Chemieunternehmen warnen: Energiewende kostet 1,3 Millionen Arbeitsplätze

Chemieunternehmen warnen: Energiewende kostet 1,3 Millionen Arbeitsplätze

von Jürgen Klöckner

Die Chemieindustrie beziffert die Kosten der Energiewende. Die Studie ist eine Wunschliste an die neue Regierung.

Was kostet die Energiewende? Wenn es nach dem Verband der Chemischen Industrie  (VCI) geht, eine ganze Menge. 211 Milliarden Euro des deutschen BIP könnten bis 2030 vernichtet werden, 1,3 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Das sind die Kernaussagen einer gestern veröffentlichten Studie, die das US-Institut IHS für den VCI erstellte.

Die Zahlen kamen unmittelbar nachdem bekannt wurde, dass die EEG-Umlage auf 6,3 Cent steigen würde. Die Schlacht um die Energiewende hat spätestens jetzt begonnen - jeder legt etwas auf dem Tisch, dessen Interessen auf dem Spiel stehen. Es geht um Arbeitsplätze, Wählerstimmen, Fördergelder - und keiner will zu kurz kommen.

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Die Grünen rückten mit einer Kurzstudie heraus, die Handwerkskammern forderten eine Senkung der Stromsteuer, der VCI legte sein dickes Zahlenwerk vor und warnt: das EEG belaste die Chemieindustrie im kommenden Jahr mit einer Milliarde Euro. In diesem Umfeld muss man die Studie lesen - nicht als wissenschaftliche Arbeit, sondern als Interessenwerk. Wie aussagekräftig ist es?

Die Experten gehen von zwei Szenarien aus. Einem „Hochpreis-Szenario“, bei dem die Ausbauziele der Erneuerbaren erreicht werden (siehe Grafik) und die EEG-Befreiung für die Industrie abgeschmolzen würde. Und einem „Wettbewerbsfähigen Energie-Szenario“, das auch als Wunschliste der Chemieindustrie an die künftige Koalition gelesen werden darf.

Das Tempo des Ökostromausbaus wird in diesem Szenario gedrosselt (siehe Grafik), außerdem solle man sich auf ausgereifte Technologien konzentrieren (vor allem Wind). Zudem plädiert die Studie für die Erschließung der deutschen Schiefergasvorkommen durch das umstrittene Fracking.  „In einigen Jahrzehnten könnten wir Deutsche sehr dankbar sein, über eigene Gasvorkommen zu verfügen“, sagte VCI-Präsident Karl-Ludwig Kley auf der Pressekonferenz in Berlin. Und verschwieg, dass seine Industrie von einem Fracking-Boom in Deutschland massiv profitieren würde.

Die Studie vergleicht beiden Szenarien und kommt zu diesen Ergebnissen:

2030 ist das deutsche BIP beim Wettbewerbsfähigen Energie-Szenario 211 Milliarden Euro bzw. 6,2 Prozent höher als beim Hochpreis-Szenario.

Das Privateinkommen ist 6,3 Prozent höher und ein Durchschnittsbürger hat 2030 im Wettbewerbsfähigen Energie-Szenario jährlich ein um 1.590 Euro höheres verfügbares Einkommen als im Hochpreis-Szenario.

Der energieintensive Chemiesektor verzeichnet im Hochpreis-Szenario eine jährliche Zuwachsrate von lediglich 0,7 Prozent, im Wettbewerbsfähigen Energie-Szenario hingegen 1,8 Prozent und stellt 2030 40.000 mehr Arbeitsplätze bereit.

Maschinenbau und Automobilindustrie profitieren im Vergleich zum Hochpreis-Szenario ebenfalls vom Wettbewerbsfähigen Energie-Szenario. Daraus ergibt sich für das Jahr 2030 ein Plus von 43 Milliarden Euro für den Maschinenbau und von 65 Milliarden Euro für den Automobilsektor, was sich in 87.000 bzw. 85.000 mehr Arbeitsplätzen in den beiden Industriezweigen niederschlägt.

Gewagte AnnahmenBeide Szenarien machen allerdings schwierige Annahmen: Kaum denkbar ist, dass energieintensive Industrien von der EEG-Befreiung ausgenommen werden. Das ist mit der Union nicht zu machen und selbst die Grünen schlagen vor, immerhin noch 500 Industrieunternehmen von der Umlage zu befreien.

Noch schwieriger ist die Annahme, dass sich Fracking in Deutschland durchsetzen wird: Bislang stellen sich alle Parteien dagegen. Die Folgen für die Umwelt sind nicht kalkulierbar. Ein zentraler Punkt der Studie sind die Energiepreise, die die Wettbewerbsfähigkeit der Republik beeinflussen - und die sind kaum vorhersehbar.

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