Skandale: Warum Unternehmen unethisch handeln

Skandale: Warum Unternehmen unethisch handeln

Mittagskolumne: ThyssenKrupp, Deutsche Bank und die Apotheker stolpern derzeit über unethisches Verhalten. Diese Skandale ließen sich verhindern.

Von Andreas Knaut. Der Experte für Unternehmenskommunikation und CSR verantwortete bis Sommer 2012 bei Danone den Bereich Corporate Communications und Nachhaltigkeit. Derzeit lehrt er an der Hochschule Fresenius in München sowie an der Leipzig School of Media.

Es geht rund in Compliance-Deutschland: ThyssenKrupp trennt sich von einem Vorstand, weil dieser Journalisten zum zahlungsbefreiten Mitflug veranlasst haben soll. Die Bundesvereinigung der Apothekerverbände nutzte angeblich Unterlagen, die ein Maulwurf illegal im Bundesgesundheitsministerium beschaffte. Der Staatsanwalt ermittelt gegen Deutschbänker wegen Geldwäsche, mit dabei: Co-Vorstandschef Jürgen Fitschen.

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Deutschland – eine Bananenrepublik? Irgendwo angesiedelt zwischen Nordkorea und Somalia?

Wie kann das sein? 44 Prozent aller Unternehmen besitzen heute wenigstens eine Art Verhaltensrichtlinie, neudeutsch Code of Conduct, errechnete 2010 PriceWaterhouseCoopers. Eine Heerschar von 2978 Tugend-Wächtern tummelt sich mittlerweile in deutschen Konzernen, schätzt das Manager Magazin. Grosse Häuser wie MAN unterhalten vielgliedrige und tief gestaffelte Abteilungen, die von Geschäftsgebaren, Kartellrecht über Bestechung bis hin zu Datenschutz und sogar Geldwäsche alles im Blick haben. Emeritierte Richter und Staatsanwälte erfreuen sich über ein sattes Zubrot als Compliancebeauftragte, Anwaltskanzleien mit Sitz in Frankfurt und New York über lukrative Beratungsmandate.

Handeln Unternehmen heute ethischer als früher?Aber es hat sich noch viel mehr geändert: Salesmanager sitzen Handelseinkäufern heute nicht mehr in 5-Sterne-Restaurants, sondern in Glasbüros gegenüber, zwischen sich nur ein Tisch mit Wasser. CEOs meiden – zuweilen – Verbandszusammenkünfte, diese könnten der Preisabsprache dienen. Bundesligisten bangen um die Vermarktung ihrer Arenalogen, denn dort tummeln sich allein Gewinner konzerninterner Motivationsmassnahmen.

Also, alles umsonst?

Die Antwort fällt nicht leicht. In den oben genannten Fällen von Deutsche Bank und Co. ermittelt zunächst nur der Staatsanwalt, ein Urteil gibt es nicht. Es besteht ein Anfangsverdacht, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und nicht selten lösen sich solche Verdachtsmomente gerne in heiße Luft auf. Nur, dass darüber dann niemand mehr berichtet.

Andererseits: Einen Code of Conduct, eine ethische Verhaltensregel einzuführen, ist eine Sache. Viel schwieriger ist es, sie zu leben. Es geht nicht nur um Boni- und Sanktionierungsregelungen von oben, sondern auch um tägliche Selbstdisziplin und Akzeptanz aller Beteiligten. Gerade von den Kollegen, die im guten Glauben handeln und immer gehandelt haben und eigentlich nur Branchenusancen befolgen. Sie müssen verstehen, dass sich die Spielregeln ändern.

Wer früher den Geschäftspartner zu einem opulenten Abendessen einladen konnte, muss das heute begründen. Wer früher selbstverständlich bei der Bundesliga-Begegnung  von Bayern München gegen den HSV in der Loge weilte, muss heute nach der Rechnung fragen. Wer heute einem Handelseinkäufer einen Plüschbären schenkt, wird merken, dass dieser das Präsent seinem Vorgesetzten meldet – oder gleich ablehnt.

Juristen-Deutsch im EthikkatalogDas alles ist unangenehm, lästig, zuweilen persönlich peinlich. Das alles bedeutet zusätzlichen Aufwand in einem Berufsalltag, der ohnehin nicht entspannt ist. Und bringt es unmittelbar das Geschäft voran? Natürlich nicht. Kein Einkäufer kauft Compliance. Er kauft aber auch weniger, wenn diese nicht gegeben ist.

Richtiges Verhalten der Mitarbeiter zu fördern, erfordert einen langen Atem, viele Schulungen und ein Vorbild der Vorgesetzten. Wer oben links blinkt, aber rechts abbiegt, muss sich nicht wundern, wenn ebenso im Team Kursirritation herrscht. Außerdem ist Cleverness bei der Auswahl der Tugendwächter gefordert. Wenn der Ethik-Beauftragte keine Ahnung vom Geschäft hat oder schlicht zu weit weg von der Abteilung sitzt, sind Missverständnisse vorprogrammiert

Um ethisch richtiges Verhalten zu fördern, sind außerdem klare Ansagen nötig. Manche Compliance-Kompendien sind schon für Juristen schwer verdauliche Kost, dem Angestellten sind sie schlicht ein Buch mit sieben Siegeln. Das Ergebnis: Unsicherheit, zuweilen sogar Angst. Denn klar ist auch: heute wird härter bestraft als früher.

Allerdings - wer die Verhältnisse heute kennt, und sie mit denen vor 15 Jahren vergleicht, stellt fest, dass der Umgang schon ein anderer geworden ist. Die Frage muss lauten: Welche Verhältnisse hätten wir heute, wenn es den neuen Ethiktrend nicht gäbe?

Das alles schützt natürlich nicht vor denen, die absichtsvoll betrügen wollen. Diese Mitarbeiter und Chefs wird es wohl – leider – auch künftig geben. Es schützt auch nicht vor der Öffentlichkeit: Compliance ist heute EIN Thema in unserer Gesellschaft – und wird es wohl bleiben.

Wer seine Geschäftsabläufe noch nicht unter die Lupe genommen hat, sollte es demnächst tun. Denn ThyssenKrupp, Deutsche Bank, die Apotheker sind heute – morgen trifft es andere. Gefeit vor Anwürfen ist niemand – zu Recht oder zu Unrecht. Reputationsverlust droht. Hier ist es gut, ein Team zu haben, das Compliance nicht nur lebt, sondern auch internalisiert.

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