Energie: Bodensee soll zur Heizung werden

Energie: Bodensee soll zur Heizung werden

von Wolfgang Kempkens

Der Bodensee könnte künftig bis zu 300.000 Häuser an seinen Ufern heizen und mit Warmwasser versorgen – Behörden erteilten der Nutzung nun grünes Licht.

Der Bodensee bestimmt das Klima im Dreiländereck zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. In heißen Sommern sorgt er für eine Kühlung der Luft, im Winter mildert er dessen Strenge. An einigen wenigen Stellen entnehmen Anwohner, darunter die Universität Konstanz, mit Sondererlaubnis Wasser, um es mit Hilfe von Wärmepumpen auf ein höheres Temperaturniveau zu hieven, sodass sie es zum Heizen und für die Warmwasserbereitung nutzen können.

Neuanlagen zur thermischen Nutzung der Energie des Seewassers waren bisher verboten. Das hat sich jetzt geändert. Die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) hat kürzlich den Weg für eine umfassende Nutzung frei gemacht.

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Große Badewanne wird zur HeizungAlfred Wüest, Professor für Physik Aquatischer Systeme an der Schweizer Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, sieht den Bodensee als „große Badewanne, mit großen Städten als Energieabnehmer außen herum“. Bis zu ein Gigawatt Leistung sollen die Anrainer nutzen dürfen, so die IGKB, der Experten aller Bodensee-Anrainerstaaten angehören. Das würde zum Heizen von rund 300.000 Einfamilienhäusern reichen, glauben die Experten. Im Sommer soll das Wasser dann zum Klimatisieren von privaten und geschäftlichen Gebäuden dienen.

Die Zahl der Befürworter einer stärkeren Nutzung des Bodenssees zur Energiegewinnung ist groß. Selbst Umweltschutzorganisationen wie der BUND und der grüne baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller finden das gut. „Dies ist ökologisch und ökonomisch von Vorteil, weil dabei kostenlose Umweltenergie genutzt wird“, sagte der Minister der „Stuttgarter Zeitung“.

Bei den Kritikern vom Internetportal Energiezukunft.eu klingt das anders. „Ob die Felchen (schmackhafter Bodenseefisch) das auch so sehen, wenn es dann vielleicht schon mal wärmer wird im See?“, heißt es dort zu dem Vorhaben.

Österreich und Schweiz als VorbildAllzu hoch werden die Temperaturen allerdings nicht steigen. Die Kommission hat festgelegt, dass das Wasser, das nach der sommerlichen Nutzung in den See zurückgepumpt wird, nicht wärmer sein darf als 20 Grad Celsius. Außerdem wird es in einer Tiefe von 20 bis 40 Metern eingeleitet. Abgezapft werden darf es nur an der Oberfläche. Die Durchschnittstemperatur des Sees würde laut IGKB um allenfalls 0,2 Grad steigen.

In Österreich und vor allem in der Schweiz wird die Energie von Binnenseen bereits intensiver genutzt. So versorgt sich das Bregenzer „Seehotel am Kaiserstrand“ mit Bodensee-Wasser zur Klimatisierung. Dazu reicht im Prinzip eine Pumpe, die das Wasser durch die Kühlanlagen in den Räumen presst.

Das Heizen im Winter ist technisch aufwändiger. Meist elektrisch betriebene Wärmepumpen erhöhen das Temperaturniveau von 10 bis 15 auf 40 bis 60 Grad Celsius. Bis zu vier Fünftel dieser Energie stammt aus dem Bodensee, der Rest aus dem öffentlichen Stromnetz oder aus einer eigenen Solaranlage mit Pufferbatterie (die allerdings im Winter nur wenig Strom produziert).

Mit der umfassenden energetischen Nutzung hat das Bodensee-Wasser künftig eine zweite große Aufgabe. Schon seit rund 60 Jahren versorgt es per Fernleitung vier Millionen Menschen im Großraum Stuttgart mit Trinkwasser.

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