Blauer Strom, überall: So revolutioniert ein Fürther Startup die Wasserkraft

Blauer Strom, überall: So revolutioniert ein Fürther Startup die Wasserkraft

von Benjamin Reuter

Überall dort, wo Wasser fließt, will das Startup Aquakin Strom erzeugen – in Bächen und sogar Trinkwasserleitungen.

Meldungen über Zubaurekorde bei Solaranlagen oder Windparks gibt es beinahe täglich zu lesen – über neue Wasserkraftwerke ist dagegen kaum etwas zu hören. Und wenn, dann ist es meist negativ.

Denn die großen Staudammprojekte, die zur Erzeugung von blauem Strom nötig sind, gehen oftmals mit gravierenden Eingriffen in die Natur einher; Flussläufe werden gestört, Fische gefährdet.

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Armada von KleinkraftwerkenKein Wunder, dass Experten die Ausbaupotenziale für die Wasserkraft in Europa für begrenzt halten. Dabei hat sie einen großen Vorteil gegenüber Wind- und Solaranlagen: Sie liefert rund um die Uhr ohne Unterbrechungen Strom und das meist ziemlich günstig.

Genau diesen Vorteil will das kleine Fürther Startup Aquakin jetzt im ganz großen Stil für Stromverbraucher erschließen – mit kleinen Wasserkraftwerken, die sich quasi überall einsetzen lassen, wo Wasser fließt. Damit könnte Aquakin, das 2013 gegründet wurde, eine der großen, bisher ignorierten erneuerbaren Energiequellen anzapfen.

Dass Minikraftwerke in Flüssen funktionieren, haben schon eine Reihe von Startups bewiesen. So testen die Österreicher von Aqua Libre seit einiger Zeit eine Stromboje in der Donau. Auch Smart Hydro Power aus Feldafing in Bayern verkauft Kleinkraftwerk für Flüsse.

Der Unterschied bei Aquakin: Die vier Mitarbeiter des Unternehmens haben gleich eine ganze Armada von Wasserkraftwerken für alle denkbaren Anwendungsbereiche entwickelt. Darunter sind mobile Kraftwerke für den Rucksack und solche, die selbst in Trinkwasserrohren Energie gewinnen.

Kraftwerk für den RucksackKleine Solaranlagen, die sich überall mit hinnehmen lassen, gibt es schon länger. Mit ihnen und einem kleinen Akku lassen ich unterwegs Lampen betreiben oder Elektronikgeräte (zum Beispiel Satellitentelefone) aufladen.

Die Aquakin-Gründer haben eine andere Idee, wie Wanderer und andere Outdoor-Begeisterte sich künftig unterwegs mit Strom versorgen können: Nämlich mit einem tragbaren Wasserkraftwerk namens Blue Freedom.

Das wiegt nur 400 Gramm und ist 20 Zentimeter groß. Wer es in einen Bach setzt, soll mit der Turbine und einer Leistung von fünf Watt innerhalb von einer Stunde ein Handy aufladen können. Bisher existieren von dem Gerät nur Prototypen.

Anfang März soll auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter eine Kampagne starten, um eine erste Produktion zu finanzieren. 100.000 Euro für Spritzgusswerkzeuge für die Schalen und den Rotor sollen dabei zusammenkommen. 249 Euro soll der portable Stromproduzent künftig kosten.

Das Besondere daran: Die bisher verfügbaren Kleinwasserkraftwerke benötigen größere Wassertiefen von mehr als einem Meter, um zu funktionieren. Die Konstruktion von Aquakin kommt aber schon mit Gewässern von 20 Zentimetern Tiefe aus. Bisher testete Aquakin drei Prototypen des Kraftwerks, einen unter anderem in der Nähe von Fürth.

"Der große Vorteil an der Konstruktion ist", wie Benedikt Schröder, einer der Gesellschafter sagt, "dass Fische nicht gefährdet sind." Das Einsatzgebiet für das Kleinkraftwerk sieht Schröder vor allem in den sogenannten Querverbauungen, was nichts anderes als Wehre sind, die Wasser stauen und meist auch mit kleinen Turbinen zur Stromproduktion ausgestattet sind.

Rund 50.000 soll es von diesen Wehren in Europa geben. Bei den Naturschutzverbänden stehen sie schon lange in der Kritik, weil sie die Fische aufhalten und sogar töten, wenn sie in die Turbine geraten. Diese Probleme soll das Flachwasserkraftwerk lösen. Fische könnten es unbeschadet wie eine Treppe passieren, verspricht Schröder.

Konkret soll das Kraftwerk bis zu 20 Kilowatt leisten können (auch kleinere Versionen sind geplant) und rund 160.000 Kilowattstunden pro Jahr erzeugen. Zum Vergleich: Ein größerer Haushalt verbraucht in Deutschland bis zu 4000 Kilowattstunden im Jahr. Die Kosten für das Kraftwerk sollen bei 25.000 Euro liegen, die Produktion soll im kommenden Jahr starten.

Für alle Stellen an Flüssen, wo es ein rund zwei Meter hohes Gefälle gibt, hat Aquakin zudem ein sogenanntes Wirbelkraftwerk im Angebot. Die Drehung des Wassers (wie in der Badewanne, wenn das Wasser abgelassen wird) treibt dabei eine Turbine an, die Strom produziert.

Auch hier ist ein erster Prototyp gerade an einem Fluß nahe Fürth in der Konstruktion. Das Wirbelwasserkraftwerk soll Ende des Jahres in die Serienproduktion gehen und mit zehn Kilowatt Leistung rund 15.000 Euro kosten.

Kraftwerk im RohrDie wohl ambitionierteste Entwicklung von Aquakin ist aber ein Wasserkraftwerk, das sich in Abflussrohre aller Art integieren lässt. "Überall dort, wo es mehr als ein Rinnsal gibt, können wir damit Strom erzeugen", sagt Schröder. In Frage kommen Trinkwasserrohre und solche, wo Abwasser fließt. Auch Rohre in Kläranlagen seien geeignet.

Warum bis heute niemand ein solches Kraftwerk in den Trinkwasserrohren nutzt? Auch Schröder hatte sich diese Frage gestellt und erfuhr bei den Versorgern, dass es bisher schlicht keine lebensmittelechten Anlagen gebe. Also entwickelten die Aquakin-Ingenieure eine.

Die Nachfrage sei riesig, erzählt Schröder. Vor allem Anbieter von Rohren, wollten die Kraftwerke ihren Kunden mitverkaufen. Sie lassen sich sogar nachrüsten. Dafür muss ein Teil des Rohrs herausgeschnitten und stattdessen die Turbine eingesetzt werden. In einer kleinen Versuchsanlage hat die Turbine laut Schröder auch schon Strom geliefert.

Wie viel Potenzial die ungenutzte Wasserkraft in Deutschland hat, hat Schröder noch nicht errechnet. Was er aber weiß: Heute gebe es nur einige Tausend Wasserkraftwerke in Deutschland. Vor hundert Jahren seien es mehr als 100.000 gegeben. Da wollen die Aquakin-Gründer am liebsten wieder hin.

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