Energiewende-Reform: Warum wir die Bioenergie nicht abwürgen dürfen

Energiewende-Reform: Warum wir die Bioenergie nicht abwürgen dürfen

von Uwe Albrecht

Die Regierung will die Energieerzeugung aus Pflanzen drastisch eindämmen. Dabei brauchen wir den Biostrom.

Uwe Albrecht ist Geschäftsführer der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik (LBST), einem international tätigen Beratungsunternehmen für nachhaltige Energie und Mobilität in München. Bis 2008 arbeitete Albrecht für Siemens.

Im Jahr 2013 betrug der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix 25 Prozent, beziehungsweise 152 Terawattstunden. Diese verteilten sich vor allem auf Windenergie (53 TWh), Solarstrom (30 TWh), Biogas (28 TWh), feste und flüssige biogene Brennstoffe (13 TWh), Wasserkraft (21 TWh). Deren installierte Leistung lag mit 85 GW vergleichbar zur konventionellen Kraftwerksleistung.

Anzeige

Im Unterschied zu fossilen oder biogenen Erzeugern erzielen Solar und Windenergiekonverter dem Angebot folgend über den Tages- und Wochenverlauf schwankende Beiträge. So entspricht deren erzeugte Jahresenergiemenge einer Volllaststundenzahl von etwa 850 beziehungsweise 1600 Stunden, wohingegen Biogasanlagen mit nur etwa vier Prozent Anteil an der Leistungsbereitstellung erneuerbarer Energien auf mehr als 7500 Volllaststunden kommen.

An diese Fluktuationen aber muss die Stromversorgung angepasst werden. Hier können Biogas und Feststoffanlagen eine wichtige Rolle zukommen, indem sie komplementär zur Solar- und Windenergie Strom erzeugen.

Politik ignoriert Potenzial von BiogasanlagenMehr als zwei Drittel aller Biogasanlagen werden von Landwirten betrieben. So kam im Jahr 2013 etwa fünf Prozent, das heißt zwanzig Prozent aller erneuerbaren Stromerzeugung aus Biogas. Entsprechende Randbedingungen müssen folglich sicherstellen, dass biogasbetriebene Anlagen zur Stromerzeugung weiterhin bereitstehen und dass Anreize für deren systemangepassten flexiblen Betrieb geschaffen werden. Doch das gelingt der Politik derzeit nur bedingt.

Denn das baldige Auslaufen der frühen Einspeiseverträge und die diskutierten Neuregelungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes verunsichern die Betreiber zunehmend. Insbesondere Betreiber älterer Anlagen stehen jedoch vor der Entscheidung, entsprechende Ersatzinvestitionen zu tätigen.

Fraglich ist derzeit allerdings, ob sich diese Investitionen angesichts einer unsicheren ökonomischen Zukunft lohnen. Hier sind abgewogene Konzepte gefragt, die einerseits robust bezüglich Änderungen ökonomischer Randbedingungen und andererseits auch technisch umsetzbar sind. Zu den relevanten Aspekten gehören die direkte Nutzung des Gases, der flexible Einsatz der Anlagen auch in Kombination mit Speichern sowie der Mehrwert einer Kraftwärmekopplung im jeweiligen lokalen Kontext.

In der Vergangenheit mussten Landwirte schon mehrmals auf „über Nacht“ veränderte Bedingungen reagieren, die ihre Investitionen gefährdeten. Noch nicht vergessen ist die erste Welle der biogenen Kraftstofferzeugung (Stichtwort E10 und Tank gegen Teller Diskussion), die ebenso schnell in Ernüchterung umschlug und Investitionsruinen zurückließ.

Auch bei der Solarenergie herrscht UnsicherheitAuch in der Photovoltaik haben mehrmals kurzfristig veränderte Rahmenbedingungen zu Investitionsunsicherheit beigetragen. Auch hier weden in einigen Jahren die Einspeiseverträge der frühen Anlagen auslaufen. Auch hier sind Nachfolgemodelle der Vermarktung notwendig: Wie lässt sich der Strom einer abgeschriebenen Anlage sinnvoll nutzen? Unter welchen Bedingungen lohnen notwendige Reinvestitionen bei Ausfall einzelner Komponenten noch? Unter welchen Bedingungen kann ein Zweitmarkt für diese Anlagen entstehen, der wiederum neue Chancen bietet?

Diese Verunsicherung der landwirtschaftlichen Akteure steht in direktem Gegensatz zu deren zentraler Rolle bei einer nachhaltigen Umsetzung der Energiewende.

Die Land- und Forstwirtschaft verfügt über den größten Teil der Flächen, die für die Produktion erneuerbarer Energien genutzt werden können (Bioenergie, Windenergie, Solarenergie). Neben vielen größeren PV-Anlagen ist mit den biogasbetriebenen KWK-Anlagen insbesondere der größte Teil der flexibel einsetzbaren, steuerbaren erneuerbaren Versorger in der Hand von Landwirten. Zusätzlich liefert die Landwirtschaft einen signifikanten Teil der heute im Verkehr eingesetzten erneuerbaren Energien (Biodiesel, Bioethanol).

Angesichts zunehmender Importrisiken spielen Möglichkeiten der eigenen Energieversorgung eine immer wichtigere Rolle. Die Landwirtschaft ist aber gleichzeitig ein großer Energieverbraucher und kann - abhängig von den Betriebsschwerpunkten - den Eigenverbrauch signifikant optimieren oder (Wärme-) Speicher bereitstellen.

Biogas mindert die Abhängigkeit von RusslandMit entsprechenden Szenarien können Energie- und Stoffflüsse analysiert und riskante Abhängigkeiten reduziert werden, beispielsweise bezüglich einer Steigerung der Energiebezugspreise. Zur Ermittlung angepasster Strategien als Teil einer umfassenden Energiewende kann anhand prototypischer Hofkonfigurationen (Ackerfläche, Viehhaltung etc.) die stoffliche (z.B. Energielieferabhängigkeiten) und wirtschaftliche Abhängigkeit im individuellen Kontext optimiert werden. Perspektivisch spielt auch die zunehmende Elektrifizierung von Landmaschinen eine zentrale Rolle.

Die Robustheit (Resilienz) der Landwirtschaft in einer Zeit des globalen energiewirtschaftlichen Umbruches mit unsicherer Zukunftserwartung – auch unter Berücksichtigung einer „Klimaresilienz“ – wird ein wichtiges Kriterium werden. Hierbei bildet auch die Verminderung von Importabhängigkeiten bei Energie und sonstigen Betriebsstoffen eine wichtige Komponente. Diese Anforderungen werden durch den Einsatz erneuerbarer Energien zusätzlich unterstützt.

Der Systemrelevanz der Nahrungsmittelversorgung entsprechend, muss auch staatlicherseits die Notwendigkeit entsprechender Anreize in ökonomisch noch unsicheren Bereichen geprüft werden. Es ist daher eine essenzielle und zentrale Forderung an die aktuelle Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für die Energiewende, die prominente Rolle der Landwirtschaft entsprechend zu berücksichtigen und in einem neuen Handlungsrahmen zu integrieren.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%