Energie: Abwasser könnte Millionen Haushalte heizen

Energie: Abwasser könnte Millionen Haushalte heizen

von Felix Ehrenfried

Eine deutsche Firma gewinnt aus Abwasser Wärmeenergie. Auch der französische Präsident nutzt das Verfahren inzwischen - das Potenzial ist riesig.

Wenn Mark Biesalski von Energie aus Abwasser spricht, gerät der Mann mit dem dunklen Haar und dem schwarzen Rollkragenpullover ins Schwärmen: „Mit dieser Technik könnte theoretisch jedes dritte Gebäude in Deutschland mit Wärmeenergie versorgt werden.“ Biesalski ist Geschäftsführer der Uhrig Kanaltechnik GmbH, einer Firma mit Sitz in Geisingen im Südwesten Deutschlands.

Das Unternehmen hat sich auf die Energiegewinnung aus Abwasser spezialisiert und bietet damit eine ökologische Energiegewinnungstechnik an, die bisher kaum öffentliche Aufmerksamkeit erreichen konnte. „Es wird viel von Energie aus Wind, Sonne und Wasser gesprochen, dass man jedoch auch mithilfe einer bestehenden Infrastruktur, nämlich dem Kanalnetz Energie gewinnen kann, wissen viele nicht“, so Biesalski.

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Die Technik seines Unternehmens funktioniert ähnlich wie eine Solaranlage zur Erhitzung von Wasser, jedoch erwärmt Abwasser statt Sonne das Frischwasser: Auf dem Boden des Abwasserkanals wird ein Wärmetauscher verlegt. An dessen Oberfläche strömt das Abwasser entlang, an der Unterfläche schlängelt sich Frischwasser durch viele kleine Kanäle, sodass es von dem noch warmen Abwasser erwärmt wird. Eine Wärmepumpe nimmt das erwärmte Frischwasser auf und wandelt dieses in Wärmeenergie um.

Durch diesen Vorgang sinkt die Temperatur des Frischwassers. Dann wird es wird erneut in den Abwasserkanal abgeleitet und der Kreislauf beginnt von vorne. Diese Art der Energiegewinnung hat nach Angaben von Uhrig eine sehr hohe Effizienz: „Wir sprechen dabei in der Regel von einer Jahresarbeitszahl der Stufe vier, andere Systeme wie beispielsweise Erdwärme haben meist lediglich einen Jahresarbeitszahl der Stufe drei“, so Biesalski. Die Jahresarbeitszahl gibt an, wie viel Wärmeenergie aus einem Teil von außen zugeführter, meist elektrischer, Energie erzeugt werden kann. So kann diese Technik aus einem Teil Strom vier Teile Wärmeenergie erzeugen.

Strom und Wärme für Millionen HaushalteDer Effizienzunterschied zwischen den Techniken sei auf die Temperaturunterschiede zwischen Abwasser und Erdwärme zurück zu führen. Im Winter sei in 50 bis 100 Metern Tiefe meist lediglich eine Temperatur von sieben Grad zu finden, wobei das Abwasser zur selben Zeit rund zehn Grad Celsius aufweist, so Biesalski.

Anwendbar ist die Technik jedoch nicht überall. „Damit Abwasser als sichere Wärmequelle genutzt werden kann, braucht man einen gewissen Abwasserfluss“, so Biesalski, „den man ab ungefähr 3000 Haushalten erreicht.“ In Städten sollte das Heizen durch Abwasser damit kein Problem sein. So konnten Uhrig und sein Team bisher zahlreichen, auch größeren Gebäuden eine neue, umweltverträgliche Form der Beheizung schaffen: „Der Élysée-Palast in Paris wird mit Abwasserenergie beheizt, ebenso Teile des Neubaus des Bundesumweltministeriums“, sagt Biesalski. Ebenso sei diese Form der Energiegewinnung in Wohngebieten in Hamburg und München zu finden.

Für die Zukunft hofft die Uhrig Kanaltechnik auf einen weiteren Ausbau der Energiegewinnung aus Abwasser und hat dabei eine große Vision: „Würde man die Wärme des Abwassers, welche bei industrieller Produktion anfällt ebenfalls in das Kanalnetz einleiten, wäre die Temperatur und Wassermenge wesentlich höher und man könnte theoretisch jedes dritte Gebäude in Deutschland mit dieser Technik beheizen“, rechnet Biesalski vor. Heute ist nach seinen Angaben eine Beheizung jedes zehnten Gebäudes technisch umsetzbar.

Bis es soweit ist, ist es jedoch ein weiter Weg. Da die Technik auf das Interesse der Kanalbetreiber und damit die öffentliche Hand angewiesen ist, bleibt abzuwarten, wie sich die neue Form der Energiegewinnung durchsetzen wird. Von Francois Hollande zumindest, dem französischen Präsidenten im Pariser Éysée-Palast, kamen bisher keine Beschwerden.

Nachtrag 16. Januar: Nicht ein Drittel der Haushalte in Deutschland können mit der Technik beheizt werden, sondern ein Drittel der Gebäude. Die entsprechenden Stellen im Text wurden geändert.

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