Raus aus der Kohle: Investoren verabschieden sich von fossilen Energieträgern

Raus aus der Kohle: Investoren verabschieden sich von fossilen Energieträgern

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Das Kohlekraftwerk Staudinger hinter den Häusern des Ortes Hainburg.

von Lisa Hegemann

Rendite mit Kohle und Öl? Diese Zeiten sind vorbei. Banken und Versicherer veräußern nun ihre fossilen Anlagen.

Klimaschutz hängt nicht nur mit dem Kohlendioxidausstoß zusammen, sondern auch mit Geld. Je mehr Kohle in fossile Energieträger fließt, je stärker Investoren also die Verbrennung von Kohle und Öl unterstützen, desto lukrativer ist deren Abbau und Verwendung. Und desto weniger lohnt sich der Klimaschutz.

Wie viel Geld sich mit Investments in fossile Energieträger machen lässt, zeigt das Beispiel der Familie Rockefeller. Die Dynastie hat über die Jahrzehnte ein riesiges Vermögen angehäuft, unter anderem durch ihre Investitionen in Ölunternehmen wie einst Standard Oil.

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Rockefellers als Vorbild

Doch vor gut einem Jahr hat eine der reichsten Familien Amerikas ihr grünes Gewissen entdeckt. 2014 verkündete der Rockefeller Brothers Fund, der ein Vermögen von etwa 860 Millionen Dollar verwaltet, den Ausstieg aus der Kohle- und Ölindustrie. „Es ist Zeit, den fossilen Brennstoffen abzuschwören“, sagt der Präsident des Fonds, Stephen Heintz, in einem aktuellen Interview mit der Deutschen Welle. Bis zu den Klimaverhandlungen in Paris will er 2,5 Billionen Dollar aus fossilen Energien abziehen.

„Es ist moralisch nicht vertretbar, weiterhin in den fossilen Sektor zu investieren“, so Heintz. Anfang 2014 habe die Stiftung noch sieben Prozent ihrer Mittel in fossile Rohstoffe angelegt, nun sei es noch die Hälfte. Bis 2017 wollen sich die Rockefellers komplett von nicht-erneuerbaren Energieträgern verabschieden.

Die Familie steht mit ihrer Entscheidung für einen Trend, den nun auch andere Fonds, Banken und Versicherer für sich entdecken: Sie ziehen ihre Investitionen aus bisherigen Energieträgern wie Kohle und Öl ab. Jüngstes Beispiel: die Allianz. Die größte Versicherung der Welt kündigte am Dienstagabend in der ZDF-Sendung „Frontal 21“ an, ihr Geld nicht länger in Kohle zu stecken.

Weniger Geld für Kohle und Öl, mehr für Wind und Sonne

Das Unternehmen will seine Aktien an entsprechenden Konzernen in den kommenden sechs Monaten veräußern. In Fällen, in denen das Geld nicht so einfach abgezogen werden kann, sollen die Investitionen auslaufen. Das Ausstiegsvolumen wird auf vier Milliarden Dollar geschätzt.

Gleichzeitig will die Allianz verstärkt in erneuerbare Energien investieren. Bis heute habe man zwei Milliarden Euro in Windkraft angelegt, so Chefinvestor Andreas Gruber gegenüber „Frontal 21“. Über die nächsten Jahre wolle man diesen Betrag verdoppeln.

Mit ihrem plötzlich entdeckten grünen Gewissen ist die Allianz nicht alleine. Eine der ersten Versicherungen, die sich von fossilen Energieträgern verabschiedet hat, war ein französischer Wettbewerber: Im Mai hatte bereits Axa angekündigt, nicht länger in Kohle zu investieren.

Eine Branche entdeckt ihr grünes Gewissen

Auch der Norwegische Staatsfonds, der unter anderem bei Eon und RWE investiert ist, verkündete im Juni den Ausstieg aus der Kohle. Das Parlament beschloss, dass der größte Staatsfonds der Welt künftig nicht mehr in Energie- und Bergbauunternehmen investieren solle.

50 bis 75 Firmen sollen von der Entscheidung betroffen sein, das Volumen schätzte das norwegische Finanzministerium auf 35 bis 40 Milliarden Kronen (3,8 bis 4,3 Milliarden Euro). Umweltschützer sprechen sogar von 122 Firmen und einem Volumen von 67,2 Milliarden Kronen (7,3 Milliarden Euro).

Nicht nur Fonds und Versicherungen, auch Banken wollen weniger Geld in fossile Energie stecken – ein weltweiter Trend: So verkündete die Bank of America im Mai, die Investitionen reduzieren zu wollen. Bei Goldman Sachs will man zwar noch nicht raus aus der Kohle, aber zumindest die grünen Energien stärker finanzieren: Bis 2025 will die Investmentbank Wind- und Solarkraft mit 150 Milliarden Dollar fördern. In Australien will das größte Finanzinstitut, die National Australia Bank, 12,8 Milliarden US-Dollar in grüne Energiealternativen investieren.

Der Trend setzt selbst die Weltbank unter Druck. Sie wird von Naturschutz- und Hilfsorganisationen aufgefordert, ihre Investitionen aus fossilen Rohstoffen ebenfalls abzuziehen.

Grüne Augenwischerei?

Wird der Finanzsektor nun als plötzlich grün? Eher nicht. Einen Großteil ihres Geldes investieren gerade Banken immer noch in fossile Energieträger. Zwischen 2009 und 2014 flossen 931 Milliarden US-Dollar in Kohle, Öl und Co. In erneuerbare Energien investierten die Finanzinstitute gerade einmal 98 Milliarden US-Dollar, also ein Zehntel im Vergleich, wie eine Studie von Fair Finance Guide und BankTrack von Anfang November verdeutlicht.

Die Untersuchungen der deutschen Umweltschutzorganisation Urgewald, die sich auf Investitionen in Braunkohle konzentrieren, bestätigen diesen Eindruck. So gilt die Deutsche Bank als größter deutscher Finanzier, sie soll insgesamt 3,3 Milliarden Euro in Braunkohle investiert haben. Die Anlagen der Commerzbank beliefen sich auf 3,1 Milliarden Euro, die der BayernLB auf 830 Millionen Euro. Die Allianz hatte Kohle 2014 noch mit 832 Millionen Euro unterstützt. Insgesamt beliefen sich die Investitionen auf 8,7 Milliarden Euro.

Und: Ganz grün werden auch künftig weder die Investitionen der Allianz noch des Norwegischen Staatsfonds sein. Das Unternehmen und der Fonds kündigten lediglich an, nicht mehr in Bergbau- und Energieunternehmen zu investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes oder ihrer Energieerzeugung mit Kohle generieren. Bis zum kompletten Ausstieg ist es also noch ein langer Weg.

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