„Divestment ist riskant“: Wie die Fossil-Lobby gegen den Abstieg kämpft

„Divestment ist riskant“: Wie die Fossil-Lobby gegen den Abstieg kämpft

von Susanne Ehlerding

Investoren sollen ihr Geld aus fossilen Technologien abziehen. Gegen dieses Divestment wehrt sich nun die Industrie.

Die Einsicht ist simpel, überzeugend und verbreitet sich schnell: Kohle muss in der Erde bleiben, weil ihre Verbrennung CO2 produziert, was schlecht fürs Klima ist.

Damit das auch geschieht, sollten Investitionen aus fossilen Unternehmen so schnell wie möglich abgezogen werden. „Divestment“ heißt das auf Englisch.

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Bill McKibben und seine Organisation 350.org sind die großen Treiber hinter der Divestment-Kampagne, für die sie 2014 den alternativen Nobelpreis bekamen.

Initiativen wie Carbon Tracker liefern Argumente vom Finanzmarkt, fortschrittliche Unternehmer unterstützen die Idee mit dem Carbon War Room.

Hunderte Städte und Institutionen sind dem Ruf gefolgt und haben sich dem Divestment verpflichtet. Eine aktuelle Übersicht gibt es bei Fossil Free. Auch in Deutschland läuft derzeit eine Kampagne, die den Berliner Senat auffordert, sich aus Kohle-, Öl- und Gasunternehmen zurückzuziehen.

Birgt Divestment Risiken für Investoren?Doch nun meldet sich die fossile Industrie zu Wort. Argumente gegen ein Divestment liefert ihnen Daniel Fischel, Leiter des Beratungsunternehmen Compass Lexecon. Der Titel seiner Studie, die im Auftrag der Independent Petroleum Association of America entstand, lautet: Fossil Fuel Divestment: A Costly and Ineffictive Strategy.

Fischel argumentiert rein ökonomisch. Ein Divestment setze die Investoren folgenden drei Risiken aus: Es entstünden Kosten für das Umschichten der Vermögenswerte, etwa durch Provisionen für Zwischenhändler.

Dann sei das Portfolio nach dem Ausstieg aus Fossilen nicht mehr so breit gestreut, was die Rendite schmälere.

Schließlich müsse ein Umstieg in andere Unternehmen den Compliance-Regeln des Investors genügen. Diese Prüfung verursache weitere Kosten. Fischel hält den ökonomischen Nutzen eines Divestements deshalb für schlecht definiert und unsicher – „wenn er denn überhaupt existiert“.

Was der Menschheit ohne fossile Energieträger droht, zeigt dieses Anti-Divestment-Kampagnenvideo auf unfreiwillig komische Weise:

Investoren fahren mit fossilen Unternehmen an die WandDamit bedient er sich desselben Argumentes, mit dem Divestment-Befürworter ins Feld ziehen: Sie warnen davor, dass die Kohleblase platzen könne.

Mit immer strengeren weltweiten Regeln zur CO2-Reduktion sinke auch der Wert von fossilen Unternehmen. Aus ihnen solle man sich besser zurückziehen, damit die eigenen Vermögenswerte nicht mit ihnen untergingen.

Denn schon heute übersteigen die bekannten Reserven an Öl und Kohle die Menge, die noch verbrannt werden darf, wenn das Zwei-Grad-Ziel der Erderwärmung nicht überschritten werden soll.

Auf die von Fischel beschriebenen Risiken geht Joshua Hill vom Guardian ein. Die Zeitung hat selbst eine Kampagne gegen Investitionen in fossile Energieträger ausgerufen.

Der Guardian kontert: Unzulässige AnnahmenHill schreibt, Fischel mache unzulässige Annahmen. Die Kosten für das Umschichten der Vermögenswerte könnten durch Einkünfte aus anderen Investments ausgeglichen werden. Davon abgesehen könnte man Mehrkosten in Kauf nehmen, um damit eine moralische Aussage zu machen.

Ein Divestment bedeute auch nicht automatisch, die Vorteile eines breit gestreuten Portfolios zu verlieren. Diese würden höchstens gemindert.

Den Blick auf die Compliance-Kosten hält Hill für berechtigt. So hatte der Rockefeller-Fonds bei der vielbeachteten Ankündigung seines Divestments berichtet, wie er den Ausstieg über Jahre vorsichtig vollziehen will.

Gerade solche Kosten würde ein Investor mit ethischen Prinzipien jedoch gern übernehmen, meint Hill. Alternative Investments versprächen außerdem eine bessere Rendite als fossile Unternehmen, die jedes Jahr mehr an Wert verlören.

Mehr Kohlestrom wegen globalem Energiehunger?Nun kämpft die Fossil-Branche natürlich um Boden. So hatte die World Coal Association vergangenen Februar dazu aufgefordert, mehr in Kohle zu investieren, statt weniger. Ihr Argument: Noch seien 1,3 Milliarden Menschen weltweit ohne Zugang zu Elektrizität.

Der weltweit steigende Energiehunger sei nur zu befriedigen, wenn alle Energieträger genutzt würden.

Das widerlegen eine Handvoll Studien, die auf der Website Clean Technica verlinkt sind. Bis zum Jahr 2030 ist es demnach möglich, den Strombedarf der Welt mit sauberen Technologie zu decken.

Bis 2050 könnten zusätzlich auch Verkehr und Wärme zu 95 Prozent auf der Basis von Erneuerbaren funktionieren.

Das wird allerdings nicht von selbst geschehen. Der Umstieg auf erneuerbare Technologien bedarf eines politischen Willens – genau wie der Ausstieg aus der Kohle.

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