Sozialstandards: Warum Adidas seine Zulieferer unter die Lupe nimmt

Sozialstandards: Warum Adidas seine Zulieferer unter die Lupe nimmt

Wegen mangelnder Standards bei Zulieferern stehen Textilhersteller in der Kritik. Adidas will Transparenz schaffen.

Frank Wiebe ist Autor des Buches "Wie fair sind Apple & Co? - 50 Weltkonzerne im Ethik-Test", das am 1.Februar erscheint. Wiebe ist Redakteur des "Handelsblatts" und lebt in New York. Hier lesen Sie ein Beispiel der 50 ethischen Profile des Buches. Im Buch wird der Text ergänzt um Kennzahlen, ein exklusives Rating von Oekom Research und andere Einschätzungen so wie eine eigene Bewertung des Autors nach einem fünfstufigen System.

Adidas hat Fans in aller Welt. Darunter auch Leute, bei denen man nicht vermuten sollte, dass sie ein Faible für Markenklamotten aus kapitalistischen Ländern haben: Als sich Fidel Castro vor Jahren auf dem Krankenlager ablichten ließ, trug er einen Trainingsanzug mit deutlich sichtbarem Adidas-Emblem. Das Geschäftsmodell von Adidas ist überaus erfolgreich: Produziere in Asien zu asiatischen Löhnen und verkaufe weltweit – nach Möglichkeit auch in Asien – zu europäischen Preisen.

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Umso bitterer ist die Kritik von populären Organisationen wie Greenpeace. Unter der Überschrift »Schmutzige Wäsche« prangert Greenpeace 2011 zahlreiche internationale Konzerne an und wirft ihnen vor, für die Verschmutzung chinesischer Gewässer verantwortlich zu sein. Rund 20 bis 30 Prozent dieser Verschmutzung gehe auf die Exportindustrie zurück.

Nicht mehr als das MindesteGreenpeace nennt zwar Adidas zusammen mit Nike und Puma als drei Unternehmen, die wenigstens festlegen, wie viele der problematischen Stoffe maximal in ihren Endprodukten enthalten sein dürfen. Was die Einleitung von Schadstoffen angehe, verlangten Konzerne von ihren Zulieferern aber nicht mehr als das gesetzlich Vorgeschriebene.

Interessant ist jedoch Folgendes: Greenpeace fordert die Konzerne auf, ihre Marktmacht zu nutzen und damit eine Verbesserung der Standards durchzusetzen: Es geht also nicht um Schmähkritik, sondern darum, die Verantwortung zu stärken.

Adidas gibt als Reaktion im November 2011 eine gemeinsame Erklärung mit C&A, H&M, Li Ning, Nike und Puma heraus. Darin verpflichten sich die Unternehmen, bis zum Jahr 2020 die Verwendung gefährlicher Chemikalien aus ihrer Produktion zu verbannen. Dazu werden die Stoffe identifiziert, die Zulieferer informiert, es soll ein Berichts- und Kontrollsystem eingerichtet werden. Es geht um elf Produktgruppen, darunter zum Beispiel brom- oder chlorhaltige Stoffe, die die Entflammbarkeit hemmen, aber auch Schwermetalle.

Das Dokument benennt klar die Probleme der Konzerne, die vor allem von anderen Firmen fertigen lassen: Es gibt Tausende von direkten Zulieferern und Zehntausende von Firmen, die Material liefern. Offensichtlich weiß das Unternehmen daher gar nicht genau, welche Chemikalien jeweils verwendet werden.

Druck von außen wirktBemerkenswert ist zweierlei: Erstens, dass der Druck von außen etwas bewirkt, die Firmen nehmen selber ausdrücklich Bezug auf die Kritik von Greenpeace. Und zweitens die Zusammenarbeit unter großen Konkurrenten, die es ermöglicht, das Kostenproblem zu handhaben: Nur wenn sich alle an die Spielregeln halten, kann nicht einer die anderen beim Preis unterbieten.

Adidas zeigt besonders deutlich die Probleme der Globalisierung auf. Die Produktion zahlreicher Waren geschieht heute in Ländern mit weitaus geringeren Umwelt- und Sozialstandards als bei uns. Wir als Konsumenten profitieren davon – aber natürlich auch die Unternehmen und ihre Aktionäre. Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht übersehen, dass viele Länder durch diese Lohnfertigung für Weltkonzerne überhaupt erst den Weg zu einer eigenen Industrialisierung und damit zu Wohlstand finden – das beste Beispiel dafür ist China.

Fast noch wichtiger als Umweltprobleme ist aus ethischer Perspektive der soziale Bereich. Adidas lehnt sich dabei wie viele Konkurrenten an UN-Standards an und verlangt deren Umsetzung von den Zulieferern; oft entsprechen diese Regeln auch den jeweiligen nationalen Gesetzen. Dazu gehört zum Beispiel: Arbeitswochen von maximal 60 Stunden und mindestens ein freier Tag pro Woche. Kinderarbeit ist verboten. Dabei gilt als Kind, wer unter 15 oder schulpflichtig ist, in einigen wenigen Ländern sind auch 14-Jährige zugelassen. Gewerkschaften sind zu erlauben, wobei es aber zum Beispiel in China keine wirklich freie Gewerkschaft gibt.

Arbeitsstandards? Mangelhaft!Es hat in den letzten Jahren aber immer wieder heftige Kritik an Adidas und anderen Konzernen gegeben, zum Beispiel durch das Südwind-Institut, die Organisation Oxfam und die Clean Clothes Campaign. In der Regel beziehen sich diese Vorwürfe darauf, dass noch nicht einmal die aus der Sicht reicher Länder ohnehin dürftigen Arbeitsstandards eingehalten werden.

So kritisiert eine Südwind-Studie im Jahr 2010, dass bei zwei Adidas-Zulieferern die erlaubte Grenze erheblich überschritten werde – mit einem Spitzenwert von 92 Stunden. Außerdem moniert die Studie, dass die Arbeiter in China nur wenig mehr als den gesetzlichen Mindestlohn bekämen, der aber wegen der steigenden Lebenshaltungskosten nicht ausreiche.

Adidas verspricht danach, diesen Vorwürfen nachzugehen. Im Jahr 2012 organisieren Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen ein »Tribunal« für Mindestlöhne und bessere Arbeitsbedingungen in Kambodscha. Während einige Konzerne darauf nicht reagieren und Hennes &  Mauritz nach Angabe der Gewerkschaft Verdi auf dem eine schriftliche Stellungnahme einreicht, schicken Puma und Adidas immerhin Vertreter dorthin, die aber wenig konkrete Zusagen machen. Dabei liegt der Anteil der Löhne an den Kosten für Bekleidung laut Verdi häufig unter drei Prozent.

Insgesamt berichtet der Konzern selbst sehr umfangreich über alle Problembereiche. Es gibt eine genaue Beschreibung des konzernweiten Systems, mit dem Adidas die Einhaltung seiner Richtlinien sicherstellen will. Adidas räumt ein, dass 2010 noch 80 Prozent der Zulieferer in Indien die Anforderungen verfehlten, beansprucht aber, dies durch intensive Betreuung auf 20 Prozent gesenkt zu haben. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2012 in London gibt der Konzern eine Liste der Unternehmen bekannt, die Produkte für dieses Sportereignis liefern. Glaubhafter wäre freilich, alle Zulieferer zu nennen, auch die für die alltäglichen Produkte.

Das Bemühen, Missstände abzustellen, wirkt glaubhaft. Deutlich wird aber auch durch immer wieder neue Kritik, dass bei diesem Geschäftsmodell ethische Probleme immer nur in Grenzen gelöst werden können.

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