Energiewende: Die 1-Billion-Euro-Frage

Energiewende: Die 1-Billion-Euro-Frage

von Benjamin Reuter

Umweltminister Peter Altmaier hat mit seiner Kostenschätzung zur Energiewende für Aufregung gesorgt. Doch wie viel kostet der grüne Umbau wirklich?

Wie viel kostet die Energiewende nun wirklich? Eine Billion Euro bis 2030, sagt Bundesumweltminister Peter Altmaier. Damit hat er allen Verbrauchern einen gehörigen Schrecken eingejagt. Wie er auf seine Zahlen kommt, hat er allerdings nicht gesagt. Wir von WiWo Green wollten es genauer wissen und haben einen Experten gefragt: Manuel Frondel, Ökonom am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Das RWI ist seit Jahren für seine kritischen - manche sagen zu kritischen - Beiträge zum Thema Energiewende und vor allem zu den Kosten der Solarenergie bekannt. Übrigens: Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin sprach gestern von 600 Milliarden Euro Kosten für die Energiewende. Wo liegen sie also wirklich?

Herr Altmaier beziffert die Kosten für die Energiewende bis 2030 auf rund eine Billion Euro. Ist das aus der Luft gegriffen oder eine wahrscheinliche Größenordnung?

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Frondel: Derzeit kann niemand seriös die Kosten der Energiewende bis auf die letzte Milliarde beziffern. Wir gehen aber davon aus, dass es sehr teuer wird, auf 80 Prozent Erneuerbare umzustellen. Ich denke, dass ist auch das Signal, das Peter Altmaier schicken wollte. Die Energiewende kann bis dahin aber auch sehr viel teurer werden.

Über welche Größenordnung sprechen wir denn?

Frondel: Der größte Posten ist der Ausbau der Erneuerbaren. Da ist es nicht mit 200 Milliarden Euro getan. Allein für die Förderung der Fotovoltaikanlagen, die zwischen 2000 und Ende 2012 gebaut wurden, sind Zahlungsverpflichtungen von 108 Milliarden Euro fällig. Derzeit haben wir aber nur eine Leistung von rund 32 Gigawatt an Fotovoltaik installiert. Für eine Vollversorgung mit grüner Energie bräuchten wir aber mehr als 200 Gigawatt. Man sieht daran, in welchen Dimensionen wir uns bewegen.

Aber die Preise für Erneuerbare fallen doch seit Jahren. Kann man die Kosten so einfach in die Zukunft weiterschreiben?

Frondel: Nein, sicher nicht. Die Erneuerbaren verursachen aber nicht nur direkte Kosten, sondern auch sehr viele indirekte Kosten. Da ist einmal der Netzausbau, der uns zwischen 60 und 100 Milliarden Euro kosten könnte. Auch das Abschalten der AKW hat seinen Preis. Wir haben errechnet, dass das BIP bis 2030 um 100 bis 150 Milliarden höher ausfallen könnte, wenn man die Laufzeiten der AKW um acht Jahre verlängert hätte. Der Grund: Einmal wird Strom durch den Atomausstieg teurer, dann steigen die Preise für CO2-Zertifikate und es entgehen den Energieversorgern Gewinne, die sie teilweise als Steuern an den Staat abgeführt hätten.

Müssen wir da aber nicht die Kosten gegenrechnen, die wir zum Beispiel für die Wartung der Netze und Brennstroffkosten bräuchten?

Frondel: Wenn wir 108 Milliarden Euro für die Fotovoltaik ansetzen, dann sind die vermiedenen Brennstoffkosten schon berücksichtigt, weil wir die Börsenpreise in unsere Rechnung mit einbeziehen – und die spiegeln ja auch die Brennstoffkosten. Auch bei den Netzen ist das schwer voneinander zu trennen, was durch die Energiewende verursachter Neubau ist und was nicht. Klar ist aber: Ohne Windparks im Norden und im Meer, bräuchten wir keine neuen Netze von Nord nach Süd und auch keine neuen Netze vor der Küste.

Wie hoch sind denn die Kosten für die Energiewende bisher?

Das hat noch niemand ausgerechnet. Professor Georg Erdmann von der Technischen Universität Berlin kommt bis zum Jahr 2030 bei einem Anteil von 50 Prozent Erneuerbaren auf Kosten von 234 Milliarden Euro. Das sind aber nur die direkten Kosten. Dann kommen noch 85 Milliarden Euro an indirekten Zahlungen dazu. Zum Beispiel für den Netzausbau, die Regelenergie um Netzengpässe auszugleichen und das Vorhalten von Kraftwerken, um die Stromversorgung zu sichern, wenn es mal länger keinen Grünstrom gibt. Außerdem fehlen die Investitionen ja auch an anderer Stelle. In der Bildung und Forschung zum Beispiel. In diesen Bereichen bringen sie sicher mehr Wohlstand und Arbeitsplätze als die Energiewende.

Herr Altmaier behauptet, nur mit seiner Strompreisbremse sei die Kostenexplosion zu verhindern. Gäbe es Alternativen?

Wir würden ein Quotensystem vorschlagen, das Energieversorgern einen gewissen Anteil von Erneuerbaren in ihrem Strommix vorschreibt. Ob sie selber investieren oder sich freikaufen, durch Zertifikate von Grünstromproduzenten zum Beispiel, bleibt ihnen überlassen – wichtig ist, das Geld fließt in die günstigsten grünen Energieträger. Ein weiterer Vorteil an dem Quotenmodell ist: Wir erreichen die Ausbauziele punktgenau. Wir haben in einer Studie das Quotensystem verglichen mit dem Fall, dass die Erneuerbare-Energien-Umlage einfach bis 2020 weiterläuft bei einem Ausbauziel von 35 Prozent. Die Quote spart rund 52 Milliarden Euro. Vor allem, weil in die kostengünstige Windkraft an Land investiert wird. Teure Technologien wie Fotovoltaik fallen erst einmal raus. Was nicht schlimm ist: Denn in der Zwischenzeit werden Solaranlagen billiger durch Forschung und Entwicklung oder durch den Bau in sonnenreicheren Ländern, wo sie heute schon kostengünstig sind.

Ab welchen Kosten wäre eine Energiewende für eine Volkswirtschaft wie Deutschland nicht mehr tragbar?

Frondel: Es kommt nicht auf die Höhe an. Ob es 1,5 Billionen Euro oder eine Billionen Euro sind. Entscheidend ist die Akzeptanz der Bevölkerung. Machen wir weiter wie bisher, schlagen die Kosten durch die Decke. Wann die Akzeptanz genau schwindet, ist nicht vorhersagbar. Aber irgendwann könnte das Maß voll sein und das Thema Energiewende ist passé.

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