Sauber, sicher, günstig: Vier Ideen, wie wir 100 Prozent Grünstrom schaffen

Sauber, sicher, günstig: Vier Ideen, wie wir 100 Prozent Grünstrom schaffen

Eine Stromversorgung nur mit grünen Energien ist möglich. Teuer muss das nicht werden - ganz im Gegenteil.

Dies ist der neunte Teil unserer Serie über die Zukunft der Energiewende. An dieser Stelle präsentiert regelmäßig ein Experte seine Ideen, wie der Umbau unserer Energieversorgung erfolgreich gestaltet werden kann.

An dieser Stelle beschreibt Matthias Willenbacher, Gründer und Vorstand der juwi-Gruppe, in vier Schritten wie wir 100 Prozent erneuerbare Energien schaffen und warum das nicht teuer werden muss. Willenbacher hat gerade sein Buch mit dem Titel "Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin veröffentlicht". Im Juli stand es auf der Spiegel-Bestsellerliste.

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Die Zukunft der Energieversorgung ist unmittelbar vor der Bundestagswahl eines der meist diskutierten Themen. Und tatsächlich stehen wir heute an einem Punkt, an dem wir uns entscheiden müssen, wie wir in Zukunft leben wollen. Möchten wir in einer friedlichen Welt mit stabilen Preisen und einer nachhaltigen, sauberen Energieversorgung leben? Oder in einer unsicheren, in der die Kosten für Energie ständig weiter steigen, so dass immer weniger Menschen Zugang zu ihr haben?

Für mich stehen zwei Dinge fest: Die Weltbevölkerung wächst, und immer mehr Menschen möchten Zugang zu den Annehmlichkeiten wie Laptops, Flat-Screen-Monitore und Autos. Zeitgleich gehen Ressourcen wie Öl, Gas und Kohle zur Neige und werden damit immer teurer. Der damit verbundene Widerspruch ist offensichtlich – die Lösung aber auch. Sie heißt: Erneuerbare Energien.

Wind und Sonne sind unendlich verfügbar, sie verschmutzen nicht die Luft, und die Ressource kostet nichts. Es kommt jetzt darauf an, die richtigen Weichen zu stellen, um die Vorteile der erneuerbaren Energien – sauber, sicher, günstig – tatsächlich auch nutzen zu können.

In Deutschland läuft allerdings gerade einiges falsch. Die Energiewende wird so, wie sie jetzt von Seiten der Bundesregierung geplant ist, deutlich teurer als nötig. Deshalb habe ich in den vergangenen Monaten einen Masterplan für Deutschland erarbeitet. In meinem Buch „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“ habe ich ihn zum ersten Mal vorgestellt.

Wir können unseren Energiebedarf zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien decken. In meinem Masterplan gehe ich davon aus, dass die Windenergie 60 Prozent des Bedarfs decken kann. Den Anteil der Photovoltaik sehe ich bei 25 Prozent, den Anteil von Wasserkraft bei fünf Prozent, weil diese in Deutschland kaum noch ausgebaut werden kann. Die restlichen zehn Prozent können wir über Blockheizkraftwerke decken, die Bioenergie verbrennen und so gleichzeitig Strom und Wärme produzieren.

1. Stromerträge müssen steigenMüssen wir für 60 Prozent Windkraft ganz Deutschland mit Windrädern vollstellen? Nein, im Gegenteil. Wir brauchen nicht mehr als die rund 25.000 Windräder, die wir heute haben. Was wir brauchen ist eine Weiterentwicklung der vorhandenen Technik. Wir brauchen Windräder der neuesten Generation, die möglichst gleichmäßig viel Strom produzieren. Hier heißen die Zauberwörter Volllaststunden und Repowering. Mit Letzterem ist das Ersetzen alter, kleiner Anlagen durch neue, leistungsstarke gemeint.

Wir müssen die Volllaststundenzahl von heute durchschnittlich 2.000 Volllaststunden auf 4.000 Volllaststunden erhöhen. Wie komme ich auf diese Zahl? Bei 4.000 Volllaststunden ist das Verhältnis zwischen dem Stromertrag und der Auslastung der Anlage optimal. Es ist also die wirtschaftlichste Lösung, wenn wir nicht nur die Einzelanlage betrachten, sondern auch die Kosten für Netzanschluss und Speicherung.

Und dazu eine Lösung, die sehr leicht umsetzbar ist. Denn im Grunde muss der Generator nur optimal ausgelastet sein. Dafür wähle ich einen relativ kleinen Generator und einen im Verhältnis dazu großen Rotor, beispielweise mit einem Durchmesser von 120 Metern.

Auch bei der Photovoltaik müssen wir für höhere Erträge die Volllaststundenzahl erhöhen - von heute 1.000 auf bis zu 2.000 Volllaststunden. Dies erreichen wir, indem wir die Größe der Wechselrichter im Verhältnis zur Modulfläche deutlich kleiner auslegen. So erhöht sich die Volllaststundenzahl und der Ertrag – insbesondere im Winter.

2. Verzicht auf Offshore und Speicher spart GeldMit diesen einfachen Mitteln können wir eine 100prozentige Versorgung aus erneuerbaren Energien erreichen. Doch warum ist das günstiger? Kostet uns der Spaß nicht doch die Megasumme von einer Billion Euro, wie Bundesumweltminister Peter Altmaier sagt?

Nein, denn wir lassen alles weg, was die Energiewende unnötig verteuert.

Wenn wir den Ertrag der Windkraftanlagen verbessern und den Strom dezentral dort produzieren, wo er tatsächlich gebraucht wird, benötigen wir keine teuren Offshore-Anlagen. Und ohne Offshore  brauchen wir auch weniger teure Überlandleitungen. Und wenn wir Strom dezentral produzieren, brauchen wir weniger Speicher. Denn auch das Speichern verteuert die Energiewende unnötig.

Eine gespeicherte Kilowattstunde Strom ist zwei bis dreimal so teuer wie eine Kilowattstunde, die direkt verbraucht wird. Der Grund: Stromspeicher werden ja nur temporär gebraucht, weshalb sie weniger Betriebsstunden haben, was sich in höheren Kosten niederschlägt. Zudem geht das Speichern auch mit Verlusten einher, die Investitionskosten bleiben aber. Es ist also immer besser, den Strom direkt zu verbrauchen statt ihn zu speichern.

Auch die transportiere Kilowattstunde ist deutlich teurer als die direkt genutzte. Insbesondere dann, wenn der Strom durch mehrere hundert Kilometer lange Leitungen gejagt wird, wie es jetzt mit Offshore vorgesehen ist. Je länger der Transportweg, umso mehr Strom geht verloren. Je weniger die Netze gebraucht werden, desto teurer ist der Strom.

3. Blockheizkraftwerke bringen Energiewende voranFakt ist: Offshore-Strom ist und bleibt zwei bis dreimal so teuer wie Strom aus Windkraftanlagen an Land. Hinzu kommen dann noch die Kosten für den Netzanschluss. Im Grunde nutzen Offshore und der Netzausbau nur den vier Energieriesen. Sie können so ihre Vormachtstellung behaupten und parallel zu den Erneuerbaren ihre Kohlekraftwerke weiter laufen lassen.

Statt in Offshore und unnötige Netze sollten wir das Geld in Blockheizkraftwerke investieren, die Strom und Wärme gleichzeitig produzieren – ohne große Verluste. Auch das gehört zu meinem Masterplan. Mit den 20 – 30 Milliarden Euro, die mindestens in Überlandleitungen zu investieren wären, könnten auch bis zu 50.000 Megawatt an Blockheizkraftwerken installieren werden.

Diese könnten dann Strom aus Biogas für die Industrie und andere Großverbraucher produzieren – zu günstigen Preisen, was wiederum die Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen verbessern würde. Mini-Blockheizkraftwerke könnten in Zukunft in jedem größeren Haus stehen. Dazu kommen als Back-up Batteriespeicher für den Solarstrom vom Dach oder Batterien von Elektroautos, die dann genutzt werden können, wenn die Autos wie üblich über 90 Prozent am Tag stehen.

4. Energieverbrauch an Produktion anpassenAllerdings sollten Blockheizkraftwerke nicht rund um die Uhr laufen, sondern gezielt dann eingesetzt werden, wenn der Strom aus Wind und Sonne nicht ausreicht. Denn trotz der guten Energiebilanz kosten die zur Gewinnung von Biogas genutzten Rohstoffe Geld – Wind und Sonne jedoch schicken keine Rechnung.

Neben der Stromerzeugung lohnt es sich aber auch den Verbrauch anzuschauen. Wir können schon heute unseren Verbrauch ganz leicht an die Zeiten anpassen, an denen wir beispielweise besonders viel Strom zur Verfügung haben. So kann man die Waschmaschine auch mittags laufen lassen, wenn besonders viel Solarstrom ins Netz eingespeist wird. Das ist nur ein Beispiel dafür, was heute möglich ist.

Ich bin überzeugt: Die Energiewende ist deutlich günstiger zu haben, wenn wir die Weichen richtig stellen. Mein Masterplan zeigt, in welche Richtung es dabei gehen sollte. Die Energiewende ist alternativlos. Wir diskutieren heute über 200 Euro EEG-Umlage im Jahr für eine durchschnittliche Familie.

Die gesamten Energiekosten eines Haushalts betragen aber im gleichen Zeitraum 5.000 Euro – inklusive Benzin und Heizöl. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Ölpreis vervierfacht. Umwelt-und Gesundheitsschäden durch das Treibhaus Kohlendioxid werden zunehmen. Wenn wir jetzt nicht handeln, könnte es bald zu spät sein.

 

Bisher sind im Rahmen der Serie “Zukunft der Energiewende” erschienen:

1. Teil: Eicke Weber beschreibt, warum wir statt einer Strompreisbremse einen Masterplan für die Energiewende brauchen

2. Teil: Rainer Baake erklärt, wie wir künftig Blackouts verhindern

3. Teil: Felix Matthes stellt die Grundlagen einer erfolgreichen EEG-Reform vor

4. Teil: Manuel Frondel fordert, dass die Regierung den Ausbau der Erneuerbaren bremst

5. Teil: Manfred Fischedick beschreibt die sechs größten Herausforderungen der Energiewende

6. Teil: Udo Sieverding deckt Greenwashing beim Ökostrom auf

7. Teil: Patrick Graichen erklärt, wie die Stromversorgung sicher bleibt

8. Teil: Volker Quaschning sieht die Verbraucher als wichtigsten Akteur der Energiewende

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