Atomrenaissance im Osten: Russland will 22 neue Kernkraftwerke bauen

Atomrenaissance im Osten: Russland will 22 neue Kernkraftwerke bauen

von Wolfgang Kempkens

Russland plant massenhaft neue Kernkraftwerke. Doch sind die eingesetzten Technologien sicher?

Misstrauisch beäugt die westliche Welt Russlands Kernkraftwerke. Seit Tschernobyl gelten sie als weniger sicher als die, die in Europa und Amerika betrieben werden. Tatsächlich aber sind sie in den vergangenen Jahrzehnten auf einen hohen Sicherheitsstandard gebracht worden. Andererseits haben viele der 33 Kraftwerksblöcke schon 40 Jahre und mehr auf dem Buckel.

Das hat jetzt die russische Regierung auf den Plan gerufen. Sie beschloss, den Kraftwerkspark zu modernisieren und insgesamt noch zu vergrößern. 21 Anlagen mit einer Leistung von jeweils 1200 Megawatt und eine kleinere sollen bis 2030 fertiggestellt werden – zusätzlich zu den neun, die bereits im Bau sind.

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18 der neuen Blöcke gehören zum modernen Leichtwassertyp WWER-1200. Ebenso wie französische, japanische und amerikanische Anlagen der neuesten Generation ist er so konstruiert, dass ein schmelzender Kern aufgefangen wird und nicht tief in die Erde eindringt. Kernschmelzen treten ein, wenn die Kühlung dauerhaft versagt. In Tschernobyl passierte es dennoch, ebenso wie in Three Mile Island, einem amerikanischen Kernkraftwerk – und vor knapp zwei Jahren in Fukushima.

Der WWER-1200 soll wegen seiner Bauart sogar einen 72-stündigen Ausfall des Kühlwassers katastrophenfrei überstehen. In dieser Zeit muss sich das Personal allerdings etwas einfallen lassen, um die Pumpen wieder in Gang zu setzen.

Am grundlegenden Prinzip der Stromerzeugung hat sich aber bei diesen Kraftwerken nichts geändert: Die modernen Atommeiler wandeln - wie ihre Vorgänger - die bei der Kernspaltung entstehende Wärme in Dampf um, der wiederum eine Turbine für die Stromerzeugung antreibt.

Reaktor stellt seinen eigenen Brennstoff herBei den drei übrigen Neubauten in Russland handelt es sich um schnelle Brutreaktoren. Diese werden mit flüssigem Natrium gekühlt, das, anders als Wasser, die bei jedem Spaltprozess entstehenden Neutronen nicht abbremst. Die schnellen Teilchen sind zum Spalten von Uran-235, dem am weitesten verbreiteten Reaktorbrennstoff, zwar nicht so gut geeignet. Plutonium-239 jedoch, das in den abgebrannten Brennelementen von Leichtwasserreaktoren zu finden ist, lässt sich von diesen schnellen Teilchen in Stücke schlagen. Der Brüter verwendet also den Abfall aus den anderen Kraftwerken

Ein Brüter kann aber noch mehr. In der Brutzone produziert er mit Plutonium-239 neuen Brennstoff aus nicht spaltbarem Uran-238. Natururan besteht zu 99,3 Prozent aus diesem Isotop. Das so erzeugte Plutonium kann in Brütern und in normalen Leichtwasserreaktoren eingesetzt werden. Der konsequente Einsatz von Uran-238 als Brennstoff würde die Reichweite der Uranvorräte auf der Erde versechzigfachen.

Neubau Nummer 22 ist ein Reaktor, der mit flüssigem Blei gekühlt wird. Ein ähnliches Konzept hat das private Berliner Institut für Festkörper-Kernphysik Mitte des Jahres mit dem Dual-Fluid-Reactor vorgestellt. Reaktoren, die mit Flüssigmetall wie Blei oder Natrium gekühlt werden, können nicht explodieren, weil sie nicht mit Überdruck arbeiten wie Leichtwasserreaktoren. In deren Innerem herrscht nämlich ein Druck von mehr als 150 bar. Ein Autoreifen kommt mit gut zwei bar aus.

Allerdings existiert das Konzept aus Berlin erst auf dem Papier. Ob es wirklich funktioniert, muss sich noch erweisen.

Christoph Pistner, Nuklearexperte des Darmstädter Öko-Instituts, ist nicht von dem Konzept überzeugt. "Vieles, was physikalisch spannend klingt, scheitert am Ende daran, dass die technologische Umsetzung weit komplizierter ist als gedacht und die Entwicklungs- und Baukosten meist grob unterschätzt werden", sagte er kürzlich der WirtschaftsWoche.

Bleiben am Ende also zwei Fragen zur Atomrenaissance in Russland. Erstens: Sind die neuen Kraftwerke tatsächlich so sicher, wie behauptet? Und Zweitens: Wie teuer ist die neue Technik? In England sind die Kosten für ein neues Kernkraftwerk schon vor dem Bau aus dem Ruder gelaufen. Ganze elf Cent pro Kilowattstunde zahlen die Bürger dort künftig für ihren Atomstrom - Windenergie gibt es schon für die Hälfte.

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