Energie: Der überschätzte Boom bei Gas und Öl

Energie: Der überschätzte Boom bei Gas und Öl

von Sebastian Matthes

Der Fracking-Boom könnte laut einer neuen Studie bald am Ende sein. Dann fangen unsere Energieprobleme erst richtig an.

Wir stehen nicht nur vor einem neuen Gas-Boom - neue Fördertechniken wie das Fracking ermöglichen auch einen Zugriff auf bislang unerreichbare Ölreserven. Die weltweiten Energieprobleme sind damit zwar nicht für immer gelöst, aber zumindest auf Jahre hinausgeschoben. Ein neues Zeitalter billiger Energie beginnt. So oder so ähnlich lasen sich viele Studien in den vergangenen Monaten. Die USA werde schon bald zu einem Energie-Exporteur, jubelte zuletzt die Internationale Energie Agentur (IEA).

Doch nicht alle Experten blicken derart optimistisch in die Zukunft. Das internationale Wissenschaftler-Netzwerk Energy Watch Group kommt in einer neuen Studie (hier als PDF) zu dem Ergebnis, dass Öl und Gas sogar schneller zu Neige gingen, als bislang von Experten angenommen. Selbst das Fracking könne diese Entwicklung kaum stoppen.

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Die Wissenschaftler zeichnen ein düsteres Bild: Empirische Daten belegen, so schreiben sie, “dass die Erdölförderung im Jahr 2005 einen weltweiten Höhepunkt erreicht hat”. Das bestätigte auch die IEA in verschiedenen Studien. Damit habe die Menschheit den Zustand des Peak Oil offiziell überschritten. Bereits seit 2008 sinkt zudem die Menge des geförderten Öls aus konventionellen Quellen. Daher suchen Unternehmen und Staaten immer dringlicher nach neuen Reserven.

Doch meist seien neue Felder kleiner und aus geologischen Gründen ist die Förderung dort oft wesentlich teurer.

Die dramatische Folge sei, folgert die Studie, dass die weltweite Erdölförderung 2030 um etwa 40 Prozent gegenüber 2012 sinken wird. Tritt diese Prognose ein, hätte das dramatische Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Auch an der Euphorie über den neuen US-Ölboom lässt die Energy Watch Group kein gutes Haar. Es bestehe eine große Wahrscheinlichkeit, “dass die Förderung von leichtem „tight oil“ 2015 – 2017 das Fördermaximum erleben und danach zurückgehen wird.” Am Ende werde sich eine “deutlich überschätzte Blase zeigen” (WiWo Green berichtete dazu auch an anderer Stelle). Hoffnung gebe es wenig, denn selbst die Entwicklung neuer Ölfelder in der Tiefsee (Offshore) bleibe weit hinter den Erwartungen zurück, die vor zehn Jahren geweckt wurden.

Wenig Hoffnung für Schiefergas

Beim Gas sieht es laut Energy Watch Group nicht viel besser aus. Sowohl in Europa wie auch in den USA sinken die Förderraten konventioneller Gasreserven. Das könne auch der Schiefergasboom nicht ausgleichen, stellen die Forscher fest. Denn die Förderung mit Hilfe des sogenannten Frackings liege schon heute nahe seines Fördermaximus. Wahrscheinlich schon 2015 werde in den USA ein Förderrückgang beim Schiefergas  beginnen - 2030 dann werde die Gasförderung der USA “vermutlich deutlich unter dem heutigen Niveau liegen”, schreiben die Forscher.

Deutschland verlässt sich ohnehin lieber auf das russische Gas. Doch auch dort ist die Gasförderung laut der Energy Watch Group auf den größten Feldern bereits rückläufig. Neue Funde würden den Rückgang nicht ausgleichen.

Zudem steigt, was oft übersehen wird, der Gasverbrauch auch in Russland selbst. Zugleich importieren asiatische Länder mehr russisches Gas. “Aus diesem Grund ist es wahrscheinlich, dass der Erdgasbezug Europas nicht im heutigen Maße aufrechterhalten werden kann”, schreiben die Forscher. Selbst Iran und Katar können künftig nicht mehr unbedingt einspringen. So seien die Gasfelder in Katar teils “deutlich zu hoch bewertet”, schreiben die Forscher.

Nicht beachtet haben die Forscher dabei allerdings aktuelle Entwicklungen rund um den Abbau von Methan-Hydrat im Meer, was japanischen Forschern unlängst glückte. Sollte es gelingen, dieses Verfahren massenhaft anzuwenden und die Kosten erheblich zu senken, könnte allein dadurch ein völlig neuer Gas-Boom auf dem Meer beginnen und die drohenden Rohstoff-Lücken auf dem Land schließen. Doch so weit sind die Wissenschaftler noch nicht.

Wer glaubt, bis es soweit sei, könne die Menschheit ihre Energie immer noch mit Hilfe von Kohle und Atom gewinnen, kann sich offenbar leicht täuschen: Laut der Energy Watch Group wird auch die maximale Fördermenge von Kohle bereits 2020 erreicht sein und anschließend sinken.

Bei der Uran-Versorgung ist die Lage laut der Energy Watch Group noch prekärer. Weil die weltweite Uran-Fördermenge bereits 1980 erreicht gewesen sei, “besteht ein Risiko, dass bereits in diesem Jahrzehnt die Versorgung der Kernkraftwerke auf Versorgungsengpässe stoßen könnte”, warnen die Forscher.

Vollzieht sich die Entwicklung tatsächlich wie in der Grafik weiter oben prognostiziert, kann eine Wende hin zu erneuerbaren Energiequellen in jedem Fall keine schlechte Idee sein.

Die Energy Watch Group ist ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Parlamentariern. Das Projekt wird unterstützt durch die Ludwig-Bölkow-Stiftung und die Reiner Lemoine Stiftung. Die Energy Watch Group beauftragt Wissenschaftler mit der Erstellung von Studien und Analysen unabhängig von politischer oder ökonomischer Einflussnahme. Dabei beschäftigen sie sich mit der Verknappung fossiler und nuklearer Energieträger sowie Szenarien zur Einführung regenerativer Energieträger. 

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