Afrika: Forscher planen Transport-Drohnen für Kenia

Afrika: Forscher planen Transport-Drohnen für Kenia

von Andreas Menn

In weiten Teilen Afrikas fehlt es an Straßen und Transportmitteln. Ein Millionen-Dollar-Wettbewerb in Kenia fördert nun eine revolutionäre Idee: Drohnen als Lastenesel.

Esel sind in Afrika weit verbreitete Lastenträger: Die Tiere sind ausdauernd, genügsam und stark. Aber ein Bauer, der nur einen Esel hat und kein Auto, kommt damit nicht weit. Er kann seine Ernte nur im eigenen Dorf verkaufen; wenn sie dort niemand braucht, verfault sie. Und will er Dünger kaufen, heißt das oft Kilometer lange Fußmärsche, das Langohr an der Leine.

Jonathan Ledgard glaubt, dass es Zeit ist, den Esel in Afrika zu ersetzen. Ledgard ist Leiter von Afrotech - einer neuen Forschungeinrichtung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), die Technologien für Afrika entwickelt. "Die Menschen in Afrika wollen Handel treiben und Güter kaufen", sagt Ledgard, "aber oft ist der Transport auf dem Land schlicht zu teuer."

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An einem Nachmittag in Nairobi präsentiert Ledgard unlängst Forschern des IT-Konzerns IBM seinen Plan. Ein moderneres Transportmittel müsse her, um den Handel zwischen den Dörfern in Schwung zu bringen, sagt der Brite. Hinter ihm wirft ein Beamer das Foto eines Esels an die Wand, der mit Wasserkanistern bepackt ist. Ledgard drückt eine Taste, und statt des Tiers erscheint ein weißes, schnittiges Fluggerät - eine Drohne.  "Der Lastenesel", sagt Ledgard, "muss fliegen lernen."

Ledgard hat ein ehrgeiziges Ziel: Nichts weniger als ein revolutionäres Transportnetz will er in Kenia aufbauen - aus autonomen Drohnen, die selbstständig von Dorf zu Dorf fliegen, um Güter zu transportieren. Dazu haben die Wissenschaftler vom EPFL einen Wettbewerb gestartet: The Flying Donkey Challenge. Der Titel ist witzig, der Ziel ambitioniert: Ingenieure, Designer, Logistiker und Robotik-Experten sind aufgerufen, neuartige Drohnen zu entwickeln, die in der Lage sind, Lasten von bis zu 60 Kilogramm zu transportieren. Bewerben dürfen sich Gruppen aus aller Welt - sofern sie mit kenianischen Universitäten oder Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten.

Mit ihrer Idee sind die Schweizer nicht allein: Der Internet-Händler Amazon hat gerade einen Service namens Prime Air angekündigt, bei dem Drohnen Bestellungen binnen 30 Minuten ausliefern sollen. Auch der australische Buchhändler Zookal will im kommenden Jahr zusammen mit dem Startup Flirtey (http://flirtey.com/) in Sydney Bücher per Mini-Hubschrauber ausliefern. Und mit dem Projekt Matternet aus den USA gibt es ein ähnliches Konzept, das Menschen in Entwicklungsländern aus der Luft versorgen will (siehe Foto).

Doch während die Matternet-Drohnen nur leichte Fracht, etwa Medikamente, per Drohne transportieren möchten, zielt Ledgard auf fliegende Schwertransporter, die auch Obst und Gemüse zum nächsten Markt fliegen - der afrikanische Güterhandel soll abheben. Und schon im April 2014 geht es los: Ledgard und sein Team wählen 15 Gruppen aus, die am Wettbewerb teilnehmen dürfen. Sie erhalten zusammen zwei Millionen Dollar Startgeld, mit dem sie den Drohnenbau finanzieren.

Noch im gleichen Jahr müssen die Drohneningenieure eine erste Zwischenaufgabe meistern. Das Team, das sich dabei am besten schlägt, gewinnt eine Million Dollar. Bis zum Jahr 2018 wollen Ledgard und sein Team auf diese Weise jedes Jahr drei Millionen  Dollar verteilen - während die Aufgaben Jahr für Jahr schwerer werden.

Im Jahr 2018 geht es schließlich ins Finale: Die Teams müssen sich bei einem Rennen rund um den Mount Kenia beweisen. Die Drohnen sollen Afrikas zweithöchsten Berg in maximal 24 Stunden umrunden. Auf der 200 Kilometer langen Strecke müssen sie drei Pakete aufsammeln, die jeweils 20 Kilogramm wiegen, und sie an festgelegten Punkten abliefern.

Punktabzug gibt es, wenn die Drohne einen vorbestimmten Flugkorridor verlässt, die Fracht beschädigt oder anderes Unheil in ihrer Umgebung anrichtet. Belohnt werden dagegen schnelle, preiswerte und Energie sparende Drohnen. Die drei fliegenden Lastenesel, die insgesamt am besten abschneiden, werden mit zwei Millionen Dollar Preisgeld belohnt.

Globales Drohnennetz für GüterDie Aufmerksamkeit der Medien wird Ledgard mit dem Projekt sicher sein. Aber dem Briten, der selbst jahrelang als Journalist für den Economist aus Afrika berichtet hat, geht es nicht nur um ein irres Casting in der Savanne. "Wenn es gelingt, Transportdrohnen für unter 2000 Dollar zu bauen", sagt der Afrika-Kenner, "kann sich die Technik rentieren."

Drohnen könnten dann Dörfer in ganzen Regionen miteinander verbinden, in die heute nicht mal LKW vordringen, weil sie in den unbefestigten Schlaglochpisten in der Steppe stecken bleiben. Kenia leidet unter einer rückständigen Infrastruktur: Im ganzen Land mit rund 41 Millionen Einwohnern gibt es nur gut 11000 Kilometer geteerte Straßen - 57 mal weniger als in Deutschland. Was für westliche Safari-Touristen nur enervierend sein mag, schneidet Bauern und Handwerker von lukrativen Märkten ab.

Ab 2020, hofft Ledgard, könnten darum Drohnennetzwerke erste entlegene Lodges, Farmen und Amtsstuben mit der Außenwelt verbinden. Dazu sollen die Ingenieure standardisierte, einen halben Meter lange Boxen entwickeln, die die unbemannten Flieger automatisch greifen und transportieren. Dörfer erhalten Landezonen, an denen die Flug-Frachter Pakete aufnehmen, tanken oder repariert werden. Zwischen den Landeplätzen fliegen die Drohnen durch festgelegte Korridore in 50 bis 300 Metern Höhe.

Und die Vision des Flying Donkey Challenge reicht weiter: Im Jahr 2030, so heißt es in der Ausschreibung des Wettbewerbs, soll ein globales Drohnennetzwerk Güter so sicher transportieren wir die heutigen bemannten Flugzeuge. Selbst entlegenste Dörfer wären dann an überregionale Märkte angeschlossen. Und die Esel dieser Welt müssten allenfalls noch in Streichelzoos Dienst schieben.

 

 

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