Energiewende: Der große Stromnetz-Irrtum

Energiewende: Der große Stromnetz-Irrtum

von Matthias Streit

Eine Studie zeigt: Das aktuelle Stromnetz könnte schon 72 Prozent Grünstrom transportieren. Voraussetzung ist eine kluge Planung von Wind- und Solar.

Bisher glaubten viele Experten und Politiker, die Energiewende sei ohne neue Stromleitungen, die den Ökostrom transportieren, nicht zu machen. Manche meinten sogar, man müsse den Ausbau von Wind- und Solaranlagen stoppen, bis neue Trassen durch Deutschland gelegt seien.

Doch weit gefehlt. Denn Deutschland baut laut einer aktuellen Studie derzeit genügend neue Netzkapazitäten auf, um fast 75 Prozent seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu decken. Zugespitzt formuliert: Weitere Leitungen sind in den fünf Szenarien der Studie, die sich mit der Stromversorgung im Jahr 2030 befasst, erstmal gar nicht nötig.

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Die Studie führte das Beratungsunternehmen Ecofys im Auftrag der Smart Energy for Europe Platform (SEFEP) durch (hier das Papier als PDF). „Damit entkräften wir den großen Mythos, dass bei einer Verzögerung des Netzausbaus auch der Ausbau der erneuerbaren Energien gebremst werden müsste“, sagt Raffaele Piria, Programmdirektor der SEFEP.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Windkraft und Photovoltaikanlagen gleichmäßiger in Deutschland verteilt werden, um lokale Überkapazitäten zu vermeiden. Heißt: Windräder auch dort zu bauen, wo wenig Wind weht und Solaranlagen anzubringen, wo wenig Sonne scheint.

Außerdem setzt die Studie voraus, dass Speicher mit einer Kapazität zwischen zwei und fünf Gigawatt Energieüberschüsse zwischenlagern können und Verbraucher auf Angebot und Nachfrage reagieren (Stichwort Lastmanagement). Zur Not müssten auch vier Prozent des erneuerbaren Stroms aus dem Netz ausgeschlossen werden. Die Kosten für diese Maßnahmen beziffert die Studie auf rund eine Milliarde Euro im Jahr 2030.

Klimaschutz braucht keine neuen Netze

Zusätzlicher Vorteil: Wenn wegen der regional besseren Verteilung weniger Netze gebaut werden müssen, spart das Geld. Laut dem Ecofys-Strommarktexperten Christian Nabe könnten das jährlich 800 Millionen Euro sein.

Dennoch befürworten die Experten ausdrücklich einen weiteren Ausbau der Stromnetze, um die CO2-Emissionen mit einem höheren Anteil an Grünstrom langfristig noch stärker reduzieren zu können.

Das Szenario mit einem Anteil von 72 Prozent erneuerbaren Energien an der Stromversorgung, das die Autoren der Studie zu Grunde legen, schießt indes weit über die Ziele des Bundesumweltministeriums hinaus. Laut diesem sind bis 2030 gerade einmal 50 Prozent Anteil geplant. Gleichwohl fordert die SPD in ihrem Wahlprogramm bis zu diesem Zeitpunkt schon 75 Prozent, die Grünen gar 100 Prozent.

Um das Ziel der Grünen zu erreichen, müsste aber dann tatsächlich mehr in den Netzausbau investiert werden. Diese zusätzlichen Ausgaben den Bürgern zu erklären, dürfte ein schwieriges Unterfangen werden. Denn schon jetzt zeichnet sich ab, dass die EEG-Umlage im nächsten Jahr auf 6,1 Cent steigt.

Ein weiteres interessantes Ergebnis der Ecofys-Studie: Die CO2-Emissionen aus der Stromproduktion lägen 2030 nur noch bei einem Drittel des heutigen Wertes – also bei rund 110 Millionen Tonnen im Vergleich zu aktuell 304 Millionen Tonnen.

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