Effizienzziele für 2030: Europa streitet, wie viel Energie es künftig sparen will

Effizienzziele für 2030: Europa streitet, wie viel Energie es künftig sparen will

von Benjamin Reuter

Strom, Treibstoffe und Wärmeenergie: Die EU-Staaten streiten über Effizienzziele, obwohl Milliarden gespart werden könnten.

Die billigste Energie ist die, die nicht verbraucht wird. Deshalb gilt Energieeffizienz als eines der wichtigsten Mittel gegen steigende Preise für Treibstoffe, Strom und Wärme und als zentrales Werkzeug für den Klimaschutz. Bei der Umsetzung aber tun sich Verbraucher, Wirtschaft und Regierungen gleichermaßen schwer.

Schade eigentlich, denn das wirtschaftliche Potenzial ist gewaltig: Sparen Verbraucher EU-weit nur ein Prozent Energie, dann kommt das dem Energiegehalt von umgerechnet 40 Millionen Tonnen Erdöl gleich – und einem Wert von mehreren Milliarden Euro.

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40-Prozent-Ziel unwahrscheinlichDerzeit aber streiten EU-Experten in Brüssel und in den Mitgliedsstaaten über die Einsparziele bis zum Jahr 2030 – und darüber, ob es überhaupt welche geben soll. Das Thema steht auch auf der Agenda der Regierungschefs Europas auf dem derzeit stattfindenden EU-Gipfel.

Bis 2020 hat sich die EU zum Ziel gesetzt, zwanzig Prozent weniger Energie zu verbrauchen. Umweltverbände und Vertreter der Energieeffizienzbranche wie die deutsche Deneff fordern eine Erhöhung des Ziels auf 40 Prozent bis 2030. Dieses Ziel empfehlen auch die EU-Parlamentarier. Immerhin, so glauben auch manche EU-Abgeordnete, könnte Europa dann auf russische Gasimporte verzichten.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger hält dieses Ziel für zu hoch gegriffen, wie er WiWo Green am Rande der Sustainable Energy Week (Eusew), bei der Experten und Politiker in Brüssel zusammenkommen, um über Europas Energiezukunft zu diskutieren, sagte: "Demokratie bedeutet, dass am Ende eines Prozesses Mehrheiten herauskommen. Wir müssen deshalb ambitioniert aber auch pragmatisch sein."

Der Hintergund: Die Mehrheit der Mitgliedstaaten, nämlich 21, ist derzeit laut Oettinger gegen konkrete Einsparziele. Sie hätten lieber eine Vereinbarung für eine Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes – wie der erreicht wird, ob über Effizienz oder CO2-freie Energieträger, bliebe jedem der Mitgliedsstaaten selbst überlassen. Unter den Befürwortern eines konkreten Einsparzieles sind derzeit Einsparungen zwischen 27 und 40 Prozent in der Diskussion.

Problem der BerechnungEin weiteres Problem ist laut Oettinger grundsätzlicher Natur. "Eine zentrale Frage bei den Einsparzielen ist, welche Berechnungsgrundlage man nimmt. Nehmen wir das Jahr 2007 als Ausgangspunkt für die 40 Prozent Einsparungen oder 2020? Die 40 Prozent bedeuten für jeden etwas anderes."

Tatsächlich ist es so, dass sich die Einsparziele der EU für 2020 an einem Business-as-usual Szenario orientieren. Sprich, die Experten in Brüssel berechneten 2007, wie hoch der Energieverbrauch im Jahr 2020 sein würde, wenn man keine zusätzlichen Effizienzanstrengungen unternimmt. Dieser Wert wurde dann als Referenz für die Einsparungen genommen.

Problem ist nun, dass die Experten die Ziele für 2020 vor der Finanzkrise berechneten und von einem vergleichsweise hohen Wirtschaftswachstum in Europa ausgingen. Entsprechend stark wäre der Energieverbrauch gestiegen.

Da Europa im Zuge der Finanzkrise in eine Rezession fiel, stagnierten Wirtschaft und Energieverbrauch. Europa muss real also sehr viel weniger Energie einsparen (nur rund zehn statt zwanzig Prozent, schätzt Oettinger), um auf die 2007 festgelegten Ziele kommen.

Erstmals Energieverbrauch und Wachstum entkoppeltAber schon das 20-Prozent-Ziel für 2020 droht wohl verfehlt zu werden, wie Oettinger im Gespräch einräumt. Derzeit prüfen seine Experten die bisherigen Anstrengungen. Am Ende könnten die Berechnungen wohl nur 18 oder 19 Prozent Einsparungen bis 2020 zeigen.

Dennoch sehen die für Energiefragen Zuständigen in der Europäischen Kommission die Entwicklung insgesamt positiv. Marie Donnolly, die den Bereich Erneuerbare Energie und Effizienz im Beratungsgremium der EU-Kommission leitet, sagt: "Wir haben es in den vergangenen Jahren zum ersten Mal in Europa geschafft, Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln. Wir sind damit weltweit vielleicht die erste Region, die das erreicht hat." Das bedeutet: Europa kann seinen Wohlstand steigern, ohne dafür mehr Öl, Gas oder Kohle zu verbrennen.

Werkzeuge, um die Einsparungen zu erreichen, hat die EU einige: Sie kann Autos Kraftstoffeinsparungen vorschreiben, sparsamere Haushaltsgeräte fördern, Vorgaben für den Energieverbrauch von Gebäuden machen und vieles mehr.

Vor allem der Energieeffizienz in Gebäuden kommt eine tragende Rolle zu, da rund 40 Prozent des Energieverbrauchs in der EU dort anfallen – vor allem für die Heizung oder Kühlung.

Versorgungssicherheit derzeit zentrales ThemaWie Häuser künftig sparsamer sein können, zeigt zum Beispiel die Initiative "Superhomes" in Großbritannien. Sie versammelt auf einer Webseite Praxisbeispiele von Hausbesitzern, die ihren Ausstoß von Treibhausgasen unter anderem durch mehr Energieeffizienz um 60 Prozent senken.

Dabei muss der energieeffiziente Umbau nicht immer aufwendig sein. Mehr als 40 Prozent der Gebäude haben laut EU-Erhebung noch einfach verglaste Fenster. Würden sie gegen besser isolierende ausgetauscht, wäre schon viel gewonnen.

Dass in Brüssel derzeit das Thema Energieeinsparungen ganz oben auf der Agenda steht, liegt auch an der Krise in der Ukraine. Die EU-Kommission plant, das gesamte europäische Erdgasnetz einem Stresstest unterziehen, um die Auswirkungen einer Unterbrechung der Gaslieferungen aus Russland zu untersuchen. Insgesamt ist die EU für ihre Energieerzeugung zu mehr als 50 Prozent von Importen abhängig. Die Kosten für die jährlichen Einfuhren von Kohle, Öl und Gas: Mehr als 400 Milliarden Euro.

Mittlerweile gibt es auch genauere Berechnungen, was die Effizienzziele der EU bringen würden. Laut einem internen Bericht würde das 40-Prozent-Ziel allein in der Chemieindustrie ein zusätzliches Beschäftigungswachstum von vier Prozent schaffen und Erdgasimporte um rund 40 Prozent senken.

Marie Donnelly überzeugen diese Berechnungen allerdings nicht. "Die Investitionen, um bis 2030 vierzig Prozent Energieeinsparungen zu schaffen, würden sich finanziell nicht rentieren", sagt sie. Deshalb sei dieses Ziel bei den Mitgliedsstaaten kaum durchsetzbar. Vor allem Großbritannien sperrt sich gegen konkrete Vorgaben.

Spätestens im Herbst soll es in Brüssel eine Entscheidung darüber geben, was sich die Union im Bereich Energieeffizienz bis 2030 vornimmt. Dass sich ein Engagement lohnt, ist dabei klar. Laut Günther Oettinger könnten Verbraucher in der EU allein mit sparsameren Elektrogeräten bis 2020 den Stromverbrauch um rund 600 Terawattstunden reduzieren – das entspricht ungefähr dem Jahresverbrauch Deutschlands.

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