Das Ruhrgebiet: Problemregion für Car-Sharing-Anbieter

Das Ruhrgebiet: Problemregion für Car-Sharing-Anbieter

von Marcel Berndt

Daimler und BMW expandieren weltweit mit ihren Car-Sharing-Diensten. Nur im Ruhrgebiet nicht. Die Gründe sind vielfältig.

Schaut sich Thomas Beermann das Ruhrgebiet an, stellt er sich vor allem eine Frage: „Wo zieht man die Grenze zwischen den Städten?“ Denn die Trennlinien auf der Landkarte haben mit der Realität nichts zu tun, findet der Geschäftsführer von Car2Go: „Gerade im Rhein-Ruhr-Bereich haben wir einen großen, zusammenhängenden Ballungsraum mit Menschen, die sich zwischen den Städten bewegen“, sagt Beermann.

Das Car-Sharing-Angebot des Autobauers Daimler und der Vermietungsfirma Europcar stockte erst Ende November seine Wiener Flotte auf 700 Smarts auf, Ende Oktober die Mailänder auf 600. Deutschlands größte Metropolregion steht jedoch nicht auf Beermanns Expansionsplan.

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Auch DriveNow, das Konkurrenzangebot von BMW und Sixt, das Anfang November mit 450 Minis und BMWs nach Hamburg expandierte, hat keine Ambitionen an der Ruhr.

Dabei müssten all die Großstädte mit ihren 5,1 Millionen Einwohnern wie geschaffen sein für Car-Sharing.

Größe als NachteilAnders als auf dem Land machen hier die kürzeren Wege und der besser ausgebaute Nahverkehr das Auto-Teilen attraktiv. Je nach Anlass und Aufwand lassen sich manche Strecken mit Bus und Bahn zurücklegen und manche mit dem Car-Sharing-Fahrzeug – das eigene Auto wird so schnell überflüssig.

Was auf den ersten Blick, wie ein Vorteil des Ruhrgebiets aussieht, entpuppt sich jedoch schnell als Nachteil. Die Größe der „Metropole Ruhr“ verlangt den Verleihfirmen hohe Investitionen ab, an denen sie sich schnell überheben können. Gerade sogenannte „Free Floating“-Anbieter, wie Car2Go und DriveNow, brauchen eine gewisse Flottengröße, damit ihre Autos nicht von festen Parkplätzen abgeholt und dorthin zurückgebracht werden müssen, sondern frei verteilt im Stadtgebiet auf Mieter warten.

DriveNow ist noch ein Start-Up“, sagt Andreas Schaaf, Geschäftsführer des 2011 gegründeten Unternehmens. „Sie müssen auch die Leistungsfähigkeit eines kleinen Unternehmens beachten.“ Diese habe ihre Grenzen, auch wenn große Konzerne hinter den Firmen stehen mögen.

„Es ist nicht damit getan, dass Sie Autos in eine Stadt stellen“, sagt Schaaf. Mitarbeiter müssen die Flotte etwa stets im Auge behalten, nach dem Rechten sehen, Autos säubern, reparieren und teils umparken, damit jedes Gebiet ausreichend versorgt ist. „Je mehr Städte hinzu kommen, desto komplexer wird das.“

Car2Go-Chef Thomas Beermann wiederum bezweifelt, dass im Ruhrgebiet eine genügend hohe Nachfrage entsteht, um diese Investitionen wieder rein zu holen. Schließlich sei das Konzept auf kurze bis mittlere Distanzen ausgelegt. „Wir sind besonders in solchen Städten erfolgreich, in denen es Mischgebiete auf engem Raum gibt, damit die Menschen auch einen Anlass haben, sich zwischen den Vierteln zu bewegen“, sagt Beermann.

Vorreiter trauen sich trotzdemAn der Ruhr bewegen sich die Menschen aber nicht nur zwischen ihren Vierteln, sondern gleich zwischen ganzen Städten. „Im Ruhrgebiet legen die Menschen ganz andere Distanzen zurück als in Köln oder Düsseldorf.“ Wer etwa eine halbe Stunde im Smart von Car2Go unterwegs ist, muss dafür 8,70 Euro zahlen. Ein Mini von DriveNow kostet in der gleichen Zeit 9,30 Euro.

Allerdings kann Car-Sharing im Ruhrgebiet durchaus funktionieren. Um die Kosten klein zu halten, betreibt etwa die 2009 gegründete Stadtmobil Rhein-Ruhr GmbH lediglich ein „Free Floating“-Angebot in Essen-Rüttenscheid. Im restlichen Essen, sowie in Düsseldorf, Krefeld, Duisburg, Moers, Bochum und Solingen setzt der Anbieter auf Verleihstationen, also festgelegte Parkplätzen im Stadtgebiet.

Dadurch braucht das Unternehmen anfangs nur einen kleinen Fuhrpark und muss nicht gleich in hunderte Fahrzeuge investieren.„Ob ich mit einem oder 50 Autos starte – am Anfang habe ich immer null Kunden“, sagt Geschäftsführer Matthias Kall. „Sie müssen mit Ihren Kunden wachsen.“

Die eingesparten Kosten gibt das Unternehmen an seine Kunden weiter. Ein VW Up! oder einen Toyota Aygo gibt es etwa schon für 1,30 Euro die Stunde, sodass auch längere Fahrten durchs Ruhrgebiet erschwinglich sind. Die Weitläufigkeit des Ballungsraums stellt aber auch für die Stadtmobil-Gruppe ein Problem dar. Obwohl das Unternehmen schon seit 1992 in Süddeutschland aktiv ist, gründete es erst vor vier Jahren seine Tochtergesellschaft an Rhein und Ruhr.

Als Startpunkt wählte die Firma Essen und Düsseldorf. „Wenn man zwei Städte hat, ist es einfacher in die dritte, vierte und fünfte Stadt zu expandieren, als alles von einem Standort aus stemmen zu müssen“, sagt Kall. „Essen liegt im Herzen des Ruhrgebiets und bot sich daher als Ausgangspunkt an. Düsseldorf war wegen seiner Mischgebiete und dem hohen Einkommensniveau für uns interessant.“

Auto als Statussymbol hinderlich für CarsharingDas oft niedrige Einkommensniveau im Ruhrgebiet ist ein weiterer Makel, denn meist gehören Car-Sharing-Nutzer zu den Besserverdienern. „Im Süden sind wir in strukturell starken Städten erfolgreich, wie Karlsruhe und Stuttgart. Da haben wir weniger Probleme mit dem Strukturwandel“, sagt Kall. „In Gegenden, in denen jeden Samstag das heiß ersparte Auto poliert wird, hat man es schwer, ein Car-Sharing zu vermarkten.“

Denn außer dem Einkommen, sei auch die Einstellung der Menschen wichtig, das eigene Auto nicht als Statussymbol schlechthin zu betrachten: „Man könnte meinen, dass Menschen aus Sparzwang auf Car-Sharing zurückgreifen“, sagt DriveNow-Chef Andreas Schaaf: „Das trifft aber auf die wenigsten unserer Kunden zu, das sind Menschen mit einem relativ hohen Einkommen, die hinter unserem Konzept stehen.“ Ihre Einstellung beschreibt er so: „Das sind moderne, aufgeschlossene Menschen um die 30, die an Innovationen interessiert sind.“

Im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen scheinen DriveNow und Car2Go diese Zielgruppe am ehesten in den beiden größten Städten, Köln und Düsseldorf, vorzufinden. Zuerst starteten sie Anfang 2012 in Düsseldorf und tasten sich dort nun ans Umland heran. So können sie ausprobieren, wie ihr Konzept in einem zusammengewachsenen Ballungsraum funktioniert. Denn das Rheinland ist an dieser Stelle zwar ähnlich dicht besiedelt, allerdings auf einer deutlich kleineren Fläche als im Ruhrgebiet.

Im August erweiterte DriveNow sein Düsseldorfer Geschäftsgebiet auch auf die Nachbarstadt Hilden, im September legte Car2Go nach und bezog auch Neuss mit ein. „Wir richten uns nach dem Konsumentenverhalten“, sagt Car2Go-Chef Beermann. „Es gibt Menschen, die in Düsseldorf arbeiten, nachmittags nach Hause nach Neuss kommen und abends nochmal zum Ausgehen nach Düsseldorf fahren.“

DriveNow belässt es trotzdem zunächst nur bei Hilden: „Wir möchten erstmal sehen, wie die Kunden es aufnehmen, wenn wir einen Satelliten miteinbeziehen“, sagt Andreas Schaaf. „Wir sehen, dass Fahrten zwischen Düsseldorf und Hilden stattfinden. Ob das reicht, um es auf eine wirtschaftliche Basis zu stellen, wird sich zeigen.“ Ins Kölner Umland seien bei beiden Firmen keine Expansionen geplant – und auch das Ruhrgebiet wird wohl noch lange auf ein größeres „Free Floating“-Angebot warten müssen.

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