Energie: Wie umweltfreundlich kann Fracking sein?

Energie: Wie umweltfreundlich kann Fracking sein?

von Benjamin Reuter

In den USA verschärfen derzeit viele Bundesstaaten die Auflagen für die umstrittene Erdgasförderung durch Fracking. Doch reichen die Maßnahmen?

Es sind unheimliche Zahlen, die das gemeinnützige Projekt Fractracker aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania zusammengetragen hat. Mehr als 5000 Verstöße gegen Auflagen registrierten die Behörden in den vergangenen acht Jahren. Alle begangen von Unternehmen, die per Fracking Erdgas aus Schiefergestein fördern.

Es sind unter anderem auch diese Zahlen, die in den USA derzeit eine Debatte darüber befeuern, wie umweltschädlich der Gasboom ist, den das Land seit einigen Jahren erlebt. Dachten die Behörden zur Jahrtausendwende noch, das Gas würde knapp und immer teurer im Land, kommt es jetzt in Massen aus dem Schiefergestein, dass mit dem Frackingverfahren erschlossen wird. Demnächst wollen die USA sogar flüssiges Erdgas nach Asien exportieren.

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Die Preise für den Rohstoff sind in den USA soweit gefallen, dass Haushalte pro Jahr rund 1000 Dollar an Energiekosten sparen, verarmte Landstriche prosperieren und eine regelrechte Industrierenaissance im Servicesektorland USA im Gange ist.

Auf der anderen Seite stehen unberührte Landstriche und ursprüngliche Natur, die durch die Gasförderung langsam industrialisiert werden. Und viele fürchten: Die Chemikalien, die beim Fracking mehrere tausend Meter in den Boden gepresst werden, könnten Grundwasser verschmutzen oder an der Oberfläche aus Containern laufen.

Amerika frackt, während Europa noch diskutiertWie viele ernsthafte Vorfälle dieser Art es in den USA bisher gegeben hat, weiß allerdings niemand genau. Die 5000 Verstöße in Pennsylvania könnten vielfach auch einfach eine falsche Beschilderung gewesen sein, heißt es bei Fractracker.

Die Frage stellt sich also: Wie gefährlich ist der Fracking-Boom in den USA wirklich und wie lässt er sich - wenn überhaupt - umweltfreundlich gestalten? Die Antwort ist auch für Europa wichtig: Denn sowohl in Frankreich, England und Deutschland lagern signifikante Mengen Schiefergas.

Einige der schärfsten Kritiker des Booms kann man in New York treffen. Dort hat das Natural Resources Defence Council (NRDC) seinen Sitz, eine Art BUND der USA mit 1,4 Millionen Mitgliedern und 400 Mitarbeitern. Die Naturschützer kämpfen seit Jahren für eine schärfere Regulierung von Fracking in den USA.

„Bisher mit wenig Erfolg“, wie Kate Sinding zugibt. Sinding arbeitet als Anwältin beim NDRC. Immerhin habe man es geschafft, im Staat New York die Erdgasförderung zu verhindern, erzählt sie. Seit 2008 gibt es Pläne den Rohstoff aus dem Boden zu holen.

Bürgerproteste hatten aber dazu geführt, dass der demokratische Gouverneur Andrew Coumo eine großangelegte Umweltverträglichkeitsprüfung der Technologie startete. Die Menschen hatten vor allem Angst, dass große Grundwasserspeicher, die auch die Stadt New York versorgen, verschmutzen könnten. Bis heute gibt es allerdings kein Ergebnis der Prüfung.

Fracking bald auch in der Nähe von New York?Sinding vermutet, dass Coumo bis nach seiner Wiederwahl im kommenden Jahr wartet, um mit dem Fracking in New York zu starten. Die ökonomischen Gewinne im von der Wirtschaftskrise geplagten Norden des Bundesstaates seien zu verlockend, sagt sie.

Diese ökonomische Argumentation gelte derzeit überall in den USA. Gefrackt werde nach dem „Trial and Error“-Prinzip. Erstmal geben die regionalen Behörden grünes Licht für die Förderung. Wenn etwas passiert, reagieren die Politiker mit Auflagen. Wenn auch nur zögerlich.

So hat Texas gerade erst eine strengere Richtlinie erlassen, wie die Rohre im Boden gesichert werden müssen, so dass keine Chemikalien austreten. Auch Kalifornien und Colorado beraten derzeit über Auflagen für das Fracking. Unter anderem wie die Container beschaffen sein müssen, in denen die Frackingflüssigkeiten lagern.

Die wahrscheinlich wichtigste Entscheidung hat wohl aber Wyoming jetzt getroffen. Bevor Unternehmen dort nach Gas bohren, müssen sie Wasserproben nehmen. Was unspektakulär klingt, könnte weitreichende Folgen haben.

Denn bisher ließen sich noch keine Wasserverunreinigungen durch Fracking nachweisen. Schlicht, weil Daten vom Zustand des Wassers oder der Böden vor der Förderung fehlten - dort wo Chemikalien gefunden wurden, argumentierten die Unternehmen in einigen Fällen, es könnte von den Anwohnern auch zu viel Haushaltsreiniger genutzt worden sein, erzählt Kate Sinding.

Dass sich die Ursache der Verschmutzung nicht zweifelsfrei nachweisen lasse, habe dazu geführt, dass bisher kein Unternehmen in den USA in Gerichtsverfahren wegen Verunreinigungen auf Privatgrundstücken verurteilt wurde, sagt David Schizer, Direktor der Columbia Law School in New York. Einige Verfahren hätten allerdings in Vergleichen vor Gericht geendet.

Frackingflüssigkeit ist nicht Coca-ColaSchizer hat kürzlich mit seinem Kollegen Thomas Merrill einen vielbeachteten Aufsatz geschrieben, wie Fracking in den USA reguliert werden sollte. Schizer selbst sagt, Fracking habe zu viele Vorteile, um es sein zu lassen. Um die Gefahren zu minimieren, fordert er aber auch, dass die Unternehmen die Inhaltsstoffe ihrer Frackingflüssigkeiten offenlegen. Zwar tun das Unternehmen teilweise schon, aber welche Menge sie von einem einzelnen Stoff verwenden, halten sie vielfach immer noch geheim.

Die Förderunternehmen argumentieren damit, dass die Zusammensetzung der Frackfluide ein Geschäftsgeheimnis sei. Auch Coca-Cola würde das Rezept für seine braune Erfolgsbrause nicht offenlegen. Überzeugend findet Schizer dieses Argument nicht. „Bei Cola haben die Menschen keine Angst vergiftet zu werden“, sagt er. Die unnötige Geheimnistuerei der Industrie habe viel dazu beigetragen, dass Fracking so in Misskredit geraten sei.

Von der Vorsicht und Ablehnung, mit der Fracking in Europa begegnet werde, hält Schizer allerdings auch nichts. „Wenn man eine Sache erst zwanzig Jahre studieren will, fängt man nie damit an“, sagt er. Derzeit gibt es in Frankreich und Deutschland de facto Moratorien. Nur England und Polen gehen offener mit der neuen Technik um.

Die ökonomischen Vorteile für die Gesellschaft insgesamt würden die potenziellen Risiken an einzelnen Orten überwiegen, sagt der Jurist Schizer. Denn selbst, wenn es einmal zu einem Unfall käme, wären die Auswirkungen lokal. Dass die Flüssigkeiten aus der Tiefe in Richtung Oberfläche und damit ins Grundwasser träten, habe bisher kein Wissenschaftler nachweisen können. Schizers Fazit: „Energiegewinnung ist immer mit Kosten und Risiken verbunden." Fracking sei immerhin keine Hochrisikotechnologie wie Atomkraft mit unkalkulierbaren Folgen, deren Verbot man rechtfertigen könne.

170 Gemeinden in New York haben Fracking verbotenKate Sinding, die NRDC-Anwältin im Dienste des Naturschutzes, kann Schizers Argumentation nicht viel abgewinnen und sieht eher den europäischen Weg als Vorbild. Sie sagt: Bis man nicht 100 Prozent wisse, ob Frackingchemikalien aus den Tiefen ins das Grundwasser aufsteigen könnten, müsse das Verfahren ausgesetzt werden.

Auch die Industrialisierung ganzer Landstriche und Naturräume könne man nicht einfach als belanglos vom Tisch wischen.

Aus genau dieser Furcht nähmen jetzt immer mehr Gemeinden das Recht in die eigene Hand. Schon 170 Ortschaften im Staat New York haben das Fracking bei sich verboten. Geholfen bei den Anträgen und Verfahren hat ihnen Sinding mit einem „Community Fracking Defense Project“ genannten Programm. Auch wenn New Yorks Gouverneur Cuomo im nächsten Jahr dem Fracking grünes Licht geben sollte, wird es also nicht überall in New York möglich sein.

„Aber einige Gemeinden, haben wir einfach nicht von einem Verbot überzeugen können“, sagt Sinding. Sie erhoffen sich von einem möglichen Frackingboom dringend benötigte Jobs und Wirtschaftswachstum.

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