Soziale Gerechtigkeit: Der Kapitalismus hat ein Kommunikationsproblem

Soziale Gerechtigkeit: Der Kapitalismus hat ein Kommunikationsproblem

Das Unternehmer-Bashing greift um sich. Industrie und Wirtschaft sollten schleunigst mit den Bürgern in Dialog treten.

Von Andreas Knaut. Der Experte für Unternehmenskommunikation und CSR verantwortete bis Sommer 2012 bei Danone den Bereich Corporate Communications und Nachhaltigkeit. Derzeit lehrt er an der Hochschule Fresenius in München sowie an der Leipzig School of Media. Bei WiWo Green schreibt Andreas Knaut regelmäßig über das Engagement von Wirtschaft und Unternehmen im Bereich Umwelt und Soziales. Heute beschreibt er, warum Staatsgläubigkeit nicht unbedingt zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen muss - und dass Wirtschaft und Unternehmen, das auch kommunizieren sollten.

Es spukt in Deutschland. Das Gespenst der Staatsgläubigkeit geistert durch Leserbriefrubriken und Blogspalten. Bekämen wir nur die ultimative govermentale Regularität, so kündet der Widergänger den nach Versorgung und Vereinfachung Darbenden, blieben Löhne gleich, Preise niedrig, und weiden glückliche Kühe auf sonnenbeschienen Almen. Die Obrigkeit - sie wird es richten.

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Allzuviel hat sich nicht geändert seit den Tagen Wilhelms II.

Geschenkt, dass viele dieser Blogger eigentümlich schizophren argumentieren. Im ersten Absatz rufen sie nach dem Staat als „gerechter Instanz“. Im Zweiten schimpfen sie ungehemmt auf „die unfähigen Politiker“. Im Dritten beklagen sie die kostspieligen Folgen kommunaler Fehlplanungen. Bitte? Wer führt eigentlich dieses Gemeinwesen, wenn nicht Politiker?

Roland Tichy, Chefredakteur der WirtschaftsWoche, hat dazu kürzlich in seinem WiWo-Blog ein paar sehr erhellende Bemerkungen aufgeschrieben.

Nur noch die wenigsten kennen sich mit Wirtschaft ausWas wichtig ist: Ausgerechnet an Bord der Konjunkturlokomotive Europas, fehlt es mittlerweile an wirtschaftlichem Grundwissen. Wer versteht noch, dass nur eine florierende Industrie die notwendigen Steuern erwirtschaftet, um die WünschDirWasParty von CDUCSUSPDGrüne zu bezahlen? Wer hat begriffen, dass eben jene Wirtschaft dafür auf globale Absatzmärkte angewiesen ist? Wer versteht Werbung heute noch als unverzichtbare Voraussetzung für Wettbewerb und als Teil der freien Rede? Wer kann die Systemrelevanz des Finanzsektors für Innovation und Wachstum erklären? Wer weiß, dass ein Großteil der so oft verdammten Anlegergelder eben nicht von irgendwelchen „Reichen“ stammt, sondern von Menschen wie Du und Ich, die damit ihre Altersvorsorge absichern?

Kaum einer. Mittlerweile herrscht in Deutschland die verquere Situation, dass Kollegen tagsüber „beim Daimler“ schaffen, um abends gegen Raubtierkapitalismus zu protestieren (das eigene Unternehmen natürlich ausgenommen).

Woher soll es auch kommen? Die Schulen verteufeln Unternehmertum als Selbstbedienung und die Politik zuckt mit den Schultern. Das Wahljahr 2013 wird daran nichts ändern.

Umso schlimmer, dass auch die Wirtschaft nur wenig unternimmt. Wo sind die ProÖkonomie Kampagnen, die den geschätzten „Bürgerinnen und Bürgern“ erklären, worauf unser aller Wohlstand beruht? Was geschehen muss, dass wir auch künftig wettbewerbsfähig bleiben, Arbeitsplätze bewahren und Renten bedienen können? Wo ist die ProFinanzKampagne, die endlich mal erklärt, wozu wir Banken brauchen?

Verbände haben das Web verschlafenEs wird Zeit, dass Wirtschafts- und Industrieverbände ihren Sinn und Zweck überdenken. Im Zeitalter des Web 3.0 geht es nicht länger nur um Abgeordneten-Lobbyismus, sondern um gesellschaftliche Kommunikation. Manch einer in Berlin agiert im Zeitalter von Facebook und Co noch so, als wäre Meinungsbildung ausschließlich ein Geschäft von Rotweintrinken und Schnitzelessen mit Regierungsvertretern. Das ist vorbei. Integrierte kommunikative Konzepte sind gefragt. Es gilt, die Hoheit von Themen und ihrer Interpretation zurückzugewinnen.

Einige Verbände machen es doch vor: Die Lebensmittelindustrie hat kürzlich eine Plattform für Branchenkommunikation und Imagebildung gegründet. Die Zigarettenindustrie wirbt für eine Unterschriftenliste für die freie Rede.

Mehr davon. Die Wirtschaft muss endlich öffentlich ihre Stimme erheben. Sie muss mitdiskutieren, darf nicht abseits stehen. Die öffentliche Debatte darf nicht dauernd Anspruchsgruppen überlassen werden, die fleißig einer staatsregulierten Welt das Wort reden.

Natürlich wird es dabei Fehler geben. In der hyperaktiven Welt des mobilen Web kann nicht jedes Wort abgestimmt werden. Manchem CEO wird nicht alles gefallen. Hier muss mehr Toleranz und Geduld in den Führungsetagen einziehen. Denn schlimmer als zu schweigen, ist abseits zu stehen.

Der Sozialismus ist überwunden. Wir sollten vermeiden, ihn durch die Hintertür wieder einzuführen.

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