Energiewende: Steigende Stromkosten machen der Industrie wenig aus

Energiewende: Steigende Stromkosten machen der Industrie wenig aus

von Jan Willmroth

Leidet die deutsche Industrie unter zu hohen Strompreisen? Eine neue Studie zeigt: So wichtig sind die gar nicht.

Wenn Günther Oettinger über die Energiewende spricht, schlägt er gern Alarm. Hohe Strompreise gefährdeten die europäische Wettbewerbsfähigkeit, meint der EU-Energiekommissar: „Europa ist auf dem Weg zur Deindustrialisierung“ – solche Sätze sagt er seit Jahren. Auch der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) stimmte vor wenigen Tagen im Bundestag mit ein. Oettingers Lieblingswort durfte dabei nicht fehlen.

Sind die Warnungen berechtigt – oder ist das pure Panikmache?

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In einer neuen Studie des Forschungsnetzwerks Climate Strategies unter Mitwirkung des Deutschen Instituts  für Wirtschaftsforschung kommen führende europäische Klimaökonomen zu einem anderen Schluss: Die Energiekosten hätten nur bei einem kleinen Teil der europäischen Industrie großen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit, heißt es darin. Nur acht Prozent der deutschen Industrieunternehmen bekämen bei steigenden Preisen ernsthafte Probleme.

Strompreise nicht ausschlaggebendUnd an diesen Probleme sind nicht in erster Linie die Strompreise schuld. Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen hängt den Berechnungen zufolge vor allem von den Kosten für Kohle, Gas und Öl ab. Bei diesen Energieträgern gebe es die weitaus größeren Preisdifferenzen. So habe der Schiefergas-Boom in den USA, die weltweite Rezession und steigende Nachfrage aus die Preisunterschiede beim Erdgas noch einmal deutlich verschoben. Im europäischen Durchschnitt kostet Gas derzeit beinahe dreimal so viel wie in den USA. Auch bei Kohle hätten die USA einen Preisvorteil – wobei die Studie nicht auf den indirekten Effekt der fossilen Brennstoffe auf den Strompreis eingeht.

Während Oettinger und Gabriel vor zu hohen Strompreisen warnen, betonen die Autoren des Reports etwas anderes: Europa tue gut daran, mit seinen Anstrengungen gegen den Klimawandel weiterzumachen – sonst verliere es den Anschluss gegenüber den USA und Asien. Bei der Energieeffizienz und Innovationsfähigkeit in diesem Bereich gehörten einige europäische Länder zwar nach wie vor zur Spitzengruppe. Hohe Energiepreise seien sogar von Vorteil, denn Länder mit höheren Preisen seien in der Regel auch energieeffizienter.

Doch die internationale Konkurrenz hole auf, schreiben die Experten. „Zurückzufallen würde Europa viel stärker der Volatilität der internationalen Rohstoffmärkte aussetzen“, heißt es in der Studie. Gerade, indem der alte Kontinent auf dem Weg zu einer emissionsarmen Wirtschaft in der Gruppe der führenden Länder bleibe, könne Europa wirtschaftlich profitieren. Weil sich die europäischen Staaten selbst nicht ausreichend mit fossilen Brennstoffen versorgen können, sei die Förderung von Energieffizienz und erneuerbaren Energien der richtige Weg. Die wirtschaftliche Erholung der Euro-Zone und die Klimapolitik könnten und sollten sich deshalb gegenseitig verstärken.

Andere holen auf - und das ist auch gutDenn inzwischen sorgen andere für das Wachstum der sauberen Energieerzeugung: 70 Prozent der 2013 weltweit neuen Windkraft-Kapazitäten wurden außerhalb Europas installiert. Das trifft genauso für rund 40 Prozent der Photovoltaik-Kapazitäten zu. 138 Länder haben inzwischen Ausbauziele für erneuerbare Energie, und 66 Länder haben Einspeisevergütungen eingeführt, die mit den europäischen Fördermechanismen vergleichbar sind.

Wenngleich die Strompreise den Autoren zufolge eher unwichtig seien, verteidigen sie in ihrer Studie auch die Ausnahmen für energieintensive Industrien, etwa beim Emissionshandel. Acht Prozent der Industrieunternehmen müssten mindestens sechs Prozent ihrer Wertschöpfung für Energie ausgeben – und seien deshalb im internationalen Wettbewerb besonders gefährdet. Auch um das abzumildern, so argumentieren die Forscher, seien Effizienzmaßnahmen und Innovationen ein wichtiger Schritt.

Vielleicht ist das aber auch ein bisschen zu viel Alarmismus – denn anscheinend haben sich andere Länder einiges bei Europa abgeschaut. Wenn sie in Sachen Energieeffizienz und Klimapolitik jetzt nachziehen, kann das dem Klima nur gut tun.

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