Ressourcen: Wie Unternehmen auf die Trinkwasser-Knappheit reagieren

Ressourcen: Wie Unternehmen auf die Trinkwasser-Knappheit reagieren

Trinkwasser wird weltweit knapp. Dem Problem stellen sich immer mehr Konzerne und Investoren.



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Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, doch erst 2010 haben die Vereinten Nationen (UN) das Recht auf Trinkwasser zum Menschenrecht erklärt. Aber noch immer haben 800 Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Laut der Unesco trifft das auf mehr als 60 Prozent der Menschen südlich der Sahara zu. Darum bestimmten die UN 2013 zum Internationalen Jahr der Wasserkooperationen.

Die meisten „Wasserrisiken“ – Überschwemmungen und Dürren – verschärft der Klimawandel, so dass sie einen immer größeren Teil der Weltbevölkerung gefährden. Darum forderte der Generalsekretär der OECD Angel Gurría: „Wir müssen uns mit Strategien rüsten, um Wasserknappheit und -verschmutzung zu verhindern und uns gegen Dürren und Fluten zu schützen.“

Anlässlich der Weltwasserwoche in Stockholm im September rief die Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit in zwei OECD-Studien Regierungen zum Handeln auf und zeigte, was in den 34 OECD-Ländern und der EU-Kommission diesbezüglich getan wird.

Menschen und Unternehmen leiden unter „Wasserstress“Auch die Wirtschaft ist betroffen - 2012 spürten bereits 53 Prozent der Unternehmen die Folgen von Wasserknappheit, schlechter Wasserqualität, Überschwemmungen oder Dürreperioden für ihr Geschäft, so Econsense - Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft.

Im Bergbau betrachten gar drei Viertel der Unternehmen „Wasserstress“ als größtes Risiko, ermittelten die Investoreninitiative CDP (Carbon Disclosure Project) und der Vermögensverwalter Eurizon Capital im Juli 2013. In den letzten fünf Jahren seien 64 Prozent der Unternehmen bereits geschädigt worden, heißt es in der Bergbau-Studie. So habe der US-Aluminiumhersteller Alcoa 2011 infolge von Flutschäden 130 Millionen Dollar (6,5 Prozent des Betriebsergebnisses) verloren. Unternehmen jedoch, die Wasser bereits jetzt strategisch managen, hätten bessere Finanzergebnisse, betonen die Autoren.

Die Gründe für den Wasserstress sind teils natürlicher Art, großenteils aber auch „hausgemacht“: Beispielsweise entnehmen industrialisierte Landwirtschaft und große Industriebetriebe aus Flüssen oder Grundwasser derart immense Wassermengen, dass breite Ströme weit vor ihren Mündungen versiegen, Binnenseen austrocknen und fos- sile Grundwasserreservoire für immer schwinden.

Die Nichtregierungsorganisation Oxfam prangert Verantwortungslosigkeit an. Sie führt in der Studie „Behind the Brands“ vom Februar aus, in Pakistan stehe Nestlé als Verursacher für sinkende Grundwasserspiegel und steigende Wasserkosten in der Kritik. Das Unternehmen fülle dort Trinkwasser in Flaschen ab und habe einen Marktanteil von 50 Prozent.

Großanleger fürchten RisikenInvestoren bereitet das Unbehagen, teils aus ethischer Motivation, insbesondere aber weil das beträchtliche Risiken für ihre Kapitalanlagen birgt. Sehr eingeengt sind südafrikanische Investoren, die aufgrund rechtlicher Regeln nur begrenzt im Ausland investieren dürfen: Sie seien besonders von in dem Land herrschender Wasserknappheit betroffen, heißt es der Studie „Navigating Muddy Waters“ der Londoner Researchorganisation Trucost und der Umweltorganisation WWF von Ende 2012. Aber auch Investoren anderer Kontinente machen sich Sorgen.



Darum hat die US-Nachhaltigkeitslobbygruppe Ceres im April 2013 einen Berichtsrahmen für Wasserversorger und Abwasserunternehmen veröffentlicht. Er entstand in Beratungen mit Unternehmen und mehr als einem Dutzend Investoren, die deren Anleihen erwerben und über 40 Milliarden Dollar verwalten. Unternehmen sollen sich an dem Leitfaden bei ihrer Finanzberichterstattung orientieren und Investoren sowie Kreditratingagenturen sollen deren Angaben nutzen, um ihre „finanzielle Gesundheit“ zu prüfen.

Die Nachfrage nach emissionsarmen und hinsichtlich Wasser verantwortlichen Anlagen steigt - genauso wie die Anforderungen an Institutionelle, Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien zu beachten, so die Trucost-WWF-Studie. Um Zusammenhänge zu verstehen und Unternehmen zum Handeln zu bewegen, fordert das CDP seit 2009 die wasserintensivsten Unternehmen aller Branchen auf, Fakten offen zu legen. Dahinter stehen heute 530 Investoren mit 57 Billionen Dollar verwaltetem Vermögen.

Unternehmen tun zu wenigDie Top-Konzerne managen ihre Wasserrisiken nicht vernünftig, deckte die diesjährige Umfrage Ende Oktober auf, der 593 von über Tausend Konzernen antworteten. Zu sehr fokussierten sie sich auf geringere Wasserverbräuche, kritisiert der Bericht. Das sei unzureichend angesichts zunehmend plötzlich auftretender Wasserrisiken - so gefährdeten sie auch Investoren. Von den Antwortenden räumten 70 Prozent (2011: 53) ein, bis zu im Schnitt sieben Wasserrisiken könnten substanzielle Folgen für ihr Geschäft haben. Viele aber kennen die physischen, regulatorischen und Reputationsrisiken gar nicht, bemängelt das CDP und informiert, was Aktionäre nun tun.

Dem norwegischen Pensionsfonds geht die Datensammlung noch nicht weit genug. Die Norges Bank Investment Management (NBIM), der Arm der Zentralbank des Landes, der den 582-Milliarden-Euro schweren Pensionsfonds managt, forderte das CDP im Oktober auf, es solle von Unternehmen mehr Details zu ihren Wasserrisiken verlangen. Die Messung und Offenlegung von Risiken in Branchen, von in verschiedenen Regionen liegenden Standorten der Konzerne sowie von Wasserverfügbarkeit und -versorgung in Staaten „würde es Investoren ermöglichen, diesbezügliche Risiken bes- ser zu managen“.

Nötig seien auch mehr Informationen zu Schwellenländern. Diese hätten künftig einen größeren Anteil an der globalen Wertschöpfung und dort aktive Unternehmen eine zunehmende Bedeutung in Investorenportfolios.

Wasser bietet auch ChancenAndererseits bestehen Chancen, mit Investitionen in sauberes Trinkwasser und geringe Wasserverbräuche zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen sowie Renditen zu erzielen. Das „Global Water Forum“ am 31. Oktober stand denn auch unter dem Motto „In Wassersicherheit investieren“. So ist Wasserkraft mit 16,5 Prozent der globalen Stromproduktion laut Global Status Report Renewables 2013 der meistgenutzte er- neuerbare Energieträger. Sein Wirkungsgrad ist mit bis zu 95 Prozent überaus hoch – ein Grund zu investieren.

Die Aussichten scheinen blendend: Mit dem global vorhandenen Wasserkraftpotenzial von 3.800 Gigawatt (GW) ließe sich der weltweite Elektri- zitätsbedarf decken, zeigen Daten der International Energy Agency (IEA).

Doch das ist Theorie, denn die geografischen Möglichkeiten für Wasserkraftwerke sind weltweit ungleich verteilt. Außerdem ist Wasserkraft nicht per se nachhaltig, jeder Einzelfall bedarf einer Analyse. Großstaudämme können, wie beim türkischen Illisu-Staudamm, verheerend sein für Ökosysteme, Menschen und ihr kulturelles Erbe. Darum zogen sich Banken vor Jahren aus der Finanzierung dieses Staudamms zurück – auf Druck der Zivilgesellschaft.

Für Anleger stellt sich bei Investmentoptionen – ob geschlossene Fonds, Publikumsfonds oder andere Beteiligungen – die Frage, ob sie Nachhaltigkeitskriterien beachten oder nicht. Der Investorenkongress „Global Water Forum“ rief alle Unternehmen auf, Wasserthemen mit der strategischen Bedeutung zu behandeln, die sie verdienen. Sie sollen aktiv zu einer nachhaltigeren Zukunft beitragen.

Dafür müssen sie wasserbezogene Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungsketten systematisch identifizieren und durch ein geeignetes Wassermanagement reduzieren. Ein Ansatz ist der „Wasser-Fußabdruck“, der aber Reputations- oder Regulationsrisiken nicht erfasst.

Wassereffizienz auch in der LieferketteWie Wassermanagement aussehen kann, zeigt der schwedische Modehersteller Hennes & Mauritz (H&M), der Anfang 2013 eine dreijährige, weltweite Partnerschaft mit dem WWF einging. Sie soll dazu beitragen, die 2012 entwickelte globale Wasserstrategie des Konzerns in die Praxis umzusetzen. Sie umfasst – und dies ist neu in der Branche – die gesamte Lieferkette.



Die Strategie soll in allen 48 Märkten etabliert werden, mit dem Ziel, alle 750 direkten Lieferanten und die vielen Stofflieferanten mit Informationen über die neue Wasserstrategie zu erreichen. Der Hersteller startet mit den 190 Lieferanten, die die meisten der Produkte herstellen.

„Etwa 1.000 Menschen aus dem zentralen Einkauf, der Produktion und dem Verkauf werden direkt in die Umsetzung der Strategie eingebunden sein“, so H&M. Designer und Einkäufer erhielten Schulungen zu den Auswirkungen der Rohmaterialien auf Wasserressourcen und zu nachhaltigeren Optionen. Alle 94.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden über das Thema informiert. „Die Wasserstrategie ist hier ein elementarer Bestandteil des Business-Plans. Wir hoffen, dass andere Unternehmen davon inspiriert werden und den gleichen Ansatz wählen“, sagte Jim Leape dazu, Geschäfts- führer des WWF International.



Auch soll mit Regierungsvertretern, Nicht-Regierungsorganisationen, Wasserinstitutionen und Unternehmen kooperiert werden zum besseren Schutz der gefährdeten Flussgebiete des Yangtse in China und des Brahmaputra in Bangladesch.

Wasser wird zu einem globalen MarktDie Umweltorganisation Global Nature Fund (GNF) zeigt mit erfolgreichen Modellprojekten in Kenia, Burundi und der Elfenbeinküste, wie Menschen in bisher unterversorgten Regionen Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten können. Die Projekte sind mitfinanziert von Unternehmen wie Lufthansa und Reisekonzern TUI, dem Bundesligisten Hannover 96 sowie von der Merz-Stiftung und der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ).



In den Wachstumsmarkt ist auch der Tüv Süd eingetreten mit dem neuen Bereich „Water Services“. Auf der Hannover Messe 2013 präsentierte er erstmals Dienstleistungen für Meereswasserentsalzung, Infrastruktur oder „Smart Water Grid“-Anwendungen. In den schnell wachsenden Metropolen Chinas, Indiens und im Nahen Osten sowie in entwickelten Regionen wie den USA müssten Infrastrukturen für die Trinkwasserversorgung und die Abwasserentsorgung aufgebaut, ausgebaut oder modernisiert werden. „Dafür sind gewaltige Anstrengungen und Investitionen erforderlich“, sagt Andreas Hauser, Leiter der „Water Services“. Die Dienste sollen Qualitäten sichern, Risiken bewerten, Optimierungsansätze aufzeigen und bessere Entscheidungsgrundlagen bieten. Das soll auch Investoren nutzen.



Besondere Investmentchancen sieht eine Studie der Bank J. Safra Sarasin bei der Entsalzung von Meer- oder Brackwasser. Sie gewinne an Relevanz, da in rund zehn Jahren zwei Drittel der Weltbevölkerung von zumindest vorübergehender Wasserknappheit betroffen sein dürften. Die Bank warnt aber vor wirtschaftlichen Risiken.

Nicht alle Fonds sind gutDie Anlagethemen bei Wasser sind folglich vielfältig; auch branchenübergreifende Nachhaltigkeitsfonds investieren. Im deutschsprachigen Raum existieren zwölf reine Wasserfonds, meist älter als fünf Jahre mit oft breiten Portfolios von Firmenbeteiligung. Ihre Wertentwicklungen über fünf Jahre reichen von plus 57 bis 119 Prozent.

Allerdings kam dieser Boom erst seit 2009 nach der Finanzkrise auf - auf zehn Jahre gerechnet sehen die Wertentwicklungen nicht immer blendend aus. Fonds mit höheren Wertzuwächsen haben oft hohe Ausgabeaufschläge von fünf Prozent - manche aber auch nicht. Auch magere Fonds können hohe Kosten haben, ein Vergleich ist ratsam. Einige Fonds bieten institutionelle Tranchen, deren Renditen höher sind, denn Anleger, die große Ankäufe tätigen, zahlen niedrigere Gebühren.

Die Fonds von Swisscanto und J. Safra Sarasin haben nicht nur klar definierte Anlagekriterien und tragen das europäische Transparenzsiegel, sondern haben „im Vergleich zu den anderen Wasserfonds in den vergangenen fünf Jahren niedrigere Volatilitäten und geringere Maximalverluste“, hat Finanzberater Oliver Ginsberg ermittelt. Wermutstropfen sei, dass der Sarasin-Fonds neben innovativen Unternehmen auch solche im Portfolio habe, deren Geschäftspolitik sich wie bei dem französischen Konzern Veolia eher auf Marktdominanz und zweifelhafte Privatisierungsverträge stütze.

Der Indexfonds I-Shares S&P Global Water habe sich als schwankungsanfälliger erwiesen. Der KBC-Fonds, der auch das Transparenzsiegel trägt, zeichne sich durch eine niedrige Kostenquote aus, weise aber hohe Wertschwankungen auf. Klare Ausschlusskriterien definiere zwar auch der „Water for Life“ von Ökoworld, lasse jedoch bei der Gesamtkostenquote zu wünschen übrig. Die Performance liegt über fünf Jahre im Mittelfeld.

Der mit Abstand größte Fonds, Pictet Water, und der Robeco SAM Sustainable Water haben laut Ginsberg günstigere Kostenstrukturen. Ihre Wertentwicklungen über fünf Jahre liegen auch im Mittelfeld. Der Pictet-Fonds hat keine Nachhaltigkeitskriterien. Andere machen keine Angaben zu ihren Kriterien. Nur die drei Fonds von RobecoSAM, Sarasin und Swisscanto stellen ihre Positiv- und Ausschlusskriterien übersichtlich in einem „FNG-Profil“ dar.

Dieser Text ist dem Handelsblatt-Briefing "Nachhaltige Investments" entnommen. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.



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