Bürgerprotest: Warum Korfu die größte Windanlage im Mittelmeer verhindert

Bürgerprotest: Warum Korfu die größte Windanlage im Mittelmeer verhindert

von Peter Vollmer

Obwohl Korfu eine grüne Stromversorgung dringend benötigt, wollen die Anwohnern von dem Bau nichts wissen.

Beinahe wäre vor Korfus Küste der größte Windpark des Mittelmeers entstanden. Private Investoren hatten sich bereits 2011 mit der Regierung geeinigt und wollten ein Areal im Meer nordwestlich von Korfu für den Bau und den Betrieb von Windrädern pachten. 400 Turbinen waren anfangs im Gespräch, bis zu 1200 Megawatt hätte die Anlage damit leisten sollen.

Das Projekt scheiterte schließlich an den Anwohnern, die sich zusammenschlossen, Infoabende organisierten und tausende Unterschriften sammelten – eine Menge für eine Insel, auf der viele der 100.000 Bewohner gar keine Griechen sind. Schließlich sprach sich auch die lokale Regierung gegen die Anlage aus.

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Das Beispiel Korfus zeigt, wie Großprojekte scheitern können, wenn die Verantwortlichen nicht rechtzeitig mit den Bürgern sprechen.

So sagt einer der schärfsten Kritiker des Windparks, Alex Christou, Anwohner und Betreiber des Portals greencorfu.com. "Wir haben keine Speicherkapazität. Wir haben auf unseren Inseln keine richtigen Stromnetze. Und wir hatten keine Gewissheit, dass wir durch den Bau der Anlage auch nur mittelfristig einen Euro mehr in der Tasche hätten", fasst er seine Kritik zusammen.

Auch auf Kreta und Chios protestierten die Anwohner gegen große Energieparks, die von fremden Investoren geplant werden, ohne die Bewohner in irgendeiner Form einzubinden – weder finanziell noch planerisch. Was die Investoren versprechen, sind hohe EU-Fördergelder.

Abhängigkeit von Kohle und ÖlDoch vor Korfu wäre die Unterwasserlandschaft im Anlagenbereich komplett zerstört worden. Und da die Bewohner nicht an der Planung des Windparks beteiligt wurden, blieb ihnen als einzige Gestaltungsmöglichkeit die Ablehnung. "Es ist unlogisch, mit großen Investoren zusammenzuarbeiten, wenn man den Leuten nicht ermöglicht, selbst Felder mit Windanlagen oder Solarpanelen zu errichten", erklärt Christina Panagiotidou, Christous Partnerin. 3.000 Sonnenstunden hat die Insel, etwa doppelt so viele wie Köln.

Nur produziert Griechenland über die Hälfte seines Stroms aus Kohle. Der Anteil der Erneuerbaren liegt bei 18 Prozent. Doch mit der eigenen Stromproduktion kann Griechenland ohnehin lediglich die Hälfte des Energiebedarfs decken – die andere Hälfte besteht aus importiertem Öl. Schifffahrt, Straßenverkehr oder Heizungen – alles läuft mit Öl, nicht zuletzt findet man auf vielen Inseln auch noch Dieselgeneratoren zur Stromgewinnung.

Der Strommarkt wurde erst 2010 liberalisiert. Gleichzeitig stiegen die Preise rapide – was zwar vor allem an Steuererhöhungen lag, aber die Marktöffnungsbestrebungen der EU nicht beliebter machten. Beides würde dafür sprechen, Strom selbst zu produzieren: Er wäre selbstverwaltet, ressourcenschonender und könnte die Öl- und Kohleabhängigkeit verringern.

Nur fehlt das Geld. Die Bauherren müssten Kredite aufnehmen, für den Betrieb Pauschalsteuern im unteren vierstelligen Bereich zahlen, dazu Unternehmenssteuern von etwa 25 Prozent – zu viel für ein Energie-Startup in Bürgerhand. Der Kohlestrom, der per Unterwasserkabel vom Festland kommt, ist zunächst billiger und bringt kein unternehmerisches Risiko mit sich.

Alternativen lohnen sich nichtAuf Schützenhilfe der Politik vertraut auf Korfu kaum jemand. Dieser fehlt das Geld für Fördermaßnahmen, damit die Bürger ihre eigenen Energieanlagen bauen können. Allerdings ist die griechische Regierung auch ein gebranntes Kind: Als sie 2010 erste vorsichtige Fördermaßnahmen für Solaranlagen beschloss, rodeten einige Bauern ihre Olivenfelder, strichen die Subventionen ein und hinterließen verwahrlosende Voltaik-Anlagen.

Stattdessen bemüht sich die Regierung nun um EU-Subventionen und Fremdinvestoren für Großprojekte. Dabei gäbe es sinnvolle Alternativen. "Wir haben durch den Tourismus im Sommer und die Olivenpressen im Winter so viel Müll, dass wir einen Teil unseres Stromverbrauchs durch eine Biogas-Anlage decken könnten", sagt Christou. Diese solle geschätzt sechs Millionen Euro kosten. Im Vergleich zu den Milliardenkosten und den Schäden für Umwelt und Tourismus, die ein Windpark vor der Küste verursachen würde, sei das ein vertretbarer Preis.

Allerdings: Eine Biogasanlage dürfte etwa drei Megawatt leisten – damit könnte man vielleicht zehn Prozent der Haushalte mit Strom und Wärme versorgen. Aber es wäre ein Anfang. Da dies zudem das Müllproblem der Insel entschärfen könnte, wäre man auch zu Gesprächen mit Investoren bereit. Nur: "Da profitiert doch keiner von", sagt Christou resigniert. Für eine kleine Biogasanlage interessiere sich kein großer Investor; und auch für die Beamten in Athen würde dabei zu wenig abfallen, meint Christou bitter. Das Misstrauen in die Politik sitzt tief.

So bleibt den Korfioten nur, ihre eigene Green Economy in kleinen Schritten aufzubauen. Für Metall hat sich mittlerweile ein kleiner Recyclingbetrieb gegründet. Manche Touristen bestücken ihre Ferienhäuser mit Solar- und Geothermalanlagen. Es gab Pläne, einzelne Windrädern auf dem höchsten Berg der Insel zu bauen – das könnten sich viele Bewohner vorstellen, wenn Regierung und Investoren mit ihnen reden würden.

Christina Panagiotidou sieht es mit Humor: "Eine grüne Wirtschaft muss ohnehin organisch wachsen." Schwierig, findet ihr Partner: "Eine autarke, grüne Stromversorgung wäre für die Insel das wichtigste. Aber so etwas kann man nicht im Kleinen starten." Ob Erneuerbare Energieanlagen oder modernes Recycling – eine grüne Wirtschaft wird auf Inseln wie Korfu ohne staatliche Anreize nur sehr langsam entstehen können. Und für solche Anreize wird Griechenland auf lange Zeit kein Geld haben.

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