Agro-Photovoltaik: Dieses Kraftwerk produziert Energie UND Nahrungsmittel

Agro-Photovoltaik: Dieses Kraftwerk produziert Energie UND Nahrungsmittel

von Wolfgang Kempkens

Forscher errichten Deutschlands erstes Kraftwerk, das Solarstrom und zugleich Gemüse produziert.

Solarzellen oder Kartoffeln? Mais für Ethanol oder Weizen? Je weniger Fläche zu Verfügung steht, desto stärker wird dieser Konflikt offenbar: Energie vs. Nahrung.

Ihn zu lösen, ist nicht leicht, allerdings könnte eine Idee helfen, die eigentlich alt ist. Der Gründer des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), Adolf Goetzberger, schlug in den 1980er Jahren vor, zwischen den aufgeständerten Solarzellen großer Kraftwerke Kartoffeln und Gemüse anzubauen.

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Salatköpfe wachsen unter Solarmodulen

Das wollen ISE-Forscher gemeinsam mit Wissenschaftlern des Karlsruher Instituts für Technologie und Agrarexperten der Stuttgarter Universität Hohenheim jetzt ausprobieren.

Am Bodensee entsteht auf einer Fläche von knapp 6000 Quadratmetern derzeit die deutschlandweit erste Agrophotovoltaikanlage (APV). Der Abstand zwischen den Modulen beträgt nicht wie üblich 2,5 Meter, sondern 3,5 Meter, damit die Pflanzen genug Sonnenlicht erhalten.

Die Solarzellen befinden sich nicht am Boden, sondern sitzen auf langen Stangen. So können Erntemaschinen darunter passieren.

Das Konzept könnte der Energiewende in Deutschland mehr Akzeptanz verschaffen. Doch gerade auch in weniger entwickelten Ländern mit viel Sonnenschein könnte es helfen, Nahrungsmittelkrisen abzumildern. In Italien hat das Unternehmen Revolution Energy Maker bereits Kraftwerks-Prototypen mit beweglichen Solarmodulen gebaut.

„Dieser Ansatz, Sonnenenergie auf der gleichen Fläche für Nutzpflanzen und für Solarstromproduktion zu verwenden, könnte sich zu einem weltweit interessanten Beispiel entwickeln“, meint Eicke Weber, Leiter des ISE.

Kartoffeln gedeihen sogar besser

Das Solarkraftwerk mit einer Spitzenleistung von 190 Kilowatt wird auf Ackerflächen der Demeter-Hofgemeinschaft Heggelbach in Herdwangen-Schönach, zwölf Kilometer nördlich des Bodensees, installiert.

Erste Studien der Freiburger ISE-Forscher legen nahe, dass bestimmte Feldfrüchte wie Kartoffeln und einige Salatarten bei verringerter Sonneneinstrahlung sogar ertragreicher sind als auf offenem Feld. Das müssen die Praxistests allerdings noch beweisen.

Die Region ist reich an fruchtbaren Ackerflächen, Solar- und Windstrom spielt kaum eine Rolle. Windgeneratoren sind aus optischen Gründen verpönt, Freiflächen-Solaranlagen wegen des Landverbrauchs.

Entsprechend beträgt der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch dort mit zwölf Prozent weniger als die Hälfte des Durchschnitts in Deutschland.

Bis zu 50 Gigawatt durch Agrophotovoltaik

Die Anlage könnte ein sinnvoller Kompromiss sein. Die ISE-Forscher glauben, Agrophotovoltaik könne auch für andere Regionen eine nachhaltige Lösung mit Zukunft sein. Sie könnte die Energiewende an Orte bringen, wo sie bislang nicht richtig angekommen ist.

Der erzeugte Strom soll zu einem großen Teil vor Ort vermarktet werden. Den überschüssigen Strom nimmt der Ökostromanbieter Elektrizitätswerke Schönau (EWS) ab.

Das technisch erschließbare APV-Potenzial in Deutschland schätzen die Freiburger Wissenschaftler auf 25 bis 50 Gigawatt. Zum Vergleich: Ende 2014 waren in Deutschland knapp 40 Gigawatt an Solarkraftwerken installiert.

Und noch eine Idee haben sie. Unter dem Slogan „Ökostrom und Bioeier“ wollen sie Solarkraftwerke mit mobilen Hühnerställen kombinieren.

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