Carsharing: Elektroautos machen Trend jetzt richtig grün

Carsharing: Elektroautos machen Trend jetzt richtig grün

von Matthias Streit

Die Carsharing-Angebote von Daimler, BMW und Citroen boomen. Mit Elektroautos werden sie jetzt auch für umweltbewusste Städter attraktiv.

Weltverbesserer, Ökos, Hippies - lange Zeit war Carsharing als ein Nischenprodukt für Umweltaktivisten verschrien. Doch in den vergangenen Jahren boomt das Geschäft. Laut dem Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) verzeichnete allein Berlin im Mai 2013 eine Buchungssteigerung von fast 400 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Möglich machen das vor allem One-Way-Angebote.

Heißt: Bei sogenannten One-Way- oder Free-Floating-Konzepten können die Kunden auf Autos zugreifen, die überall im Stadtgebiet verstreut stehen. Am Ende der Fahrt kann man das Auto auf einem beliebigen Parkplatz abstellen. Ein bequemer Vorteil gegenüber klassischem Carsharing, bei dem die Autos immer an festen Stationen abgeliefert werden müssen.

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Allein bei den Free-Floatern stehen in der Hauptstadt 2350 Fahrzeuge zur Verfügung, im Vergleich zu 7100 europaweit. Berlin gilt deshalb inoffiziell auch als Carsharing-Hauptstadt der Welt. Doch auch Elektroautos mischen das Geschäft immer mehr auf und drücken dem Carsharing nun endgültig den grünen Stempel auf.

Mit der Marke Multicity und 100 C-Zero Modellen hat Citroen im vergangenen Jahr das erste rein elektrische Carsharing-Angebot in Berlin gestartet. Seitdem hat sich die Flotte auf 350 Autos erweitert. Mitte 2014 will Multicity in der Haupstadt sogar auf 500 Stromer hochrüsten.

„Berlin ist als Standort einzigartig, weil es hier eine Infrastruktur mit über 200 Ladepunkten gibt. Uns ist außerdem wichtig, dass wir nur Strom aus erneuerbaren Energien nutzen", sagt Stephan Luetzenkirchen, Pressesprecher von Citroen Deutschland.

Das Angebot von Citroen gibt es erst seit August 2012. Luetzenkirchen zieht bei einem durchschnittlichen Monatswachstum von 23 Prozent auf 3700 Kunden und 47.700 Fahrten eine überaus positive Jahresbilanz – wenngleich der Anteil von Multicity am Carsharing in Deutschland noch verhältnismäßig gering ist.

Aktuell gibt es in acht deutschen Städten reine Free-Floating-Angebote, die hauptsächlich von drei großen Anbietern bedient werden: Car2Go, DriveNow und eben Multicity. Allen voran startete Daimler bereits 2008 ein Pilotprojekt in Ulm. Ihr Angebot Car2Go ist das weltweit größte mit 8300 Fahrzeugen in 21 Städten, in Deutschland sind es 3450 Autos in sieben Städten.

Nutzer fahren kurze Strecken

Ganz ohne Expertise trauten sich aber selbst die Autobauer diesen Sprung nicht zu. Für Free-Floating-Carsharing setzen sie auf Kooperationspartner mit Erfahrung in der Branche – Daimler arbeitet mit dem Autovermieter Europcar zusammen, BMW mit Sixt und Citroen mit dem Carsharing-Angebot Flinkster der Deutschen Bahn.

Glaubt man den Zahlen der involvierten Unternehmen gibt es in Deutschland mittlerweile schon über 300.000 Nutzer der One-Way-Angebote. Allein Daimler und BMW machen mit jeweils 170.000 und 140.000 den Großteil aus.

Dabei sind die frei zugänglichen Autos vor allem für Kurzstrecken beliebt. Die Fahrzeuge von Car2Go werden im Schnitt zwischen 20 und 60 Minuten für eine Strecke von 5 bis 15 Kilometer genutzt. Bei Muliticity liegt die Durchschnittsstrecke bei 5,3 Kilometern.

Schon Anfang des Jahres sprach der Bundesverband Carsharing - der sonst eher skeptisch gegenüber den neuen Platzhirschen ist - in seinem Jahresbericht von „beeindruckenden Zuwächsen bei den frei im Straßenraum verfügbaren Angeboten.“ Im Jahr 2012 explodierten die Kundenzahlen von Car2Go, DriveNow und Multicity im Vergleich zum Vorjahr um 500 Prozent.

Free-Floating reizt bisher Uninteressierte zum CarsharingDen Grund für den Aufwärtstrend sieht Willi Loose, Geschäftsführer vom Bundesverband Carsharing (BCS), in den finanziellen Möglichkeiten von BMW und Co. „Die Marketingmaßnahmen zeigen vollen Erfolg. Denn mit den neuen Angeboten ist es den Herstellern gelungen, Leute für Carsharing zu begeistern, die davon vorher noch nichts wissen wollten. Davon profitieren teils auch die klassischen Anbieter“, sagt Loose.

Begann die Geschichte von Car2Go und DriveNow zunächst noch mit normalen Verbrennungsmotoren, stocken die beiden Anbieter nun auch ihre Elektro-Fahrzeug-Flotte auf. Global setzt Daimler bereits 1.100 Smart Fortwo Electric Drive ein, in Stuttgart hat Daimler mittlerweile eine erste rein elektrische Flotte mit 50 Smart Fortwo. Seit Anfang 2013 sind diese nun schon eine Million Kilometer gefahren. Wohingegen Car2Go in Berlin mit nur 16 Stromern den 350 C-Zero Modellen von Multicity bisher nur wenig Paroli zu bieten hat.

Bei BMWs DriveNow tastet man sich indes vorsichtiger an die E-Autos heran. Seit Juni stehen in München und Berlin zusammen gerade einmal 60 BMW ActiveE zur Wahl. 2014 soll sich das Angebot immerhin um einige Modelle des i3 erweitern.

Wirtschaftlich noch keine GewinneWenn es um die Themen Profit und Entwicklungskosten geht, schweigen sich die drei großen Free-Floating-Anbieter bislang gründlich aus. Keines der Unternehmen wollte sich mit Verweis auf die Konkurrenzsituation zu aktuellen Zahlen äußern. Sicher scheint indes zu sein, dass bisher keines der flexiblen Carsharing-Angebote in seiner Gesamtheit bei den Autobauern Gewinne abwirft.

Von Daimler heißt es dazu: „Car2Go ist schon in den ersten drei Städten der Welt wirtschaftlich erfolgreich. Wir planen, dass unsere Mobilitätskonzept bis Ende 2014 mit einem Anteil von 100 Millionen Euro in den Daimler-Umsatz eingeht.“

Indes zweifelt der Bundesverband Carsharing noch an den ökologischen Effekten der flexiblen Angebote. „Für uns ist ganz, ganz entscheidend, ob sich belegen lässt, dass durch diese Angebote Menschen ihre privaten Autos abschaffen. Erst dann kann man, ähnlich wie bei den klassischen Carsharhing-Anbietern, von einem ökologisch nachhaltigen Angebot sprechen“, sagt BCS-Geschäftsführer Loose. Bei klassischen Anbietern ersetze bisher jedes neue Auto zehn private. Entsprechende Studien seien für ihre Marken bereits auf dem Weg, heißt es bei BMW, Daimler und Citroen.

Effekte für öffentlichen Nahverkehr umstrittenEin weiterer Kritikpunkt am Free-Floating-Carsharing war immer wieder, dass durch den bequemen Zugang zu den Autos der öffentliche Nahverkehr und Taxifahrer Einbußen erleiden. In Los Angeles machten unlängst Taxifahrer aus diesem Grund ihrem Ärger Luft.

Eine neue Studie des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel widerlegt diese These nun. Die Studie zeige laut dem Geschäftsführer Andreas Knie, dass flexible Carsharing-Angebote vor allem nahe großen Haltepunkten des öffentlichen Nahverkehrs genutzt werden – und damit die U- und S-Bahn offenbar ergänzen. Hohe Einnahmen scheinen den Taxlern deshalb nicht verloren zu gehen.

Bisher haben es nur große Autohersteller mit ihrer Finanzkraft gewagt, in das Free-Floating-Geschäft einzusteigen. Erste zögerliche Schritte klassischer Anbieter gibt es mittlerweile aber auch. So hat Stadtmobil mit „Stadtflitzer“ in Hannover seit Juni 2012 und „JoeCar“ in Mannheim seit Juli 2013 seine ersten One-Way-Angebote mit jeweils 30 Autos auf den Markt gebracht. Nur eben mit wesentlich weniger Marketing-Rummel als die große Konkurrenz.

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