Sustainability 24: "Die Energiewende macht uns zum Vorreiter"

Sustainability 24: "Die Energiewende macht uns zum Vorreiter"

von Benjamin Reuter

Ralph Trapp, Energieexperte bei der Unternehmensberatung Accenture, im Interview.

Ralph Trapp leitet den Bereich Energieversorgung bei der Unternehmens- und Technologieberatung Accenture. Im Interview mit WiWo Green spricht er über den Stand der Energiewende, die Gefahr für die Energieversorger und hohe Strompreise für Verbraucher. Die grüne Energieversorgung der Zukunft wird auch Thema bei einer zwölfstündigen Live-Übertragung sein, die Accenture und WiWo Green am 15. Mai zeigen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Herr Trapp, die Politik scheint ratlos, wie es mit der Energiewende weitergehen soll. Verbraucher ächzen unter den hohen Preisen und Unternehmen fürchten einen Blackout. Ist das ein zutreffendes Bild der Energiewende?

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Trapp: Nein, absolut nicht. Man sollte diese im Detail teilweise berechtigten Sorgen nicht für das große Ganze halten. Sich immer wieder an diesen Einzelheiten aufzuhängen, ist nicht zielführend. Denn insgesamt ist klar, was mit der Energiewende bisher erreicht wurde und wo es in Zukunft hingehen soll.

 

Was genau wurde erreicht?

Trapp: Die Energiewende macht uns derzeit im Bereich der Energieversorgung zum Vorreiter in der Welt. Andere Industrienationen und später auch die Schwellenländer werden uns folgen. Dann wird unser Know-How und unsere Technik gebraucht.

Also alles eitel Sonnenschein?

Trapp: Die Frage ist natürlich, ob die aktuelle Geschwindigkeit des Umbaus unserer Energieversorgung die richtige ist. Nach dem Atomausstieg beginnen die Grünen jetzt schon, über den Kohleausstieg nachzudenken.

Kritiker wie der Ökonom Manuel Frondel meinen tatsächlich, es ginge zu schnell mit dem Umbau.

Trapp: Auf diese Frage gibt es aber keine eindeutige Antwort. Wir beobachten immer wieder, dass große Vorhaben und Projekte gut laufen, wenn es eine ambitionierte Zielsetzung und einen ebensolchen Zeitplan gibt. Dann stellt sich die notwendige Kreativität und Effizienz automatisch ein.

Das klingt eher positiv. Was ist der Nachteil des schnellen Umbaus?

Trapp: Man steht aktuell vor einem Berg an Investitionen, von denen noch weitgehend ungeklärt ist, wer sie eigentlich stemmen soll. So zum Beispiel der Netzausbau und die Anbindung der Offshore-Windparks. Dafür werden hohe zweistellige Milliardensummen fällig. Außerdem sind die grünen Energieträger heute natürlich noch vergleichsweise teuer. Alles was wir jetzt zubauen, ist teurer als in ein paar Jahren.

Große Versorger bleiben unverzichtbarAlso schmeißen wir gerade Geld zum Fenster raus?

Trapp: Nein, denn man muss auch sehen, dass wir noch sehr viel beim Thema Stromsparen machen können. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass die Kostenexplosion nicht weitergehen wird. Außerdem werden die Energie-Technologien bei zunehmender Anwendung und Verbreitung günstiger und in ein paar Jahren auch wettbewerbsfähig. Deshalb sind die aktuellen Investitionen notwendig.

Dann sollten wir nicht die 30 Prozent Erneuerbaren bis 2020 anstreben, die die Regierung will, sondern die 50 Prozent, nach denen es derzeit aussieht?

Trapp: Ich bin dafür, den Druck und die Veränderungsgeschwindigkeit aufrecht zu erhalten. Aus dem einfachen Grund, weil sich Politik und die Unternehmen an die Dynamik gewöhnen müssen. Wir haben ein Problem mit der Endlichkeit fossiler Rohstoffe und der Klimawandel drängt. Sicher, wenn wir in der Industriegeschichte zurückschauen, dann ist das, was gerade passiert, ein Quantensprung und unglaublicher Umbruch. Wir operieren sozusagen ein Energiesystem, das bisher hohe Versorgungssicherheit bietet und international anerkannt ist, am offenen Herzen.

Bringt diese Operation die großen Energieversorger wie RWE und Co. am Ende um?

Trapp: Es gibt bei den Energieversorgern nicht einfach nur Gewinner und Verlierer. Negativ fallen derzeit die nichtrentablen  Kraftwerksstandorte ins Gewicht und der Preisverfall an der Strombörse. RWE-Chef Peter Terium hat kürzlich gesagt, dass bei einer jährlichen Stromerzeugung von rund 200 Milliarden Kilowattstunden jeder Euro Preisverfall an der Börse einen Erlösrückgang von mehr als 200 Millionen Euro bedeutet. So gesehen ist das ein erheblicher Einbruch.

Aber die Energiewende bietet auch neue Marktchancen – sowohl traditionell in der Erzeugung als auch im Bereich intelligenter Netze oder durch neue, innovative Dienstleistungen. Die großen Versorger werden allein schon deshalb weiter eine wichtige Rolle spielen, weil nur sie das nötige Kapital aufbringen können und das Know-how haben, um die nötigen Investitionen im großen Maßstab zu stemmen und neue Technologien und Geschäftsmodelle flächendeckend auszurollen.

Andere, wie die energieintensiven Industrien, nehmen an der Energiewende gar nicht teil, weil sie vom EEG befreit sind. Ist das fair?

Trapp: Seit 2005 sind die Börsen- und Großhandelspreise für Strom deutlich gesunken. Das führt dazu, dass auf einmal Industrien wie Aluminium die Produktion in Deutschland wegen der geringen Energiekosten ausweiten. Aber die hohen Investitionen der Energiewende erfordern, dass alle sich beteiligen – auch die Energieintensiven. Natürlich muss das mit Augenmaß geschehen, weil ja auch zum Beispiel in den USA die Energiepreise für die Industrie sinken.

"Niedrige Strompreise als Wahlgeschenk sind unvernünftig"Im Gegensatz zu den Energieintensiven zahlen die Verbraucher mehr für ihren Strom als vor einigen Jahren. Sind sie Verlierer der Energiewende?

Trapp: Der Preisdruck auf die Verbraucher ist gestiegen, sicher. Wir sollten das Projekt Energiewende aber als ein gesamtgesellschaftliches verstehen. Jeder muss sich an der Anschubfinanzierung beteiligen, damit am Ende alle etwas davon haben. Denn es besteht ja kein Zweifel, dass wir unser Energiesystem umbauen müssen. Das kostet am Anfang natürlich, aber am Ende profitiert die Umwelt davon und die Lebensqualität der Menschen steigt, wenn wir unsere Energie sauberer und sicherer prodzieren.

Aber warum kommen die gesunkenen Börsenstrompreise nicht bei den Verbrauchern an?

Trapp: Wir hatten im Januar 2013 beim Strom einen Anteil von Steuern, Abgaben und Umlagen von über 50 Prozent. Man kann also eigentlich nur bei Erzeugung und Transport an der Preisschraube drehen. Aber jetzt als Wahlgeschenk dem Verbraucher niedrige Preise zu bescheren und an anderen Stelle Löcher zu reißen, ist nicht vernünftig. Netze, Offshore-Windparks, Reservekapazität – all das kostet Geld. Da müssen auch die Endverbraucher ran.

Und von dem profitieren die Bürger ja auch durch die Dezentralisierung der Energieversorgung.

Trapp: Derzeit ist die Rekommunalisierung der Netze groß in Mode. Profitabel ist das für die Bürger-Investoren durchaus. Aber das hat Grenzen: technologisch und ökonomisch. Das Management eines solchen Netzes mit all seiner Komplexität  beherrscht nicht jeder. Außerdem kann eventuell nötige Investitionen bei der Sanierung der Netze nicht jeder stemmen. Und ein gutes Management mit ausreichend Erfahrung ist auch teuer. Ich sehe diese Entwicklung daher eher skeptisch.

Nach der Bundestagswahl wird es ein neues EEG geben. Was muss die Politik beachten?

Trapp: Das neue EEG darf kein starres Konzept mehr sein wie derzeit, sondern muss schnell auf Veränderungen und Herausforderungen reagieren können. Bestes Beispiel sind die Netze: So etwas wie die Beschleunigung der Genehmigungsverfahren braucht man an unterschiedlichen Stellen. Hinzu kommt, dass es sich derzeit eher lohnt in Kupfer – sprich Kabel – zu investieren statt in die Intelligenz der Netze. Die IT wird aber der Schlüssel zum Erfolg der Energiewende sein. Außerdem muss mehr Gewicht auf Innovationen wie Speicher gelegt werden.

Ist die Entwicklung von Technologien wie Energiespeichern die größten Herausforderungen der kommenden Jahre?

Trapp: Wir haben für viele Technologien, die wir in Zukunft brauchen, schon über Jahre erfolgreich laufende Pilotprojekte – zum Beispiel bei den angesprochenen Speichertechnologien. Die größte Herausforderung der kommenden Jahre ist also nicht die Verfügbarkeit der Technologien, sondern sie zu einem funktionierenden System zusammenzubauen und zu skalieren. Die Puzzlesteine für eine erfolgreiche Energiewende liegen alle auf dem Tisch. Jetzt müssen wir sie nur noch zusammensetzen.

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