Energiewende: Scheitert das Jahrhundertprojekt diesen Sommer?

Energiewende: Scheitert das Jahrhundertprojekt diesen Sommer?

von Benjamin Reuter

Bei der Energiewende tobt ein Verteilungskampf zwischen der Politik, der Wirtschaft, den Stromkonzernen und den Bürgern. Das könnte ihr Ende sein.

Wer in den vergangenen Wochen Fernsehen geschaut und die Zeitungen gelesen hat, wird Zeuge eines tiefen Falls. Die Energiewende stürzt. Als eine Art Apollo-Projekt haben sie manche ihrer Befürworter schon ausgerufen; als die Anstrengung einer ganzen Generation.

Die Idee der Befürworter: Die Energiewende soll das Land in die Zukunft tragen – technisch, aber auch moralisch. Denn schließlich geht es um nichts weniger als die Rettung des Klimas und des Wohlstands der westlichen Welt.

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Wenn die Industrienation Deutschland zeigt, dass eine Wirtschaft mit bezahlbarer und sicherer grüner Energie arbeiten kann, dass sie mit ihr Produkte herstellt und in alle Welt exportiert und dass die Industrie sogar neue Arbeitsplätze schafft – so die Hoffnung – würden andere Länder Deutschland auf dem grünen Weg in die Zukunft folgen.

Damit wäre die Welt für unsere Kinder eine bessere und wir alle irgendwie auch ihre Retter.

Man muss es an dieser Stelle deutlich sagen: Diese oben beschriebene Energiewende ist eine fantastische Idee, sie ist ein tolles Projekt!

Aber jetzt, mehr als zehn Jahre nach ihrem Start durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), ist die Energiewende in der Wirklichkeit angekommen. Und die ist ganz schön hart. Denn verschiedenste Interessengruppen und Politiker zerren an dem Jahrhundertprojekt – und drohen es zu zerreißen.

Nüchterne Zahlen machen noch kein ZielDas große Problem der Energiewende ist, in einem Satz zusammengefasst: Die Politik, die Bürger, die Wirtschaft und die Umweltverbände, sie alle können sich derzeit nicht darauf einigen, was sie eigentlich mit der Energiewende wollen.

Was fehlt, ist ein klar definiertes Ziel.

Sicher, eine Leitplanke ist der Atomausstieg bis 2022. Eine zweite, das Ziel der Regierung bis 2020 rund 35 Prozent Erneuerbare im Netz zu haben. Ein drittes Ziel ist es, bis 2050 ganz Deutschland mit 80 Prozent Wasser, Wind, Sonne und Biomasse zu betreiben.

Jenseits der nackten Zahlen zeigt sich nun aber, dass ein echtes inhaltliches Ziel fehlt. Denn die verschiedenen Ziele der Energiewende, das stellt sich in diesen Wochen heraus, lassen sich nicht alle gleichzeitig erreichen. Mehr noch: Vielleicht müssen wir in diesen Tagen begreifen, dass die Energiewende ohne Widersprüche und Verteilungskämpfe nicht zu haben ist. Denn wir wollen einen Umbau der Energieversorgung, der gleichzeitig

1. umweltfreundlich2. bezahlbar3. zügig4. sicher5. bürgergetrieben und6. ein Vorbild für Welt ist.

Derzeit erfüllen wir nur zwei dieser Ziele. Da ein Blackout bisher ausblieb, ist Versorgungssicherheit (bislang) erreicht. Ebenso wie Ziel 3, nämlich dass die Energiewende zügig vorangeht. Im Jahr 2020 könnten schon 50 Prozent Erneuerbare am Netz sein. Das lässt manche jubeln: 2030 schon könnte der vollständige Umstieg geschafft sein.

Aber was bedeutet das?

Alles auf einmal gibt es nichtDerzeit bedeutet der rapide Umbau, dass mehr schmutziger Kohlestrom ins Netz fließt als je zuvor (Ziel 1 verfehlt), dass Strom so teuer ist wie nie zuvor (Ziel 2 verfehlt) und das wohl deshalb auch die Welt zunehmend skeptisch auf unsere Energiewende blickt (Ziel 6 verfehlt).

Das wird sich schon alles irgendwie regeln, werden manche jetzt einwenden. Aber schauen wir auf Punkt 5: die Bürger-Energiewende.

Es ist richtig, viele Bürger, Genossenschaften und auch Unternehmen stellen ihre Energie inzwischen selbst her. Und es werden, wenn Solarzellen und Batterien in einigen Jahren günstig genug sind, noch viele viele mehr. Auf den ersten Blick eine tolle Sache. Aber die Probleme sind vorprogrammiert:

Wenn irgendwann die Hälfte der Verbraucher ihren Strom hauptsächlich selbst herstellt, wer trägt dann die Kosten für das System, wenn doch mal keine Sonne scheint und die Batterien leer sind? Wer trägt die Kosten für die Wartung der Infrastruktur? Derzeit trügen die Kosten all jene, die sich nicht autark machen können – Bewohner in den Städten zum Beispiel. Die Folge für sie: Weitere Preissteigerungen.

Aber bekommen wir dieses Problem nicht in den Griff?

Wagen wir ein Gedankenspiel: Vernünftig wäre es in diesem Fall, von allen Selbstversorgern eine Gebühr einzutreiben, um die Netze in Schuss zu halten und für die Wintermonate eine Reserve zu liefern. Sagen wir, 350 Euro pro Jahr. Die Folge wäre, dass die Solarlobby mauert.

Ihr Argument: Dann lohnt sich doch der Kauf der Technik für die Menschen gar nicht mehr. Die Batteriehersteller werden genauso argumentieren. Also wird die Politik die Umlage auf 200 Euro reduzieren und die Mehrkosten allen anderen aufbrummen. Das weiter oben genannte Ziel 2, also eine bezahlbare Energieversorgung, wird weiter verfehlt.

Zu einfach gedacht? Nein, denn genau das passiert im großen Maßstab gerade mit der Energiewende insgesamt.

Das Schwerste steht uns noch bevorDenn die Energieversorger wollen teure Offshore-Energie und schmutzige Kohlekraft, Bauern zehntausende Euro Pacht für ihre Solar- und Windfelder, die Sozialpolitiker und die Wirtschaft günstigen Strom, Investoren hohe Renditen, der Staat seine Steuern, die Bundesländer ihre Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren, die grünen Bürger und Klimaretter ihren Traum von der möglichst schnellen Energiewende ... und so weiter.

Es ist dringend an der Zeit zu erkennen: Das alles passt nicht zusammen, all diese Interessengruppen rennen in verschiedene Richtungen. Deshalb müssen sie sich endlich die Frage stellen: Welches Ziel wollen wir gemeinsam mit der Energiewende verfolgen? Aus 1-2-3-4-5-6 müssen sie Prioritäten wählen.

Denn eine sichere Stromversorgung verträgt sich schlecht mit einem schnellen Umbau. Ein langsamer Umbau passt wiederum nicht zum Klimaschutz, der Klimaschutz wiederum nicht zu billigem Strom. Und viel Selbstversorgung ist nicht unbedingt gut für die Geldbeutel der Allgemeinheit.

Wenn die Interessengruppen diese Widersprüche nicht schnellsten angehen und die Verteilungskämpfe beilegen, wird der politische Murks in Sachen Energiewende so weitergehen. Er wird sich wohl sogar verschärfen: Denn die ersten 25 Prozent Erneuerbare in das Stromnetz einzubinden, war vergleichweise einfach.

Die nächsten 25 Prozent aber erforden einen geplanten und grundlegenden Umbau der Energieinfrastruktur und des Marktes - ein Novum in der Geschichte moderner Gesellschaften. Insofern ist das Wort vom Jahrhundertprojekt auch berechtigt.

Deshalb: Finden die Interessengruppen nicht schleunigst einen gemeinsamen Nenner, erleben wir in diesem Sommer den Anfang vom Ende der Energiewende.

Wäre das schade? Ja! Aber alles für alle und alles sofort – das geht nicht.

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