Die Ölpreis-Revolution: Wie billig kann der Rohstoff noch werden?

Die Ölpreis-Revolution: Wie billig kann der Rohstoff noch werden?

von Nora Marie Zaremba

Der Ölpreis sinkt und sinkt. Wie lange noch, weiß derzeit niemand – ein Erklärungsversuch.

Erdöl erlebt derzeit einen fast beispiellosen Preisverfall. Die Folge: Die Öl-Unternehmen entlassen tausende Mitarbeiter, fahren Investitionen zurück und legen neue Projekte auf Eis.

Interessant an der aktuellen Entwicklung ist, dass die Preise für Erdöl überhaupt auf ein so niedriges Level sinken konnten. Viele Rohstoff-Experten, vor allem unter den Umweltschützern, rechneten in naher Zukunft eher mit Preisen um die 200 Dollar, weil das Öl immer knapper und teurer werde. Derzeit notiert ein Fass aber bei rund 50 Dollar.

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Erleben wir aktuell also eine Ölpreis-Revolution, die dauerhaft niedrige Kosten für den Rohstoff bedeutet? Antworten liefert vielleicht ein Blick auf die drei wichtigsten Förderländer:

Saudi-Arabien: Die falsche StrategieAls Besitzer von rund 16 Prozent der bekannten Ölreserven ist Saudi Arabien der einflussreichste Staat unter den Erdöl fördernden und exportierenden Ländern. In Ölfragen hat das Königreich die Stricke in der Hand. Anstatt allerdings die Produktion zu drosseln, um den Preis anzuheben, tut Saudi Arabien – nichts. Was steckt hinter dieser Strategie?

Eine interessante Interpretation: Saudi Arabien habe erkannt, dass das Zeitalter der fossilen Energieträger vorbei sei. So erklärt der US-Energieexperte Elias Hinckley das Verhalten des Königreichs in einem Beitrag für das Energiejournal Energypost.

Genau deshalb wolle es sein Öl nun schnell loswerden, schreibt Hinckley, bevor ein strenges  Abkommen zum Klimaschutz im Dezember in Paris weiteren Fördervorhaben einen gewaltigen Strich durch die Rechnung mache.

Aus dieser Perspektive macht das Verhalten der Saudis wirtschaftlich definitiv Sinn. Denn in Zukunft könnte der erzielbare Preis pro Barrel Öl noch viel niedriger sein. Also verramschen sie jetzt besser alles. Ob die Strippenzieher in Saudi Arabien aber tatsächlich an das von Hinckley beschworene strenge Klimaabkommen glauben, sei einmal dahingestellt.

Ein Ende des fossilen Zeitalters? Das sei lange nicht in Sicht, sagt dagegen Manuel Frondel, Energieexperte und Professor am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Und so kommt der Experte auch zu einer ganz anderen Einschätzung als sein US-Kollege. “Saudi Arabien hofft vielmehr, die Konkurrenz aus den USA zu schwächen und den Markteintritt anderer potentieller Anbieter von Schieferöl, wie China, Russland oder Kanada, zu verhindern.” Dieser Erklärung schlossen sich die meisten Experten in den vergangenen Monaten an.

Und sie haben wohl auch recht.

Nur zeigt sich derzeit, dass sich die Ölscheichs mit dieser Taktik wohl ziemlich verkalkuliert haben. Denn in Saudi Arabien nahmen die Verantwortlichen wohl an, so berichten es Analysten, dass bei einem Ölpreis von weniger als 75 Dollar die Ölförderung aus Schiefergestein (USA), Teersanden (Kanada) und Tiefseeöl (Brasilien) zusammenbrechen würde. In der Folge würde der Preis weltweit wieder steigen, das Land wäre fein raus.

Dieses Szenario ist aber bisher nicht eingetreten, wie ein Blick in die USA zeigt. Stattdessen handelt sich Saudi Arabien gerade selbst massive Einnahmeverluste aus dem Ölgeschäft ein.

Und es gibt noch einen Denkfehler bei dieser Strategie (sollte es tatsächlich die sein, die das Land verfolgt): Sobald der Ölpreis wieder steigt, legen die Frackingfirmen in den USA und anderswo wieder los; langfristig gewonnen haben die Ölscheichs also nichts.

USA: Die ÜberraschungAuf den ersten Blick schlägt der niedrige Ölpreis jetzt schon auf die Entwicklung in den USA durch. Allein vergangene Woche zogen die Unternehmen 94 Bohrtürme von den Schieferöl-Feldern ab. Die Zahl der aktiven Bohrtürme fiel mit 1223 auf den niedrigsten Wert seit drei Jahren.

Die Folge scheint klar: Die USA fördern künftig weniger Erdöl. Paradox ist aber, dass die Erdölförderung in den USA immer weiter steigt. In der letzten Januarwoche lag die Produktion bei 9,21 Millionen Barrel pro Tag, der höchste Wert seit 1983.

Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Bohrungen im Schiefergestein wegen neuer Technologien immer mehr Öl fördern. Trotz des Rückgangs bei der Anzahl neuer Bohrungen sprudelt also mehr schwarzes Gold.

Wann ein Rückgang der Ölförderung eintreten und wie stark er sein wird, lässt sich deshalb nicht mit Sicherheit sagen – ebenso, ob ein möglicher Förderrückgang in den USA reicht, um die Ölpreise weltweit zu stabilisieren.

Mike Wittner, Ölexperte bei der Bank Societe Generale, rechnet laut dem Nachrichtendienst Bloomberg damit, dass der Ölpreis sogar noch bis auf 30 Dollar pro Fass fallen könnte. Damit wäre wohl keine neue Schieferölbohrung in den USA mehr profitabel. Die Grenze sehen manche Experten bei 35 Dollar, bei vielen Bohrungen liegt sie eher bei dem aktuellen Preis von 50 Dollar.

Ein Aspekt sollte alle, die dachten, die Förderer in den USA würden bei einem niedrigen Ölpreis in die Knie gehen, nachdenklich machen: Die Schieferölförderung kann auf einem Bohrfeld innerhalb von Tagen, ja Stunden, eingestellt werden, um sie später wieder ebenso schnell anzufahren.

Wäre der niedrige Ölpreis tatsächlich so schmerzhaft wie gedacht, müsste die Förderung in den USA tatsächlich jetzt schon zurückgehen – ob weniger Bohrtürme im Einsatz sind, spielt von daher gar keine so große Rolle. Allerdings, entgegnen viele Experten bei diesem Argument: Aktuell würden die Unternehmen auch mit Verlust fördern, um ihre Kredite zumindest teilweise zu bedienen und Pleiten abzuwenden.

Russland: Die Gebeutelten“Die Auswirkungen des fallenden Ölpreises auf Russland sind katastrophal”, sagt Frank Umbach, Leiter des Energiesicherheitsprogramms am Centre for European Security Strategies (CESS) in München.

Ein Beispiel: Putin hat seinen Haushalt für das Jahr 2015 mit einem Ölpreis von mehr als 100 US-Dollar kalkuliert. Zwar wurde dieser Ende 2014 bereits an die 90 Dollar-Marke angepasst, bei der aktuellen Entwicklung steht er dennoch tief im Minus.

Russland hat zwar Erdgas und exportiert auch Steinkohle. Dennoch wird das Land sich unabhängiger von Energieexporten machen müssen. Wie es dabei vorgeht, bleibt die große ungelöste Frage.

“Die Ölpreis-Entwicklung beschleunigt nur, was ohnehin eingetreten wäre. Die russische Wirtschaft hat massive Probleme”, sagt Umbach. Russland habe dafür bisher kein Gegenrezept.

Weil andere Ideen fehlen, kann Russland eigentlich nur hoffen, dass der Ölpreis bald wieder anzieht. Doch diese Hoffnung könnte vergeblich sein, glaubt der Harvard-Experte Leonardo Maugeri.

Denn steigen wird der Ölpreis erst wieder, wenn die derzeit auf Eis gelegten Investitionen auf die Förderung durchschlagen, schrieb er kürzlich in einer Analyse. Das, so Maugeri, könne aber einige Jahre dauern. Denn derzeit seien nur Projekte auf Eis gelegt, die noch in der Planung waren. Dort wo die Förderung kurz bevor stehe, habe es kaum Absagen gegeben.

Am Ende bleibt ein widersprüchliches Bild: Saudi Arabien scheint sich mit seiner Taktik des Preiskampfes verkalkuliert zu haben; die Förderer in den USA zeigen, dass sie auch einen extrem niedrigen Ölpreis durchstehen können; Russland ist ratlos.

Was das für die Entwicklung des Ölpreises bedeutet? Das weiß derzeit wohl niemand genau.

Mitarbeit: Benjamin Reuter

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