündigen Spaziergängen mit ihren beiden Hunden im kalifornischen Marin County aufliest.

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Auf einem beigen Hintergrund arrangiert sie die jeweilige Ausbeute nach Form und Farbe. Mal reiht sie Strohhalme nebeneinander auf, formt Flaschendeckel zu einem Halbkreis oder platziert rechteckige Tüten der Größe nach. Anschließend macht sie ein Foto davon. 528 Bilder hat sie bereits geschossen - vom gleichen Motiv, das doch jedes Mal einzigartig ist.

Schmutz und Schönheit"Ich habe nie daran gedacht, mit dem Plastik etwas visuell Schönes zu schaffen, sondern bin wohl einfach nur sorgfältig darin, Dinge zu sortieren", erläutert sie. "Meine Absicht ist es, zu beleuchten, welche Arten von Plastik sich konkret auf den Straßen und in den Abflussgräben unserer Nachbarschaft befinden".

Im Internet veröffentlicht sie die Bilder, damit auch andere Menschen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es jener Müll ist, der am Ende einer langen Reise die Ozeane verschmutzt. Deshalb hat sie sich auch für die Arrangements entschieden: "Das ist viel wirksamer, als würde ich ein Foto von einem unsortierten Haufen dreckigen Plastik machen", sagt sie.

Von der Hundehalterin zur UmweltaktivistinUnd tatsächlich: So wurde aus Itzlas anfänglichem Bedürfnis, Wege vom Müll zu befreien, eine kreative Kampagne. Auf ihrem Blog regt sie mit ihren originellen Bildern Menschen zum Nachdenken an, zeigt Alternativen auf und bringt andere Umweltprojekte voran. Sie folgt einer Devise, die zwar etwas abgegriffen scheint, aber dadurch nicht weniger wirksam ist: Tue Gutes, und sprich darüber.

Nach diesem Motto handelte auch ein in den Kreisen von Naturschützern bekannter Kapitän, der die Kalifornierin überhaupt erst für die gigantische Umweltverschmutzung sensibilisiert hatte. Charles Moore von der Organisation Algalita Marine Research and Education soll es gewesen sein, der als erster den sogenannten "Great Pacific Garbage Patch" entdeckt haben soll: ein riesige Wirbelströmung voller Plastikmüll im pazifischen Ozean.

In einem viel beachteten TED-Talk erklärte er, wie Abfälle über Flüsse in die Meere gelangen und sich dort allmählich in Plastikpartikel zersetzen. 5,25 Milliarden davon sollen es sein, die insgesamt 268 940 Tonnen wiegen, wie Wissenschaftler der US-amerikanischen University of Connecticut berechnet haben. Von Fischen, Meeressäugern und Vögeln werden die Plastikteilchen wie Nahrung aufgenommen und ruinieren ihre Gesundheit.

Sehen Sie hier Charles Moores eindringlichen Weckruf über die Mülmassen, die die Ozeane verschmutzen:

"In mir erwachte etwas, als ich realisierte, dass all das Plastik, das jemals hergestellt wurde immer noch existiert, es niemals verschwinden wird und wir so viel davon zum Leben verwenden und sich so viel davon auf unseren Straßen befindet", schildert Itzla die Erfahrung in einem Videoporträt. Erst habe sich diese Gewissheit schrecklich angefühlt, doch dann beschloss sie, im Kleinen etwas dagegen zu unternehmen.

Spazieren ging sie mit ihren Hunden soundso täglich. Ihr Blick wurde geschult für die unzähligen, versehentlich liegen gelassenen oder absichtlich weggeworfen Plastikreste und so begann sie vor etwas zweieinhalb Jahren damit, sie aufzusammeln - anfangs noch mit den bloßen Händen; später dann mit einer Kneifzange.

Kreative KampagnenDie ersten Bilder ihrer Beutezüge veröffentlichte sie ausschließlich bei Facebook, weil sich dort auch viele ihrer Freunde aufhielten. Doch schon bald startete sie ihren eigenen Blog, um noch mehr Menschen zu erreichen. "There is no away", nannte sie ihn. Denn es sei nicht möglich, etwas wegzuwerfen, wie sie es formuliert. Dieses "weg" gebe es nicht, da der Müll weiter existiere und Schäden anrichte - nur eben nicht länger vor unseren Augen.

Auf ihrem Blog sind mittlerweile nicht nur die Bilder der arrangierten Müllsammlungen zu sehen, sondern auch Fotos der Straßen, Parks und Strände, die sie für ihre Routen abläuft. Darunter sind sogar Bilder von einem Aufenthalt in Italien. Itzla klärt auf über das Ausmaß der Umweltverschmutzung. Sie benennt die Tiere, die darunter leiden und listet auf, welche Alternativen es für das alltägliche Konsumverhalten gibt: Strohhalme, Becher, Schulunterlagen und Party-Deko aus Recyclingpapier beispielsweise.

Mit Schülergruppen hat sie das "The Straw Project" ins Leben gerufen. Die Teilnehmer sprechen die Inhaber von Restaurants, Cafés und Bistros an, reden mit ihnen über die Verschwendung von Ressourcen, um sie davon zu überzeugen, ihren Kunden nur noch Strohhalme in die Hand zu drücken, wenn sie auch wirklich danach verlangen. So soll vermieden werden, dass die Plastikutensilien ungenutzt im nächsten Mülleimer, auf Straßen oder Wiesen landen.

"Mir haben einige Menschen gesagt, dass sie nun vor ihrem Einkauf darüber nachdenken, welche Plastikprodukte sie einkaufen", sagt Itzla über das Feedback, das sie bekommt. Dieses Bewusstsein ist es, das sie schaffen möchte. Und das sie anspornt. 15 Mülltüten warten in ihrer Garage darauf, von ihr ausgeschüttet, sortiert, arrangiert und fotografiert zu werden.

Aus der Hundehalterin ist eine Umweltaktivistin geworden. Aber auch eine Künstlerin? Wie auch immer die Bilder nun bezeichnet werden, es ist auf jeden Fall eine Kunst, mit etwas ursprünglich so Hässlichem etwas Schönes zu bewirken.

Eine kleine Auswahl der 528 Bilder. Weitere gibt es hier zu sehen.

 

 

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