Die Stromautobahn war gestern: Jetzt kommt der Strom-Superhighway

Die Stromautobahn war gestern: Jetzt kommt der Strom-Superhighway

von Wolfgang Kempkens

Siemens arbeitet an Stromleitungen, die kaum Verluste aufweisen – und gigantische Mengen Energie transportieren.

Gewaltige Hochspannungsmasten der geplanten Stromautobahnen vom windigen Norden in den energiehungrigen Süden Deutschlands könnten Bayerns schönste Landschaften verschandeln, fürchtet der dortige Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU).

Das ist einer der Gründe, die ihn gegen die Pläne der Bundesregierung Sturm laufen lassen. Doch das Argument der zerstörten Landschaften zieht nicht mehr, wenn eine Entwicklung von Siemens Erfolg hat; und sie auch umgesetzt wird.

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Stromverluste auf ein Minimum reduziertDas Unternehmen aus München arbeitet an einem Höchstspannungs-Gleichstromkabel, das unterirdisch verlegt werden kann. Die Konstruktion lehnt sich an die von Kabeln für die Drehstromübertragung an, die bereits in einigen Regionen verlegt wurden. Sie sind für eine Spannung von 380.000 Volt ausgelegt.

Die neuen unterirdischen Gleichstromleitungen aber müssen mit bis zu 800.000 Volt weitaus mehr verkraften. Bisher verlegte Kabel für Hochspannungs-Gleichstrom befinden sich in den meisten Fällen auf dem Meeresgrund, beispielsweise um Offshore-Windstrom an Land zu transportieren. Spannungen und Leistungen sind hier allerdings deutlich geringer.

Damit sind auch die Verluste größer als bei den Höchstleistungskabeln, an denen Siemens gemeinsam mit Wissenschaftlern der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, der Technischen Universität Berlin und der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden arbeitet.

Als Stromleiter im neuen Kabel fungiert ein Innenrohr aus Aluminium. Ein Zylinder, ebenfalls aus Aluminium, umschließt den Leiter. Damit er stets genau im Zentrum der Hülle bleibt, sind in regelmäßigen Abständen Halterungen aus Gießharz vorgesehen. Als Isolator dient ein Gasgemisch, das den Hohlraum zwischen Leiter und Außenhülle ausfüllt. Ein häufig genutzter Mix ist Hexafluorid und Stickstoff.

Stromverluste drastisch reduziert

Die so genannten Gasisolierten Übertragungsleitungen (GIL) werden nicht einfach verbuddelt, sondern in begehbaren Tunneln verlegt. Damit ist sichergestellt, dass Störungen schnell behoben werden können. Jede Leitung soll eine Leistung von bis zu fünf Gigawatt übertragen können.

Das entspricht fast der Leistung der vier letzten Kernkraftwerksblöcke in Bayern (Grafenrheinfeld, Gundremmingen B und C sowie Isar 2), die bis 2022 abgeschaltet werden müssen. Die Leitungen bilden somit nicht nur eine der viel beschworenen "Stromautobahnen", sondern geradewegs einen "Strom-Superhighway".

Die Superhighways sind nötig, um Windstrom, der vor allem im Norden Deutschlands produziert wird, nach Süden zu transportieren. Sie sollen die fossilen Kohlekraftwerke und Atommeiler vor allem in Bayern ersetzen, die zusammen eine Leistung von insgesamt rund 10.000 Megawatt haben.

Da der Strom über hunderte Kilometer transportiert wird, wird er in Höchstspannungs-Gleichstrom umgewandelt und in dieser Form auf die lange Reise geschickt. Verglichen mit der üblichen Drehstromübertragung reduzieren sich die Verluste um bis zu 50 Prozent, je nach der gewählten Spannung des Gleichstroms.

Die Stromautobahnen könnten in Regionen, in denen sie optisch nicht stören, als Freileitungen verlegt werden. Streckenweise könnten sie in Tunneln verschwinden, um besonders reizvolle Landschaften nicht zu zerstören. Eine Verlegung aller Leitungen in Tunnel ist kaum denkbar, denn diese Variante ist bei einer Gesamtlänge der Stromautobahnen von 3000 Kilometern bis zu 16 Mal teurer als Freileitungen.

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