Carsharing: 150 Elektroautos für Kopenhagen

Carsharing: 150 Elektroautos für Kopenhagen

von Andreas Menn

Ein dänisches Startup will Carsharing mit Elektroautos anbieten. Der Clou: Um das Aufladen müssen sich die Kunden nicht kümmern.

Carl Nielsen hat genau im Blick, was auf Kopenhagens Straßen los ist. Sein Wohnzimmer, im obersten Stock eines restaurierten Hafenspeichers gelegen, bietet eine der spektakulärsten Aussichten über die Stadt. Es ist ein Ort für Menschen mit Weitblick.

Unten wimmelt es von Spielzeugautos, Miniaturzügen, Zwergenfahrrädern. Oben grübelt Nielsen, wie das ganze Getümmel auf den Straßen effizienter werden kann. “Im Frühjahr kaufen wir 150 Elektroautos”, sagt er. Dann beginnt sein Experiment.

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Nielsen, 62 Jahre alt, IT-Fachmann und Unternehmer, rauscht seit drei Jahren am liebsten mit seinem Tesla Roadster durch die Stadt, einem elektrischen Luxusauto. Nun hat er sich vorgenommen, Elektroautos jedem zugänglich zu machen.

Zuerst in Kopenhagen, dann in ganz Dänemark.

Mit seinem Startup Cleardrive will Nielsen, gemeinsam mit seinem 35-jährigen Co-Gründer Anders Kragelund, ab nächstem Sommer eines der weltweit ersten Leihsysteme mit strombetriebenen Autos starten. 150 Elektroautos wollen die beiden Gründer in der Stadt verteilen und zur Spontanmiete per Smartphone anbieten.

Die abgasfreien Leihwagen sollen private Spritschlucker auf den Straßen ersetzen, und zwar möglichst viele. Vor allem aber, hofft Nielsen, werden sie einen Beweis liefern: Heute schon sollen sich Elektroautos, die bisher vor allem Firmenfuhrparks eroberten,  auch für den Einsatz als urbane Mietflotte eignen.

Aufladen als ServiceDer große Schwachpunkt batteriebetriebener Autos ist der Zugang zum Strom. “Ladesäulen sind teuer, rauben Platz und nerven die Nutzer”, sagt Nielsen. Etwa bei Autolib’ in Frankreich: Für die weltweit erste Elektrowagen-Mietflotte musste der französische Mischkonzern Boloré  ganz Paris mit bislang 720 Leihstationen samt Ladesäulen überziehen. Berichten zufolge kostete das sagenhafte 1,7 Millliarden Euro.

Nielsen will das preiswerter hinbekommen. Sein Carsharing-Dienst Allaround soll mit nur drei Ladesäulen starten. Mehr noch: Seine Kunden sollen sich nicht in Ladekabeln verheddern und keine freien Steckdosen suchen. “Sie können ein Fahrzeug per App mieten, losfahren und an jedem öffentlichen Parkplatz in der Stadt parken”, sagt Nielsen. “Wir kümmern uns um den Rest.”

Dazu will das Startup drei Service-Stationen einrichten, die mit jeweils einer Schnellladesäule ausgestattet sind. Je zwei Mitarbeiter schwärmen in den angrenzenden Stadtvierteln aus, um jene Wagen zu holen, bei denen der Akkustand gering ist. Das Aufladen dauert eine halbe Stunde - Zeit, die das Personal nutzt, um den Wagen gründlich zu reinigen.

Die Idee verdankt Nielsen seinem Tesla Roadster. Den Elektro-Sportwagen gönnte er sich, nachdem er im Jahr 2009 sein Unternehmen 24-7 Entertainment, das Musik und Videos online und auf Smartphones bereitstellt, an die Ingolstädter Media-Saturn-Gruppe verkaufte. Vom leisen, emissionsfreien Fahren im Tesla war Nielsen so begeistert, dass er entschloss, ein Carsharing-Startup zu gründen.

Die Konzept entwickelte der Unternehmer auf einer Weltreise. Mit Kragelund, einem seiner Ex-Mitarbeiter bei 24-7 Entertainment, flog er nach China zum E-Auto-Pionier BYD, interviewte Passanten in deutschen Städten, probierte Autolib in Paris aus, inspizierte Mietwagen-Anbieter in den USA. “Wir haben alle großen Carsharing-Anbieter besichtigt”, sagt Nielsen, “und die besten Ideen neu zusammengeführt.”

Für ihre Stromer-Flotte wollen die Gründer einen starken Partner gewinnen: Den öffentlichen Nahverkehr. Die großen Bahn- und Busunternehmen in Dänemark sind daran interessiert, ihren Kunden möglichst reibungslose Mobilität anzubieten. Gemeinsam bieten sie eine so genannte Rejsekort an, eine Prepaid-Karte aus Plastik, die Fahrgäste in Bahnen und Bussen beim Ein- und Aussteigen an einen Sensor halten, woraufhin der Fahrpreis automatisch abgebucht wird.

Ein Ticket für Straßenbahn und CarsharingAb nächstem Frühjahr soll die Karte auch als Schlüssel für Leihfahrräder in Kopenhagen dienen - und, wenn alles nach Plan läuft, auch für das Allaround-Netzwerk von Cleardrive. An einem Nissan Leaf, der vor Nielsens Haus parkt,

funktioniert das System bereits. Kragelund hält seine Plastikkarte kurz an ein Lesegerät hinter der Windschutzscheibe, schon öffnet sich die Zentralverriegelung des Elektroautos. “Wir konkurrieren nicht mit dem öffentlichen Nahverkehr”, sagt Nielsen. “Wer unsere Autos nutzt, wird auch öfter mit Bus und Bahn fahren als vorher.” Nahverkehrskunden sollen darum bei Allaround keine Grundgebühr zahlen. Wenn im Sommer Kopenhagens erste Elektroflotte startet, muss sich allerdings erst beweisen, ob der personalintensive Weg wirklich die beste Lösung für das Elektroauto-Carsharing ist.

Nielsen verfolgt derweil schon eine zweite Idee. Kürzlich hat er bei Tesla in Kalifornien eine Bestellung aufgegeben - für 50 Tesla Model S. Die neuen Modelle kosten mindestens 46.000 Euro pro Stück. Nielsen hat sie privat bezahlt. Er will damit eine Taxiflotte in mehreren dänischen Städten starten. Die gesparten Benzinkosten sollen den Mehrpreis gegenüber den üblichen E-Klasse-Limousinen aufwiegen.

Nielsen will das unbedingt ausprobieren. Im urbanen Verkehrsgetümmel muss es ja einen geben, der den Weitblick behält.



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