Solarindustrie: Nur Innovation kann sie jetzt noch retten

Solarindustrie: Nur Innovation kann sie jetzt noch retten

Die deutsche Solarindustrie war über Jahre innovationsfaul, kritisiert unser Kolumnist Eike Wenzel. Steuert sie nicht um, ist das ihr Ende.

Von Eike Wenzel. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Dies ist der erste Teil seiner Kolumne, in der er erklärt, warum deutsche Solarunternehmen innovativer werden müssen. Der zweite Teil erscheint auf WiWo Green in der nächsten Woche und beschreibt, wie die Solartechnik den Energiemarkt der Zukunft aufmischen wird.

Keine Frage, der Solarboom ist in vollem Gange. Strom aus Sonnenenergie kann endlich mit den Preisen aus anderen Quellen konkurrieren. Das nervige Preisargument („Sonne ist zu teuer“) hat endgültig seine Daseinsberechtigung verloren. Doch ausgerechnet jetzt scheinen sich Deutschlands Sonnenkönige aus dem internationalen Rennen zu verabschieden. Was fehlt, ist das richtige Verständnis des Marktes.

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In den kommenden Jahren erleben wir Solar 2.0 - den nächsten Technologie- und Effizienzsprung. Um hier wieder die Nase vorn zu haben, müsste die deutsche Solarindustrie erheblich in Innovation investieren. Ein Lehrstück über solare Träume, die verschlungenen Pfade der Innovation und altbekannte Probleme beim Zukunftmachen.

„Seid doch mal innovativ“, das ist auf den hochbeschleunigten Märkten von heute ungefähr genauso hilfreich, wie „Sei doch mal spontan“, wenn man von einem Menschen eine authentische Reaktion haben möchte. Innovationsprozesse sind keine einfache Angelegenheit. Häufig kommen die eigentlichen Pioniere nur als zweiter Sieger ins Ziel oder sie erreichen das Ziel erst gar nicht. Kodak wusste schon in den 1970er-Jahren, wie man Digitalkameras baut, hat aber nie verstanden, daraus ein Geschäftsmodell zu machen, weil es lieber analoge 36-Bilder-Filme verkaufen wollte.

Wie ist man eigentlich innovativ?Innovation ist deshalb so schwer, weil kaum abschätzbar ist, wann eine Technologie tatsächlich Marktreife erreicht oder eine geniale Produktidee wirklich anfängt zu fliegen. Ich werde oft gefragt, ob dieser oder jener Trend, von dem gerade die Rede ist, auch tatsächlich zu einem der großen Wachstumsmärkte der nächsten, sagen wir: zwei bis drei Jahre (es muss ja schnell gehen) wird.

Die Antwort darauf lautet: Nein, nicht jeder Trend lässt sich kurzfristig auf einen Multimilliarden-Wachstumsmarkt hochrechnen. Trends, ganz gleich ob Konsumtrends, Technologietrends oder die großen Megatrends, sind ein greller Indikator für wichtige sozioökonomische Veränderungsprozesse. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass aus jedem Trend eine zielführende Innovation und daraus zwangsläufig  und zeitnah das Next Big Thing resultiert.

Oft ist das Gegenteil der Fall. Wie lange haben wir darauf gewartet, dass aus MP3 ein ordentliches Geschäftsmodell wird, wie lange hat es gedauert, bis der Mobilfunkmarkt – aus einer großen Wolke phantasievoller Prognostik – ansprang?! Wann wird die Gentechnologie das „Arschloch“ Krebs überwinden, wann wird endlich der Markt der Elektrofahrzeuge seine PS auf die Straße bringen (vielleicht gar nicht)?! Viele Pioniere von bahnbrechenden Entwicklungen sind unterwegs stecken geblieben – weil sie zu naiv waren oder weil die Märkte und Investoren das Innovationspotenzial der Freaks und Garagenschrauber schlechterdings nicht verstanden haben.

Solar 2.0: Von den Urschuhträgern zum Hightech-HubBei der deutschen Solarindustrie handelt es sich um ein solches tragisches Scheitern. Bei unseren einheimischen Sonnenkönigen hängt das insbesondere damit zusammen, dass es sich hierzulande gar nicht um eine Industrie im engeren Sinne handelt. Zu gering sind die Umsätze, zu niedrig die Forschungsaufwendungen, um die Technologie weiter zu entwickeln.

Hier ein par Zahlen, die das auf drastische Weise verdeutlichen: Allein in den letzten drei Jahren wurde die Solarindustrie in China mit rund 30 Milliarden Euro in Form von Subventionen, nicht rückzahlbaren Darlehen und billigen Krediten gepampert. Die Reaktion in Deutschland? Im Mai 2013 wurde hierzulande ein neues Forschungs- und Entwicklungsprogramm im Umfang von 50 Millionen Euro gestartet, für das interessierte Institute und Hochschulen verzweifelt industrielle Partner suchen, um die Förderkriterien zu erfüllen.

Die Ökospinner, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben, die Zottelbärte und Urschuhträger retten unsere Wirtschaft - so sah es kurzfristig in den 2000er-Jahren aus. Über ein Pionierunternehmen wie Q-Cells wurde sogar ein euphorischer Roman geschrieben. Die verschrobenen Tüftler und Weltverbesserer haben dafür gesorgt, dass Deutschland auf dem Zukunftsmarkt der Solarenergie lange Zeit ganz vorne lag. Doch jetzt muss die nächste Stufe gezündet werden. Und dafür brauchen wir Forschung und ein modernes Industrieumfeld. Und dabei herrscht landesweit absolute Fehlanzeige.

Fest steht, der Wettbewerb auf dem sonnigen Zukunftsmarkt wird in den kommenden Jahren in der Forschung entschieden. Auf dem Automarkt wird der Vorsprung der Europäer und Japaner auf Jahre hinaus uneinholbar bleiben, weil insbesondere hierzulande ungleich mehr in Forschung investiert wird als in China (VW, Toyota: acht bis zehn Milliarden US-Dollar pro Jahr; chinesische Marken: maximal 300 Millionen US-Dollar jährlich).

Bei Solar ist es genau umgekehrt: Während die Chinesen gut fünf Prozent ihres Umsatzes in die Forschung reinvestieren, sind es in Europa gerade einmal ein Prozentpünktchen. Die Zukunftstechnologie Solar ist hierzulande nach wie vor ein Bastler- und Bruzzlermarkt und muss dieses Image dringend ablegen.

Der Markt beginnt sich gerade zu regenerierenWie sehen die Marktbewegungen in der Solarenergie in den nächsten zwei bis drei Jahren aus? Wegen der Insolvenzen wettbewerbsunfähiger Unternehmen und finanzieller Hemmnisse, die den Ausbau verhindern, könnte, so warnt Lux Resarch, die weltweite Produktionskapazität 2015 auf unter 70 Gigawatt zurückgehen. Andererseits verliert der Solarmarkt, gerade durch den asiatischen Boom, sein Ungleichgewicht.

Für 2015 prognostiziert Lux nur noch eine Modul-Überproduktion von zwölf Prozent. Im Jahr 2012 waren es 100 Prozent. Die verloren gegangenen Gewinnspannen (hier ist Lux Research jedoch sehr optimistisch) könnten bis dahin wieder auf bis zu zehn Prozent ansteigen. Ganz klar, wir leben weiterhin im Solarboom. Solar 2.0 mit weitaus besserer Technologie und dramatisch höheren Wirkungsgraden kündigt sich an.

Die deutsche Solarindustrie muss jetzt schnell realisieren, dass der nächste Innovationssprung unmittelbar bevorsteht. Solar 2.0 heißt, dass der Kampf um die neueste Technologie und die neuesten Kunden begonnen hat. Die Globalisierung des Vertriebs der banalen Solarpanele wird über die künftige Wettbewerbsfähigkeit entscheiden. Bislang sind deutsche Anbieter kaum in Märkten wie Indien, Südafrika oder Südamerika vertreten.

Die Crux: Sonnenpanele sind technologisch ziemlich banale Produkte. Wer den Chinesen wie Frank Asbeck jüngst in der „Süddeutschen Zeitung“ Dumping vorwirft, hat einerseits natürlich Recht. Auf der andern Seite verschließt er die Augen vor den eigenen grotesk falschen Markteinschätzungen.

Mit Silizium verspekuliertEin wichtiger Grund für die Krise und das Scheitern eines Anbieters wie beispielsweise Solarworld lag sprichwörtlich an der Wurzel – beim Umgang mit dem Rohstoff Silizium. Zu Zeiten des Höhenflugs der Solaraktien (2007 bzw. 2008) herrschte ausgeprägter Siliziummangel: es gab einfach zu wenig Siliziumhersteller. Zugleich bot der erwachende Solarmarkt unglaublich attraktive Rahmenbedingungen (Subventionen), weshalb die Nachfrage schnell größer wurde als das Angebot.

Nachdem Firmen wie Solarworld nicht nur Solarpanele produzierten, sondern auch in den Siliziummarkt eingestiegen waren, raste der Siliziumpreis in den Keller. Plötzlich saßen die siegesgewissen Sonnenkönige auf langfristigen Lieferverträgen und büßten dadurch ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Billigheimern (aus China) ein.

Dennoch ist nicht alles verloren. Denn deutsche Solarunternehmen könnten von den Solartrends der kommenden Jahre profitieren. Denn Innovationen, wie Fotovoltaikpanele in Miniaturform, oder unsichtbare Sonnenkraftwerke an Hausfassaden, aus dem 3-D-Drucker, im Asphalt und vielen anderen Anwendungen deuten darauf hin, dass die solare Energiegewinung ganz selbstverständlich auf jedem Quadratzentimeter unserer Erde stattfinden kann. Welche fünf Trends genau im Bereich der Solarenergie die kommenden Jahre bestimmen, werde ich in meiner nächsten Kolumne erklären.

Zukunftsforscher Eikel Wenzel ist regelmäßiger Kolumnist bei WiWo Green. Weitere Texte von ihm finden Sie hier.

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