E-Mobilität: EU-Plan für tausende Ladestationen ist Aktionismus

E-Mobilität: EU-Plan für tausende Ladestationen ist Aktionismus

von Benjamin Reuter

Die EU fordert von Deutschland 150.000 Ladestationen für Elektrofahrzeuge zu bauen. Der Plan muss scheitern.

Für Zurückhaltung in Fragen der Regulierung und Vorgaben ist Brüssel nicht bekannt. Das wird auch in einem Papier deutlich, das die Europäische Kommission laut Süddeutscher Zeitung (SZ) heute in Brüssel vorstellt. In der Veröffentlichung wollen die Bürokraten aufzeigen, wie alternativen Antrieben in der EU zum Durchbruch verholfen werden kann.

Die Eckpunkte des Papiers waren schon gestern an die SZ durchgesickert. Die Zeitung zitiert sie wie folgt:

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- „Allein in Deutschland sollen demnach bis 2020 rund 150.000 öffentlich zugängliche Ladestationen zur Verfügung stehen - derzeit sind es gut 2000.“- „Europaweit könnten Besitzer von Elektroautos damit an einer halben Million öffentlicher Orte ihr Fahrzeug am Stromnetz aufladen.“- Auch einen Standard für den Stecker will Brüssel festlegen: „Der in Deutschland bereits verwandte "Typ 2" soll europaweit zur Norm werden.“- Auch für erdgasbetriebene Schiffe, LKW und PKW fordert die Kommission laut SZ den Ausbau der Infrastruktur- Bezahlen soll die neue Infrastruktur zunächst einmal der Privatsektor.

Eine gute Idee könnte man meinen. Denn mangelt es nicht neben Elektroautos auch an den entsprechenden Lademöglichkeit? Aber: Wer zig tausende Ladestationen für Stromer in Europa fordert, um damit das berühmte „Henne-Ei-Problem“ zu lösen, hat die wahren Hindernisse für die Elektromobilität nicht verstanden. Denn die größte Hürde für einen Durchbruch der E-Autos ist nicht mangelnde Infrastruktur, sondern die Tatsache, dass die Autos immer noch zu teuer und die Reichweiten zu gering sind.

Noch hakt es an der TechnikEs gibt durchaus berechtigte Hoffnung, dass sich diese Probleme in Zukunft lösen. Die Frage ist nur: Bekommen die Autobauer das vor 2020 in den Griff oder doch erst ein paar Jahre später? Eine seriöse Antwort kann derzeit niemand geben. Zwar gibt es stetig Verbesserungen bei den Batterien, sowohl beim Preis als auch bei der Reichweite. Aber die Industrie bewegt sich hier in Trippelschritten vorwärts. Große technologische Sprünge sind nicht zu erwarten.

Dazu passt die aktuelle Aussage von Bernd Bohr, Chef der Auto-Sparte von Bosch, gegenüber der Zeitschrift Automobilwoche: “Ich bin froh, dass wir derzeit keine größere Produktion von Zellen für Antriebsbatterien haben.” Bosch rechnet erst nach 2020 mit einem echten Boom. Zurzeit kämpft das Unternehmen mit Überkapazitäten von 100 Prozent, so die Zeitschrift.

Versuchen wir es dennoch mit einer Prognose: Vielleicht werden 2020 E-Autos sogar genau so viel kosten wie herkömmliche Benziner – ihre Reichweite wird aber dennoch nicht signifikant über die derzeit möglichen 150 Kilometer gewachsen sein. Große Reichweite und niedriger Preis – beides zusammen wird nicht zu haben sein.

Was folgt daraus? Wer mit seinem Stromer weiter fahren will, wie derzeit schon mit dem Tesla zum Beispiel, zahlt einen saftigen Aufpreis für ein größeres Akkupack. Der Nachteil bleibt also. Viele Kunden werden sich deshalb lieber für die Kilometerfreiheit des Benziners oder eines Hybrids entscheiden. Sei es auch nur wegen der Fahrt in den Urlaub oder am Wochenende ins Ferienhaus.

Ein Blick in die USA lohntSicher, einige Technik-Enthusiasten, Fuhrparkmanager und wohlhabende Lohas werden dennoch im Autohaus die Stromer wählen. Aber für die vorsorglich 150.000 Ladestationen aufzustellen? Um beim Bild von der Henne und dem Ei zu bleiben: Die Idee der EU-Kommission setzt Eier in die Welt, ohne eine Henne zu haben. Das klingt schräg – und das ist es auch.

Man könnte nun einwenden: Aber die deutsche Regierung plant doch mit mehr als einer halben Millionen Elektrofahrzeugen bis 2020. Und die spanische Regierung sogar mit 2,5 Millionen. Die ganzen Autos müssen doch irgendwo laden. Auch die Industrie hofft bis 2020 auf einen Boom der Stromer. Nur: Die sind nicht in Massen durch Ladestationen auf die Straße zu bekommen, sondern durch überzeugende Technik, die gleichzeitig bezahlbar ist. Und an ihr fehlt es derzeit und wohl auch in den kommenden Jahren noch.

Und noch einen weiteren Haken hat das Papier: Bezahlen soll die Ladestationen der Privatsektor. Es scheint sich noch nicht bis Brüssel herumgesprochen zu haben, dass derzeit kein Geschäftsmodell existiert, um die Stationen profitabel zu betreiben. Die Bürokraten sollten sich eher fragen: Warum werden im Vergleich mit Europa in den USA mehr als doppelt so viele Hybrid- und Elektroautos verkauft?

Nachtrag der Redaktion am 25. Januar: Die genauen und offiziellen Zahlen der EU Kommission finden sich hier.

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