Altes Eisen: Wenn dem Windrad die Luft ausgeht

Altes Eisen: Wenn dem Windrad die Luft ausgeht

von Angela Schmid

Nach 20 Jahren muss ein Windrad den Betrieb einstellen. Doch was macht man mit den alten Energieanlagen? Forscher gehen dieser Frage nun nach.

Hugo Dierkes nimmt Windenergieanlangen unter die Lupe. Im wahrsten Sinne des Wortes. Große Teile von Turm und Fundament legt der Inhaber des Ingenieur- und Sachverständigenbüros HD-Technic unter anderem unter ein Rasterelektronenmikroskop und unterzieht sie einer mechanisch- technologischen Werkstoffprüfung. „Es geht sehr ins Detail“, erklärt der Ingenieur. In Deutschland hat das bisher noch keiner gemacht. Und das hat einen guten Grund. „Da mit den lediglich visuellen Untersuchungen nicht genügend Informationen über den tatsächlichen Zustand der Windkraftanlage gewonnen werden können, wird die Möglichkeit des Weiterbetriebs bisher nur eingeschränkt genutzt.“

Nach 20 Jahren gehört ein Windrad zum alten Eisen. Das liegt unter anderem an der dann auslaufenden Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – aber auch am Deutschen Institut für Bautechnik (DIBt). Windkraftanlagen sind rechtlich gesehen Bauwerke, haben nach der geltenden Richtlinie des DIBt aber eine begrenzte Betriebsdauer von zwei Jahrzehnten. Ohne ein Gutachten müssen sie sonst in Rente gehen.

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Die meisten werden einfach abgebaut und durch leistungsstärkere Anlagen ersetzt. Längst hat sich dafür ein Second-Life-Markt etabliert. Die Alt-Mühlen werden ein wenig aufpoliert und verbringen ihre letzten Tage dann vor allem in den GUS-Staaten oder Polen. Recycling spielt daher kaum eine Rolle.

Austausch alt gegen neu nicht immer möglichDas liegt auch daran, dass größere Anlagen mehr Leistung haben, sich besser ins Netz einbinden lassen und  technisch fortschrittlicher sind. Repowering ist ganz im Sinne der Bundesregierung und des Bundesverbandes Windenergie (BWE). Aber nicht immer ist der Austausch alt gegen neu möglich. Arten- und naturschutzfachliche Voraussetzungen können dem einen Strich durch die wirtschaftliche Rechnung machen. Zudem ist mit dem Repoweringbonus der Anreiz weggefallen.

Gerade an windreichen Standorten kann sich ein Weiterbetrieb lohnen. Erfahrungen damit gibt es bisher jedoch kaum. Der Wind-Boom startete in den 90ern. Erst jetzt kommen die Anlagen in die Jahre. Sollen sie weiter Energie einspeisen, benötigt der Betreiber einen Nachweis zur Standsicherheit und Betriebsfestigkeit. Zwar gibt es Richtlinien vom DIBt, aber nur wenige Erfahrungen mit dem Procedere.

„Das hat noch Forschungscharakter“, erklärt auch Torsten Bednarz, Fachgebietsleiter beim TÜV Rheinland. Selbst Genehmigungsbehörden tappen oft noch im Dunkeln und wissen nicht genau, was für den Weiterbetrieb nachgewiesen werden muss. Nach Erfahrung von Bednarz gehen viele Betreiber auch ziemlich lax mit den Regeln um und lassen ihre Anlage einfach weiterlaufen. „Wir müssen jetzt den Markt dafür sensibilisieren.“

Erst eine Handvoll der alten Mühlen hat der TÜV als eine von wenigen Institutionen, die das Gutachten ausstellen dürfen, bisher überprüft. Doch der Markt ist im Kommen. Mehr als 25.000 Windräder stehen in Deutschland. „Im Moment sind fast 8000 Anlagen zwischen 15 und 25 Jahre alt - 1000 Anlagen über 20 Jahre“, macht Bednarz Potential deutlich. Längst nicht alle haben ausgedient. Nach Erfahrung des TÜV würden sich viele Anlagen „definitiv für mehrere Jahre“ weiterbetrieben lassen. Noch haben die Betreiber ein wenig Luft. Bis 2020 sind alle Anlagen im EEG. Erst danach müssen sie sich überlegen, ob sie mit einer Direktvermarktung ihre angestrebte Rendite erreichen.

Hält die alte Anlage, was sie verspricht?Ob die Anlage aber wirklich das verspricht, was sie auf den ersten Blick noch bieten kann, ist alles andere als sicher. Die aktuelle Richtlinie des DIBt verweist noch auf eine Inspektionsliste des Germanischen Lloyd, die Vorgaben für eine rein oberflächliche Untersuchung beinhaltet. Erfahrungen mit Materialermüdung gibt es kaum.

Zusammen mit der Amtlichen Materialprüfungsanstalt Bremen (MPA), Wissenschaftlern der Stiftung Institut für Werkstofftechnik (IWT) Bremen und der Universität Bremen entwickelt Ingenieur Dierkes daher Prüfmethoden, mit denen wesentlich genauer als heute die Qualität des Materials festgestellt werden kann. Ein Pilotprojekt, um den Weiterbetrieb von älteren und sicheren Windkraftanlagen zu ermöglichen und so Ressourcen einzusparen.

Schon jetzt ist für Dierkes sicher, dass 20 Jahre alte Anlagen einen hohen Qualitätsstandard haben. „Das Material wurde überdimensioniert“, erklärt der Ingenieur. Heute wird es gezielter eingesetzt, da es bessere Berechnungen gibt. Auch Axel Meyer, Leiter der Abteilung Bauwesen der MPA, ist überzeugt: „Viele Windkraftanlagen sind auch nach 20 Jahren noch in einem sehr guten Zustand.“

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