Energiewende: Großkonzerne wollen Kraftwerke stilllegen - na und?

Energiewende: Großkonzerne wollen Kraftwerke stilllegen - na und?

von Benjamin Reuter

Die Energieversorger wollen Kraftwerke stilllegen. Das ist kein Grund zur Sorge. Doch ein Problem lauert an anderer Stelle.

Seit gestern die vier großen Energieversorger und einige Stadtwerke durchsickern ließen, dass sie einen Teil ihrer Kraftwerke stilllegen wollen und deshalb Stromengpässe drohen könnten, ist die Aufregung groß. Der Grund, warum die Meiler vom Netz sollen, ist fehlende Wirtschaftlichkeit. Gas- und Kohlekraftwerke lohnen sich schlicht bei immer höheren Anteilen von Grünstrom im Netz nicht mehr.

Selbst schuld, sagen nun viele (u.a. WDR-Kommentator Jürgen Döschner), denn die Energieversorger hätten die Energiewende verschlafen und sie mehr verhindert, als aktiv mitgestaltet.

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An diesem Vorwurf ist sicher etwas dran. Denn immer noch liegt der Anteil der Erneuerbaren bei den Eon, RWE, EnBW und Vattenfall im einstelligen Prozentbereich. Im deutschen Gesamtmix geht er dagegen mit schnellen Schritten auf die 25 Prozent zu. Das zeigt: Die großen Versorger haben immer noch kein Rezept entwickelt, wie sie sich erfolgreich an der Energiewende beteiligen können. Stattdessen verdienen sie mit ihren alten Kraftwerken immer weniger Geld.

Aber viele Kommentare, die seit gestern geschrieben wurden, ignorieren zwei entscheidende Aspekte: Zum einen ist es nur zwangsläufig, wenn die Stromversorger rund 18.000 Megawatt Kraftwerkskapazität vom Netz nehmen wollen. Zum anderen verweist die Drohung aber tatsächlich auf ein gravierendes Problem der Energiewende.

Aber der Reihe nach.

Warum die Drohung nicht zieht: Wenn Versorger Kraftwerke vom Netz nehmen wollen, müssen sie sich das bei der Bundesnetzagentur genehmigen lassen. Drohen Stromausfälle durch Kraftwerksabschaltungen, kann die Agentur den Weiterbetrieb anordnen.

Eher zu viel als zu wenig StromHinzu kommt, dass die 18 Gigawatt nur auf den ersten Blick viel scheinen. Denn in Deutschland sind derzeit konventionelle Kraftwerke mit rund 90 Gigawatt Leistung am Netz - sie können den Stromverbrauch selbst bei starker Nachfrage gut decken. Rund sechs Gigawatt Leistung durch Kraftwerksneubauten kommt in den nächsten Jahren noch dazu.

Damit aber nicht genug. Mittlerweile sind auch mehr als 70 Gigawatt Erneuerbare am Netz. Das Ergebnis: Derzeit ist Deutschland eher über- als unterversorgt mit Strom. Einzige Ausnahme ist der Süden Deutschlands - dort fehlen derzeit schlicht die Netze, um Energie aus dem Norden heranzuschaffen.

In der Gesamtbetrachtung ist es aber nur richtig und zwangsläufig, herkömmliche Kraftwerke vom Netz zu nehmen, wenn immer mehr Erneuerbare zugebaut werden.

Soviel zum Drohpotenzial der Versorger.

Nun aber zum eigentlichen Problem: Wie es derzeit aussieht, werden auch in den kommenden Jahrzehnten trotz des stetigen Zubaus von Erneuerbaren herkömmliche Kraftwerke benötigt. Aber nicht mehr im stetigen Betrieb wie derzeit, sondern als Reserve, wenn Wind und Sonne nicht scheinen.

Kraftwerkspark in der Hinterhand2050 könnten trotz einer Versorgung, die größtenteils durch erneuerbare Energien gedeckt wird, sogar bis zu 65 Gigawatt Kraftwerksleistung benötigt werden, um bei längerer Bewölkung und Flaute die Lichter im Land nicht ausgehen zu lassen. Der Wert sinkt allerdings, wenn bis dahin marktfähige Stromspeicher entwickelt werden oder große Fabriken, Kühlhäuser und Stahlhersteller bei Strommangel vom Netz gehen (Stichwort Lastmanagement). Außerdem könnten andere EU-Staaten Energie schicken, derzeit exportiert Deutschland noch fleißig Strom.

Wie viel Reserve künftig benötigt wird, weiß derzeit aber niemand genau. Was dagegen sicher ist: Die Kraftwerke würden nur wenige Stunden im Jahr laufen - bezahlt werden müssen sie aber trotzdem.

Und das ist der eigentliche Hintergrund für die Drohung der Versorger: Momentan bekommen sie noch kein Geld, wenn Kraftwerke stillstehen. Das soll sich ändern. Derzeit diskutieren Experten über die verschiedenen Modelle, wie solch eine Reserve am besten und günstigsten aufzubauen ist.

Wie viel aber solch ein Kraftwerkspark im Stillstand am Ende kostet, ist nicht abzusehen. Eon jedenfalls hat für den Reservebetrieb seiner Gaskraftwerke Irsching 4 und 5 mit 1,4 Gigawatt Leistung vom Netzbetreiber Tennet 100 Millionen Euro verlangt - pro Jahr. Diese Kosten legen die Netzbetreiber wiederum auf die Stromkunden um.

Das Fazit also: Aktuell muss sich niemand um drohende Kraftwerksstilllegungen sorgen. Ganz im Gegenteil: Sie zeigen, dass die Energiewende vorankommt. Wie die schlafende Reserve aber künftig zu finanzieren ist, darüber sollte sich die Politik schleunigst Gedanken machen. Und die Kosten dafür den Stromkunden auch ehrlich mitteilen.

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