Die letzte Grenze: Rohstoff-Jäger wollen das größte Ölfeld der Welt erschließen

Die letzte Grenze: Rohstoff-Jäger wollen das größte Ölfeld der Welt erschließen

von Benjamin Reuter

Der hohe Ölpreis rückt in den USA riesige Erdöl-Vorkommen in den Fokus. Umweltschützer wittern eine Katastrophe.

Wer das größte Ölfeld der Welt besuchen will, muss nicht nach Riad, in die Hauptstadt Saudi Arabiens fliegen. Denn die Reise führt zu den Ausläufern der Rocky Mountains in ein Kaff namens Rifle und nicht zu Bohrtürmen in der sengend heißen Wüstensonne.

Das Mekka für Rohstoff-Jäger liegt fünf Autostunden westlich von Denver, im US-Bundesstaat Colorado, am Rande des Highway 70. Rifle hat rund 10.000 Einwohner, ein Hotel mit dem Namen Winchester, viele Pickups auf den Straßen und bretterverkleidete Häuschen im Zentrum.

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Dort, in einem großräumigen Büro auf der Hauptstraße, das mit seinen schweren Holztischen aussieht wie einer Folge des Denver Clans entsprungen, schüttelt Roger Day dem Besucher fest die Hand.

Day ist der wohl renommierteste Maulwurf von Colorado. Er arbeitet in Rifle für das Energieunternehmen American Shale Oil (Amso), das seinen Sitz in New York hat.

Der Ingenieur gräbt sich auf der Suche nach Erzen und anderen Rohstoffen seit Jahrzehnten durch den Untergrund in Colorado. Unter anderem hat er einen Prozess patentiert, mit dem das einzige natürliche Natron in den USA gefördert wird, einer der Grundstoffe für Backpulver.

Das Produkt, das mit Days Verfahren gewonnen wird, ist in unzähligen amerikanischen Supermärkten zu finden. Bald, so hofft er, sieht das bei den Tanks der Autos ähnlich aus.

Vier mal mehr Öl als in Saudi ArabienAn diesem Tag im Spätherbst trägt Day ein hellbraunes Carhartt-Hemd aus schwerer Baumwolle, von Staub verfärbte Jeans, schwarze Sicherheitsschuhe mit aufgeriebenen Stahlkappen.

Day ist 63 Jahre alt und könnte sich eigentlich schon auf die Rente freuen. Die größte Aufgabe seines Lebens hat er aber noch vor sich. Für Amso soll er die gigantischen Ölvorkommen erschließen, die in Colorado und den angrenzenden Bundestaaten Utah und Wyoming im Boden liegen.

Laut Schätzungen der staatlichen Geologiebehörde der USA, der USGS, lagern auf einer Fläche, die so groß wie Bayern ist, bis zu 4,3 Billionen Fass Erdöl. Im besten Fall könnten Unternehmen ein Viertel davon aus der als Green River bekannten Formation fördern, glauben die Geologen. Das ist ungefähr die vierfache Menge dessen, was unter dem Wüstensand Saudi Arabiens noch zu holen ist.

Das Problem ist nur: Bei dem schwarzen Schatz im Boden handelt es sich nicht um herkömmliches Öl, sondern um eine Vorstufe des Rohstoffes, die als Kerogen bekannt ist. Das Kerogen ist wiederum in Ölschiefer enthalten – einem schwarzgrauen, fettigen Stein, der brennt, wenn man eine Flamme daran hält.

Die Natur im Zeitraffer kopierenDer Ursprung des Kerogen sind Algen, Plankton und Bakterien, die sich im Laufe von Jahrmillionen am Grund eines riesigen Salzsees ablagerten, der zu Urzeiten die Mitte der USA bedeckte.

Aber weil nur wenig Sauerstoff an die Ablagerungen kam, wurden sie nie zu flüssigem Öl. Erst vor rund fünf Millionen Jahren verschwand das Wasser. Erdöl braucht aber zwischen 50 und 300 Millionen Jahre, um sich zu bilden. Chemisch betrachtet werden dabei lange Kohlenstoffketten in kürzere aufgebrochen.

"Wir müssen das, wofür die Natur eine halbe Ewigkeit braucht, also im Zeitraffer nachstellen, um hier Öl zu fördern", sagt Day.

Doch die Verfahren der Natur mit Technik zu kopieren, ist alles andere als trivial. Das Kerogen ist deshalb eine der letzten Grenzen, vor der die Menschheit auf ihrer rastlosen Suche nach neuen Energiequellen steht.

Dass sie diese Grenze früher oder später überwinden muss, wenn sie weiter mit Erdöl Schiffe, Flugzeuge und Autos antreiben und Plastik und Medikamente herstellen will, ist dabei sicher.

Große Vorkommen weltweitZwar weiß niemand genau, ob die Vorräte an konventionellem Öl schon in fünf oder erst in fünfzehn Jahren nicht mehr ausreichen, um die Nachfrage zu decken. Aber schwenkt die Welt nicht auf erneuerbare Energien und biologische Ersatzstoffe für Erdöl um, werden die Lücke künftig andere Quellen füllen müssen: Vorkommen tief im Meer, Reserven in der Arktis, Teersande, Schiefergestein oder eben Kerogen.

Beträchtliche Mengen Kerogen gibt es nicht nur in den USA. Auch in Israel, Jordanien, China, Australien und Osteuropa ist der Boden voll davon. Deshalb versuchen neben Amso derzeit auch ein halbes Dutzend weiterer Unternehmen ihr Glück im Ölschiefer. Darunter auch Großkonzerne wie Total, das an Amso beteiligt ist, ExxonMobil und Chevron.

Eine Idee, wie aus dem Kerogen Öl werden kann, hat Roger Day auch schon.

Von Rifle sind es mit dem Auto rund 90 Minuten Fahrt nach Norden zum Testgelände von Amso. Die Landschaft besteht hier vor allem aus Geröll, Prärie und geduckten Kiefern. "Die einzigen, die sich hier freiwillig rumtreiben, sind Jäger", erklärt Day. Die Einsamkeit, die Stille und Weite der Landschaft lassen ihr Revier wie das Ende der Welt erscheinen.

Mitten in Colorados steinigem Hinterland haben Day und seine zwölf Mitarbeiter ihre Testanlage aufgebaut: Zahlreiche Container mit Laboren und Computern stehen hier und zwei Bohrtürme, über denen US-Flaggen wehen. Das Gelände schützt ein zwei Meter hoher Zaun vor unerwünschtem Besuch.

Öl aus dem Boden kochenDas Ziel von Day ist es, das Öl aus dem Schieferstein heraus zu kochen. In rund 650 Meter Tiefe sollen Dutzende Rohre auf einer Fläche von mindestens zweieinhalb Quadratkilometern eine Art riesige Fußbodenheizung bilden. Die Kerogenschicht ist in dieser Tiefe rund 300 Meter dick.

Durch die eine Hälfte der Rohre wollen die Ingenieure den 500 Grad heißen Dampf einer Spezialflüssigkeit pumpen. Die Hitze soll binnen drei Wochen das Kerogen in Öldampf umwandeln. Und weil sich die Substanz im gasförmigen Zustand ausdehnt, reicht der Druck, damit sie durch ein zweites Rohrnetz nach oben steigt.

Dort sollen Maschinen den Öldampf abkühlen, verflüssigen und reinigen. Das Erdgas, das mit dem Öl an die Oberfläche steigt, treibt wiederum ein Kraftwerk an, das den Dampf produziert. Energie von außen wäre also unnötig.

Schon 25 dieser Anlagen könnten laut Amso einen Markt wie Deutschland 30 Jahre lang mit Erdöl versorgen. Zu Preisen zwischen 40 und 80 Dollar pro Fass, was knapp 120 Litern entspricht. Derzeit liegt der Ölpreis bei mehr als 100 Dollar pro Fass.

Von diesem Ziel ist Roger Day in der Einöde von Colorado aber "noch zehn Jahre“ entfernt, wie er zugibt. Zwar sind schon zwei Brunnen seiner Bodenheizung gebohrt. Bislang kopiert Day aber noch nicht die Natur, sondern kämpft mit dem Material.

Dreißig Meter langer TauchsiederAngefangen haben die Arbeiten auf dem Amso-Gelände im Jahr 2008. Nach eingehenden geologischen Untersuchungen – die „Erde röntgen" nennt Day es – bohrten er und seine Mitarbeiter innerhalb von vier Monaten die Brunnen, verlegten kilometerweise Rohre, schlossen die Computer an und bauten das kleine Kraftwerk.

Die ersten Tests plante Day nicht mit dem superheißen Dampf, sondern mit einer Heizspirale. Die Einzelteile für das Gerät, das einem Tauchsieder ähnelt, bestellte er für 600.000 Dollar von einem Unternehmen aus Kanada. Zusammengesetzt waren sie rund 30 Meter lang, aber nicht viel dicker als ein Oberarm.

Weihnachten 2011 war es dann soweit. Winterstürme peitschten über die Prärie als der Stab in das Rohr hinabgelassen wurde. Mit einer Temperatur von 360 Grad sollte er sechs Monate lang das Gestein aufheizen.

Um die Ergebnisse auszuwerten, war außerdem eine Videokamera in die Tiefe versenkt worden und mehr als 700 Sensoren in weiteren Bohrungen auf dem Gelände angebracht, die jede Sekunde tausende unterschiedlicher Daten aufzeichneten.

Aber was der Start eines neuen Rohstoffbooms werden sollte, endete im Desaster.

Der Tauchsieder brannte nach nur 23 Tagen durch. Öl war keines an die Oberfläche gestiegen. Seitdem hat Day zwei weitere der teuren Apparaturen in der Tiefe verschlissen. Allerdings hielt jeder Stab ein paar Wochen länger als beim ersten Versuch.

Stahlrohre, wie Cola-Dosen zerquetschtKnauserig muss Day bei seinen Tests nicht sein. Insgesamt hat Amso ihm und seinem Team bis zu 100 Millionen Dollar für die Entwicklung der Technologie bereitgestellt. Geld, das auch vom französischen Ölunternehmen Total kommt.

Aber es gab noch ein zweites Problem: Auch die ersten Rohre, die in den Untergrund führten, kapitulierten. Der Druck zerquetschte das warme Metall wie Cola-Dosen. Day entwickelte deshalb in Zusammenarbeit mit Materialexperten neue Stahllegierungen, die den Belastungen unter der Erde über Jahre standhalten sollen.

Unzufrieden ist Day mit dem Testverlauf dennoch nicht. Jeden Tag sammelten die Sensoren mehr als einen Terabyte an Daten, erklärt er, die Mitarbeiter nun auswerten. Um ihr System zu optimieren, wollen sie herausfinden, auf welcher Fläche und wie stark sich der Stein unter Tage erhitzt hat und welcher Druck in der Tiefe herrschte.

Ende dieses Jahres will Day dann die ersten Versuche mit dem heißen Dampf starten. Dabei hilft ihm auch der technische Fortschritt. Mittlerweile sei ein spezielles Gel entwickelt worden, sagt er, das die Rohre nahe der Erdoberfläche isoliert. So geht kaum mehr Hitze auf dem Weg ins Erdreich verloren, die Effizienz des Verfahrens steigt. "Vor fünf Jahren wäre das unmöglich gewesen."

Käfig aus Eis soll das Grundwasser schützenDass sich das Kerogen aus den Tiefen in naher Zukunft wirtschaftlich fördern lässt, glauben aber mittlerweile nicht mehr alle Unternehmen in Colorado. Shell etwa gab vor wenigen Monaten sein Ölschiefer-Projekt gleich neben dem Amso-Testgelände auf. Dort wollten die Europäer leichter zugängliches Kerogen in rund 300 Meter Tiefe fördern.

Das Problem dort waren aber nicht schwächelnde Heizstäbe: Stattdessen erwies sich der technische Aufwand, das Grundwasser nicht zu gefährden, als zu hoch.

Die Ingenieure von Shell wollten zum Schutz des Grundwassers riesige Eismauern in der Erde um die Bohrungen ziehen. Der Kältekäfig ist in der Minentechnik auch als Freeze Wall bekannt. Er verhindert, dass Wasservorkommen großflächig verunreinigt werden.

Der Plan war, das Grundwasser innerhalb der Eismauer nach der Ölförderung abzupumpen, zu reinigen und wieder in den Boden zu pressen. Danach würde die Mauer abgetaut und das Grundwasser könnte wieder ineinander fließen. Aber soweit kamen die Ingenieure gar nicht - die Muttergesellschaft brach das Unterfangen ab. Die genauen Gründe gab Shell nicht bekannt.

Umweltschützer sind skeptischAndere Verfahren, die das Kerogen aus dem Boden dampfen sollen, klingen nicht minder ambitioniert. Der Ölmulti ExxonMobil zum Beispiel versucht es mit einer Art unterirdischem Stromschlag – das Verfahren ist auch als Elektrofracking bekannt.

Dabei werden in einigen hundert Metern Abstand mehrere Rohre vertikal in den Boden getrieben. In den Zwischenraum pressen Pumpen eine Flüssigkeit, die Strom leitet. Fließt Elektrizität durch das Erdreich, soll sich das Kerogen erhitzen und schließlich an die Oberfläche dampfen.

Mit ihren Verfahren betreten die Unternehmen in Colorado allesamt technisches Neuland. Kein Wunder, dass Umweltschützer und Politiker die Entwicklungen im Bundesstaat kritisch verfolgen. Der Frackingboom in anderen Teilen der USA, der täglich mehr als zwei Millionen Liter Erdöl und noch viel mehr Kubikmeter Erdgas an die Oberfläche spült, hat sie skeptisch gemacht.

Trotz zahlreicher Studien ist bis heute nicht endgültig geklärt, wie schädlich das Fracking-Verfahren – bei dem Millionen Liter Wasser mit Sand und Chemikalien versetzt in die Erde gepumpt werden, um flüssiges Öl oder Erdgas aus dem Schieferstein zu sprengen – für die Umwelt wirklich ist. Bei der unterirdischen Förderung des Kerogens existieren bisher überhaupt keine verlässlichen Umweltgutachten.

Rechtsstreit in IsraelSchon jetzt hat die Regierung in Denver deshalb die Flächen für die Kerogen-Tests drastisch reduziert, sehr zum Ärger von Day und seinen Kollegen.

Auch in Israel streiten sich Naturschützer und Kerogen-Befürworter mittlerweile vor Gericht, ob die Förderung erlaubt werden soll. Vor fünf Jahren hatte die israelische Regierung den Leiter der Kerogen-Forschung bei Shell, Harold Vinegar, angeworben, um die Vorkommen im heiligen Land anzuzapfen. Im besten Fall könnte Israel sich unabhängig von Ölimporten machen, verspricht Vinegar. Der Protest der Naturschützer droht das Projekt nun zu stoppen.

Die vielen ungeklärten Fragen hindern die Unternehmen aber nicht daran, die Entwicklung der Kerogen-Förderung weiter voranzutreiben. Und nicht alle wollen dafür erst komplexe Technik entwickeln.

Ölförderung im TagebauDenn der Ölschiefer lässt sich nahe der Oberfläche auch mit Baggern abbauen. Und nicht überall im Green-River-Gebiet liegt der Rohstoff so tief wie in der Umgebung von Rifle. Im Nachbarstaat Utah, knapp drei Autostunden nordöstlich der Stadt, bricht der Ölstein an die Oberfläche.

Zwar ist der Aufwand beim Abbau mit Maschinen tendenziell größer als unter der Erde, aber die Technik ist zum Beispiel in Estland schon länger erprobt. Dort gräbt das ehemals staatliche Energieunternehmen Easti Energia schon seit Jahrzehnten in Tagebauen und unter Tage Ölschiefer ab und verarbeitet ihn.

Vorbilder für diese Art der Förderung gab es auch in den USA schon. Ab 1973, nach der ersten Ölkrise, steckte die US-Regierung rund 80 Milliarden Dollar in die Entwicklung von Alternativen zum Öl aus dem Nahen Osten.

In Colorado brachen daraufhin rund 2000 Arbeiter den Ölschiefer aus den Bergen, der dann in einem Kraftwerk erhitzt und in Öl umgewandelt wurde. Rund fünf Millionen Fass des Rohstoffs holte das Unternehmen Union Oil of California damals aus der Erde.

Als die Ölpreise nach der zweiten Ölkrise 1979 wieder sanken, wurde der Betrieb immer unwirtschaftlicher. 1991 schloss die Mine.

Ein Ölboom für die nächsten 30 Jahre?Angesichts der aktuell hohen Ölpreise glaubt Enefit, der US-Ableger von Easti Energia, dass die Zeit für einen neuen Versuch reif ist. Enefit-Chefin Rikki Hrenko ist dabei kein wettergegerbter Ingenieur wie Day, sondern eine Managerin, Mitte 30, sportlich. "Ich kenne mich mit PR besser aus als mit Technik", sagt sie beim Treffen in dem einzigen Nobelhotel in Vernal, der Provinzhauptstadt in diesem Teil von Utah.

Tatsächlich verbringt Hrenko ihre Tage derzeit bei Behörden, um Genehmigungen einzuholen und bei Umweltschützern, um das Enefit-Verfahren zu erklären.

Läuft alles nach Plan, sollen spätestens ab 2020 in Utah mehrere tausend Arbeiter 50.000 Fass Öl pro Tag aus dem Kerogen produzieren, 30 Jahre lang. Die Menge ließe sich auch verdoppeln, sagt Hrenko. Zum Vergleich: Deutschland verbraucht derzeit 2,4 Millionen Fass Erdöl – täglich.

Dafür hat sich Enefit ein Gebiet von 120 Quadratkilometern in der Einöde rund 80 Kilometer südlich von Vernal gesichert. Den Boden dort sollen die Bagger nach und nach bis in eine Tiefe von 300 Metern umgraben.

Insgesamt 2,6 Milliarden Fass Erdöl lagern auf dem Gelände im Boden, haben die Ingenieure von Enefit errechnet. Das könnte dem Unternehmen einen Milliardengewinn bescheren. Für die Landrechte in Utah hat Enefit gerade einmal 42 Millionen Dollar bezahlt.

Deutsche Ingenieurskunst für das Öl der ZukunftDie Technik, um aus dem Kerogen in Utah möglichst effizient Öl zu machen, perfektionieren derzeit acht Ingenieure in einer Pilotanlage in Frankfurt am Main. Dazu wurden eigens 25 Tonnen Gestein aus den USA nach Rotterdam verschifft und dann mit LKWs nach Deutschland gefahren. Die werden nun in einer Maschine, die so groß wie ein Einfamilienhaus ist, zerkleinert, einige Stunden erhitzt und in Öl umgewandelt.

Aber auch gegen das Projekt von Enefit regt sich in Utah inzwischen Protest. Einer der Kritiker ist der Umweltschützer John Weisheit, aus der Kleinstadt Rangely in der Nähe von Vernal. Neben den Folgen für das Klima fürchtet er eine dauerhafte Zerstörung des sensiblen Naturraumes in Utah und Colorado, eine der letzten völlig unberührten Landschaften der USA, wie er sagt.

"Der fruchtbare Boden ist in der Prärie so dünn, dass es hunderte von Jahren dauern wird, bis die Eichen, Pinien und Wachholdersträucher nachgewachsen sind", warnt er. Büffel, Elche, Rehe, Bären, Eulen und Adler würden für immer aus einem der wildreichsten Gebiete der USA vertrieben. Schon jetzt hätten sie kaum noch Rückzugszonen.

Weisheit zeigt sich unbeeindruckt von den Hrenkos Versprechen, dass Enefit nach den Baggerarbeiten das Land rekultivieren will.

Im Auto ins ProtestcampEin weiteres Problem sei der Wasserverbrauch, sagt Weisheit. Um ein Fass Öl zu gewinnen, braucht Enefit laut eigenen Aussagen mehr als 100 Liter Wasser für den Bergbau und das Umwandlungsverfahren. Dieser Rohstoff soll aus dem White River kommen, der durch das Areal fließt.

Weisheit sagt, dass der Fluss nur drei Monate im Frühjahr ausreichend Wasser führt. Werde im Sommer Wasser entnommen, seien die Fische in Gefahr. Immerhin sieben geschützte Arten, darunter seltene Forellen, leben in dem Gewässer. Sinkt der Flusspegel drastisch, fürchtet Weisheit, würde es für sie zu heiß und der Sauerstoff wird knapp. "Die Fische würden einfach ersticken."

Der Naturschützer will so lange vor Gericht ziehen, bis das Enefit-Projekt gekippt ist. Ihm haben sich mittlerweile mehrere Umweltgruppen angeschlossen, die für Besucher und Bürger Campingausflüge in das betroffene Gebiet organisieren. So wollen sie auf die Gefahren hinweisen.

Bisher gibt es in der Einsamkeit keinen Handyempfang, keinen Strom, keine Toiletten. Auch Weisheit war letztens wieder bei einem sogenannten Campout mit dabei. Bevor die Gruppe einige Stunden Fußmarsch zu ihrem Protestzeltlager in die Wildnis antrat, waren sie mit Autos aus ganz Utah angereist.

Noch, so scheint es, wollen oder können nicht einmal diejenigen, die am meisten gegen das Öl kämpfen, auf den Rohstoff verzichten. Sollte das noch länger so bleiben, wartet auf die Rohstoff-Jäger am Fuße der Rocky Montains wohl ein gigantisches Geschäft.

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Dies ist der dritte  Teil einer Serie über den Ölboom in den USA. Im ersten Teil ging es um die technischen Fortschritte beim Fracking. Der zweite Teil handelte von den sozialen Folgen und den Gefahren für die Umwelt, die der Ölboom für ein Indianerreservat in North Dakota bedeutet.

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