Energie: Solarstrom jetzt auch in Deutschland billiger als Kernenergie

Energie: Solarstrom jetzt auch in Deutschland billiger als Kernenergie

von Benjamin Reuter

Lohnt es sich noch, neue Kernkraftwerke zu bauen? Nein, denn Solarzellen liefern inzwischen günstiger Strom als neue AKW.

Nun ist der Zeitpunkt gekommen auf den viele Atomkraftgegner jahrelang gehofft und den Anhänger der Sonnenenergie ebenso lange versprochen haben: Eine Kilowattstunde aus Solarmodulen ist in einigen Wochen in Deutschland erstmals günstiger, als eine Stromeinheit aus einem neuen Atomkraftwerk.

Denn zu Anfang Oktober sinkt die Einspeisevergütung für große Solaranlagen und solche auf Freiflächen auf unter zehn Cent pro Kilowattstunde (Spiegel Online hatte am Wochenende darüber berichtet). Für eine Kilowattstunde aus neuen AKW-Reaktoren wie sie der französische Stromversorger EDF derzeit nahe dem englischen Bridgwater plant, verlangt EDF angeblich eine Einspeisevergütung von mehr als elf Eurocent - und das über 35 Jahre. Die britische Regierung bietet derzeit 9,3 Cent.

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Der endgültige Preis für eine Kilowattstunde Atomstrom könnte in England am Ende genau in der Mitte bei etwas mehr als zehn Cent liegen. Genau so viel, wie die britische Regierung an Einspeisevergütung für Windanlagen an Land bezahlen will - und etwas mehr, als die günstigste Solarkraft in Deutschland kostet.

Insgesamt soll das EDF-Projekt Hinkley Point C gigantische 14 Milliarden Pfund (ca. 16,3 Milliarden Euro) Baukosten verursachen - der Preis für den Betrieb und die Entsorgung des Mülls sind da noch nicht einmal eingerechnet. Die zwei geplanten Reaktoren werden eine Leistung von 3200 Megawatt haben. Zum Einsatz kommt die sogenannte EPR-Technik, eine neue Generation von Reaktoren, die besonders sicher sein soll. Billig ist sie auf alle Fälle nicht.

Erneuerbare bald billiger als KohleAber die Einspeisevergütung ist die nicht einzige Hilfe, die die englische Regierung dem französischen Konzern gewährt. Auch zehn Milliarden Pfund an finanziellen Sicherheiten hat sich EDF gesichert, um leichter Investoren für das Projekt zu finden. Scheitert das Mammutvorhaben, sind also die britischen Steuerzahler in der Pflicht.

Die Kosten für das EDF-Projekt zeigen deutlich: Wer heute noch mit Kernkraft Geld verdienen will - EDF rechnet mit einer Rendite von zehn Prozent - muss für seinen Strom mehr verlangen als Betreiber von Solar- und Windanlagen.

Ein weiteres Beispiel dafür ist der schon länger geplante und im Bau befindliche finnische Reaktor Olkiluoto (siehe Aufmacherbild). Er soll mit Kosten zwischen sechs und elf Milliarden Euro im günstigsten Fall Strom für sieben Cent die Kilowattstunde produzieren, wie das konservative US-Breaktrough Institut schätzt. Greenpeace rechnet auch hier eher mit Kosten von elf Cent pro Kilowattstunde (Studie als PDF).

Dass Solar günstiger als Kernkraft ist, ist derweil gar keine so neue Erkenntnis. Denn in den USA speisen große Solarparks schon Strom für rund sechs Cent die Kilowattstunde in das Netz ein. In Deutschland gaben Solarparkbesitzer ihren Strom auch schon direkt an Energieanbieter für unter zehn Cent ab. Auch die Windenergie hat mit Kosten von nur vier Dollarcent pro Kilowattstunde in den USA einen neuen Tiefststand erreicht. Damit machen die Erneuerbaren jetzt sogar dem Billigststrom aus Kohle Konkurrenz.

Ein Problem gibt es aber bei allen Rechnungen, die nur den reinen Preis für Kilowattstunden vergleichen: Da Erneuerbare wie Wind- und Solaranlagen nicht konstant Strom einspeisen, werden zu ihrer Ergänzung noch Gaskraftwerke, Energiespeicher oder ein gutes Strommanagement gebraucht. Es ist also weniger der Preis pro Stromeinheit entscheidend, sondern die Kosten für die gesamte Stromversorgung.

Nachtrag: Hier gibt es als PDF noch eine sehr interessante Studie aus dem Jahr 2008 von Prognos zu allen Kostenbestandteilen eines EPR-Reaktors.

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