Energieimporte: So könnte Deutschland auf Putins Erdgas verzichten

Energieimporte: So könnte Deutschland auf Putins Erdgas verzichten

von Jan Willmroth

Die Ukraine-Krise zeigt, wie abhängig Deutschland von russischem Erdgas ist. Aber das muss nicht so bleiben.

Als der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine Anfang März zunehmend eskalierte, rückte ein Thema besonders in den Fokus: Energie. Erinnerungen an 2009 wurden wach, als Russland seinem Nachbarland Ukraine wegen nicht bezahlter Rechnungen den Gashahn zudrehte und damit auch die EU von ihrer wichtigsten Quelle für Erdgas abschnitt.

Inzwischen reagieren Deutschland und Europa mit immer schärferen Sanktionen auf die Krise auf der Krim. Vielen Kritikern gehen aber die Kontensperrungen für Oligarchen und Einreisestopps nicht weit genug. Sie wollen mit scharfen Wirtschaftssanktionen Russland zum Einlenken bewegen.

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Das Problem dabei: Die EU ist abhängig von russischen Energieimporten wie ein Süchtiger von seiner Droge, vor allem von Erdgas – dreht die EU also die Daumenschrauben der Sanktionen zu fest an, könnte Russland seinerseits den Gashahn zudrehen. Noch sind die deutschen Gasspeicher zwar prall gefüllt. Beruhigend ist das aber nicht.

Denn 36 Prozent der europäischen Gasversorgung fließen durch Pipelines aus Russland. Auch Deutschland importiert mehr als ein Drittel des flüchtigen Brennstoffes von dort, Ungarn mehr als 80, und die Slowakei hängt zu fast 92 Prozent von russischen Importen ab.

Abhängigkeit so groß wie die Notwendigkeit für SanktionenDie Frage stellt sich also: Könnte Deutschland zur Not von heute auf morgen auf Putins Gas verzichten, um politischen Handlungspielraum im Ukraine-Konflikt zu gewinnen? Erst einmal nicht. Die Gründe sind vielfältig:

1. Lieferverträge für Erdgas laufen meist über mehrere Jahre oder Jahrzehnte. Einfach kündigen lassen sie sich nicht.

2. Außerdem sind Projekte wie die rund 7,4 Milliarden Euro teure Nordstream-Pipeline, die von Russland durch die Ostsee nach Norddeutschland führt, mit Garantien verbunden, jahrzehntelang Erdgas abzunehmen. An der Betreibergesellschaft der Röhre sind etwa zur Hälfte deutsche und französische Unternehmen beteiligt.

3. Flüssiggas (liquefied natural gas, LNG) als Ersatz ist in der EU noch kaum ein Thema. Zwar gibt es an Europas Küsten bereits 21 LNG-Terminals, sieben weitere sind im Bau. Diese Kapazitäten sind aber kaum ausgelastet. Das verflüssigte Erdgas ist nur begrenzt verfügbar und findet seine Abnehmer auf dem Weltmarkt vor allem in Ostasien. Und die USA können und wollen ihr Erdgas bislang nicht nach Europa schiffen.

4. Theoretisch könnte Erdgas aus den Niederlanden, Norwegen und Nordafrika den aktuellen deutschen Bedarf decken. Aber zusammen mit Flüssiggas aus dem Nahen Osten wäre das deutlich teurer. Gas aus Russland ist mit weniger als 33 Cent pro Kubikmeter, oder rund 2,7 Cent pro Kilowattstunde, derzeit sehr konkurrenzfähig.

5. Der Erdgasverbrauch lässt sich in Deutschland nicht plötzlich absenken. Immerhin stammen elf Prozent der deutschen Stromversorgung derzeit aus Gaskraftwerken und fast die Hälfte der Wärme für Haushalte und Industrie.

Fazit: Putins Gas ist aktuell schwer aus dem deutschen Energienetz zu verbannen. Doch muss und sollte das so bleiben?

Konflikt könnte noch Jahre dauernViele Experten warnen davor, dass Deutschland und Europa sich auch weiterhin in der Abhängigkeit von Putin allzu bequem einrichten. James L. Jones, ehemals Nato-Oberbefehlshaber und Sicherheitsberater von Barack Obama, meint in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit: "Europas Abhängigkeit von russischem Gas und Öl könnte auf Dauer enorme geopolitische Konsequenzen haben."

Jones sieht in Russlands Energiereichtum eine Waffe in einem neuen, lang andauernden Kalten Krieg. Abwegig ist das nicht, denn Putin wird aller Wahrscheinlichkeit noch Jahre an der Macht bleiben – der Konflikt in Osteuropa also weiter schwelen.

Umso dringender sollte sich auch Deutschland nach Alternativen zu russischem Gas umschauen. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, wie eine Versorgung nach 2020 auch ohne Putin funktionieren könnte.

1. Ein Stromsektor ohne Gazprom?Angenommen, das Ziel der Bundesregierung von einem Zehntel weniger Stromverbrauch in 2020 im Vergleich zu 2008 würde erreicht – dann käme Deutschland 2020 auf einen Jahresverbrauch von rund 556 Terawattstunden (TWh).

Steigt bis dahin der Anteil erneuerbarer Energien auf 50 Prozent – was möglich wäre, wenn die Politik es will –, müssten noch rund 280 TWh aus konventionellen Kraftwerken stammen. Diese Menge könnten übers Jahr gesehen die Kohlekraftwerke, die heute schon laufen, ohne Probleme liefern.

Rein rechnerisch ließe sich im Stromsektor also ganz ohne Erdgas auskommen und damit auch ohne russische Rohstoffe. Die Ausnahmen: Fallen Wind und Sonne ganz plötzlich aus, müssten Gaskraftwerke einspringen. Dieser Fall tritt auch ein, wenn im Winter die Erneuerbaren ganz fehlen und konventionelle Kraftwerke fast den gesamten Strom liefern müssen.

Insgesamt wäre die benötigte Menge Erdgas aber so gering, dass sie höchstwahrscheinlich auch ohne Importe aus Russland bereitgestellt werden könnten. Hinzu kommt: Kurzfristig können auch Biogasanlagen mehr als 10 Prozent des deutschen Strombedarfs decken.

Allerdings: „Es gibt in Deutschland keinen ernsthaften politischen Willen, von Russland unabhängig zu werden“, sagt Oliver Geden, Experte für Energiepolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Ein Argument für den Bau der Nordstream-Pipeline war immer, durch den direkten Draht zu Russland die Gasversorgung für die nächsten Jahrzehnte zu sichern. Diese ehemals angestrebte Sicherheit wird jetzt zu einem Boomerang der Unsicherheit für Europa.

2. Keine Wärme ohne Gas aus Russland?Mit dem Stromsektor ist es aber noch lange nicht getan. Denn der allergrößte Teil des Gasverbrauchs entfällt auf Wärme für Haushalte, Gewerbe und Dienstleister und auf Industrieprozesse.

Belastbare Zahlen der AG Energiebilanzen gibt es bisher erst für 2011: Rund 69 Milliarden Kubikmeter Gas (circa 608 Terawattstunden) wurden in dem Jahr für die Wärmeerzeugung verfeuert, mehr als zwei Drittel des gesamten deutschen Gasverbrauchs.

Dabei war Erdgas mit weitem Abstand Spitzenreiter im Wärmemarkt (gut 45 Prozent Anteil), gefolgt von Öl mit knapp 16 Prozent und Kohle mit rund 12 Prozent. Bei dieser Menge an Gas künftig auf den Anteil aus Russland zu verzichten, fällt schon schwerer. Aber theoretisch möglich wäre auch das.

Bisher ist die Energiewende in Deutschland vor allem eine Stromwende: Ausstieg aus der Atomkraft und ein steigender Anteil erneuerbarer Energien, so lauten die plakativen Ziele. "Der Wärmesektor wird dabei häufig vergessen", sagt Politikexperte Geden.

Der Strommarkt ist also gar nicht der wichtigste Bereich, wenn es um die deutsche Erdgasbilanz geht – und das gilt umso mehr für die Diskussion um russische Importe.

Zwischen 1990 und 2011 fiel der Anteil der Wärme am Endenergieverbrauch zwar um 20 Prozent – doch Anfang der neunziger Jahre tauchte noch die ehemalige DDR in der Statistik auf.

Auch künftig könnte der Gasbedarf zum Beispiel wegen Sanierungen im Gebäudesektor weiter abnehmen. Das Ergebnis, laut dem Netzentwicklungsplan der Gasnetzbetreiber: Im besten Fall würde Deutschlands gesamter Gasbedarf, inklusive der Stromerzeugung, im Vergleich zu 2013 bis 2023 um 25 Prozent sinken, im vorsichtigsten Szenario um sechs Prozent. In einem sehr optimistischen Fall wäre damit die Abhängigkeit von Russland schon stark vermindert.

Um den restlichen Bedarf zu decken, könnte Deutschland zudem auf eine ganze Reihe an Alternativen zurückgreifen:

1. Heimisches Erdgas

Die deutsche Erdgasförderung reicht aktuell noch aus, um zwölf Prozent des jährlichen deutschen Gasbedarfs zu decken. Allerdings ging die konventionelle Förderung in den vergangenen Jahren schon stark zurück (siehe Grafik). Bis 2023 dürfte sie laut der aktuellen Prognose der Gasnetzbetreiber um weitere zwei Drittel sinken.

Wollen die Unternehmen die heimische Förderung künftig aufrecht erhalten, müssten unkonventionelle Quellen wie Schiefergas erschlossen werden. Laut einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens IHS könnten künftig pro Jahr mehr als 20 Milliarden Kubikmeter Schiefergas in Deutschland gefördert werden – das würde rund 25 Prozent des deutschen Bedarfs decken.

Genügt auch das noch nicht, könnten immer noch Kohleflöze in Norddeutschland zur unterirdischen Gasförderung herhalten. IhrPotenzial ist noch weitaus größer als beim Schiefergas. Allerdings sind beide Verfahren wegen der bisher nicht endgültig geklärten Folgen für die Umwelt umstritten.

2. Sonnenwärme

Experten wie Robert Werner vom Hamburg Institut bescheinigen vor allem der Solarwärme in Deutschland ein großes Potenzial. "Die Krim-Krise ist ein Weckruf, die erneuerbaren Energien auch stärker in den Wärmemarkt zu integrieren", sagt er. Laut einer Studie der deutschen Solarthermie-Technologieplattform hätte die Technik allein für Prozesswärme in der Industrie ein Potenzial von 16 TWh.

Nach Berechnungen des Bundesverbands Solarwirtschaft (hier als PDF) könnten auch Privathaushalte 2020 schon 14 TWh Wärmeenergie aus solarthermischen Anlagen beziehen. Beide Mengen zusammen entsprechen immerhin rund 3,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

3. Import

Schon heute decken Norwegen, Niederlande und Dänemark zusammen mit wenigen anderen Ländern 58 Prozent der deutschen Gasversorgung ab (siehe Grafik weiter oben). Mit Einsparungen beim Verbrauch werden diese Länder auch bei sinkenden Förderraten wichtig bleiben. Liefern sie künftig genauso viel wie heute, könnte ihr Anteil am gesamten Gasbedarf auf mehr als zwei Drittel anwachsen.

All das zeigt: Im besten Fall kann Deutschland schon in der nächsten Dekade auf Russlands Gas verzichten. Grundvoraussetzung wäre allerdings ein deutlich effizienterer Umgang mit dem Gas. Wenn die Bevölkerung ihre Umweltbedenken gegen Schiefergas-Fracking ablegt, ließen sich auch die heimischen Quellen stärker nutzen. Und die erneuerbaren Energien müssten auch im Wärmesektor eine größere Rolle spielen als heute.

Am Ende müsste Deutschland wohl auch mit etwas höheren Gaspreisen klarkommen. Doch was ist besser: Höhere Preise, oder auf Gedeih und Verderb am Gashahn eines einzigen russischen Staatsunternehmens zu hängen?

Die Bundesregierung scheint ihre Antwort schon gefunden zu haben: Bis Mitte des Jahres verkauft die BASF-Tochter Wintershall ihr Geschäft mit Gashandel und -speicherung an Gazprom. Dazu gehört auch der größte westeuropäische Erddasspeicher in Niedersachsen. Russland verliert also derzeit nicht an Einfluss in Deutschland, sondern gewinnt sogar noch dazu.

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